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Kultur „Chihuahua" wird am Schlosstheater Celle aufgeführt
Nachrichten Kultur „Chihuahua" wird am Schlosstheater Celle aufgeführt
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12:00 13.11.2012
Von Heinrich Thies
Das frisch sanierte Schlosstheater Celle ist Schauplatz für Jan Neumanns Gegenwartskomödie „Chihuahua".
Das frisch sanierte Schlosstheater Celle ist Schauplatz für Jan Neumanns Gegenwartskomödie „Chihuahua". Quelle: dpa
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Celle

Es darf gelacht werden. Das Schlosstheater Celle beglückt seine Besucher im gelifteten Barockambiente mit einer Gegenwartskomödie von Jan Neumann. Der Titel des Stückes, das erst 2011 am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt wurde, lautet „Chihuahua“ und bezeichnet eigentlich eine Miniaturhunderasse aus der Gruppe der Schoßhunde.

Obwohl dauernd von diesem Hündchen die Rede ist, bekommt man im Stück allenfalls seine lange Leine zu sehen - und sein Frauchen: Tante Margot (gespielt von Monika Häckermann), die ihr ganzes Leben den kläffenden Vierbeinern gewidmet hat.

Im Mittelpunkt des Stücks aber steht deren Neffe Andi. Der kurzsichtige Fernsehregisseur mit dem Pferdeschwanz (Karsten Zinser) hat von seinem Großvater einen heruntergekommenen Bauernhof im Oderbruch geerbt - und ist wild entschlossen, das Erbe anzutreten, von der Stadt aufs Land überzusiedeln und sich vom Seifenoperproduzenten zum Naturburschen zu wandeln.

Sehr zum Leidwesen seiner Freundin Bine (Sibille Helfenberger), für die es unvorstellbar ist, sich in der Einöde einzurichten. Mindestens genauso ablehnend steht Andis Vater dem Projekt gegenüber. Zum einen fühlt sich der frühere Theaterregisseur (Robert Tillian) in der Erbfolge übergangen, zum andern steckt er bis zum Hals im Schulden und wäre eigentlich dringend auf das Geld angewiesen, das ihm der Verkauf des Hofes einbringen würde. Ebenso Tante Margot. Die Hundenärrin hat nämlich durch eine Fehlspekulation ihres Bruders ihr gesamtes Vermögen verloren.

So verbünden sich Andis Vater, Tante Margot und Freundin Bine, um den anfangs noch glücklichen Erben von seiner Idee eines Landlebens in Eintracht mit der Natur abzubringen. Sein Vater zum Beispiel schickt den Möbeltransporter in die Irre (über die polnische Grenze), inszeniert den Protest gegen ein erfundenes CO2-Endlager und beauftragt einen Schauspieler (Mirko Zschocke), einen vertrottelten Nachbarn zu mimen.

Dabei hat Andi schon mit eigenen Problemen zu kämpfen. Denn der Enddreißiger ist allergisch gegen Pollen und kann somit nicht einmal entspannt das Haus verlassen - ganz davon abgesehen, dass es draußen auch nicht besonders schön ist. Fabrikruinen, leerstehende Häuser und kahle Äcker prägen die Landschaft, und der ererbte Hof ist extrem sanierungsbedürftig.

Traum vom anderen Leben

Kurz: Ein Missgeschick jagt das nächste, und der Traum vom anderen Leben verkommt zu einer künstlichen Inszenierung. Die Bienen im Garten sind nur verkleidete Statisten in einem Werbespot, den Andis Freund (Timo Alexander Wenzel) auf dem einsamen Gehöft dreht, und das Gackern der Hühner wird zur aufgedruckten Sprechblase auf einer Küchengardine.

Nicht alles ist schlüssig in dieser Groteske. So fragt man sich, wie der Vater einen Haufen Geld aus dem Anwesen herausschlagen will, obwohl es doch offenkundig völlig wertlos ist. Aber darauf kommt es nur am Rande an. Was zählt, ist das Spiel mit Klischees, das grandiose Scheitern einer Idee und die sich daraus ergebende Situationskomik des Absurden.

Der Celler Regisseurin Christine Hofer gelingt es, Jan Neumanns Geschichte mit Slapstick-Elementen, schwarzem Humor und Einfallsreichtum temporeich voranzutreiben und spektakulär in Szene zu setzen. Dabei kann Christine Hofer auf eine traumhafte Kulisse aus alleinstehenden Fachwerkwänden und Türen (Bühne: Odilia Baldszun) bauen, die im krachenden Finale effektvoll in sich zusammensacken.

Die Darsteller agieren wie Comicfiguren: überdreht, laut und unsentimental. Auf die Dauer ist das ein bisschen ermüdend. Da ist es gut, dass zwischendurch lateinamerikanische Rhythmen erklingen und die Akteure wie Puppen zum Tanzen bringen. Für das Publikum im Celler Schlosstheater Zeit zum Durchatmen - in einer rasanten Inszenierung im Zeichen eines unsichtbaren Hundes. Applaus.

Weitere Aufführungen: Täglich um 20 Uhr bis zum 5. Dezember. Karten gibt es unter (05141)9050875/76 und im Internet unter karten@schlosstheater-celle.de.

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