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Kultur Chorknaben machen „Leistungssport mit der Stimme“
Nachrichten Kultur Chorknaben machen „Leistungssport mit der Stimme“
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06:16 08.07.2012
Von Jutta Rinas
Roland Weise ist pädagogischer Leiter der Leipziger Chorknaben. Quelle: privat
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Leipzig

HAZ-Autorin Jutta Rinas sprach mit Roland Weise, dem pädagogischen Leiter der Leipziger Chorknaben.

Die Kinder von heute hören Lady Gaga und Justin Bieber. Die Knaben aus dem Thomanerchor singen Bach. Wie begeistern Sie sie für eine Musik, die 300 Jahre alt ist?

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Wir begeistern sie einfach dadurch, dass wir ihnen die Begegnung damit ermöglichen. Sie wachsen in engem Kontakt mit geistlicher Musik auf und finden sie so toll, dass sie oft nicht genug davon bekommen können. Ich denke oft, dass vermutlich alle Kinder für geistliche Musik zu begeistern wären, wenn sie sie nur hören und singen würden. Dass diese Begeisterung selten geworden ist, liegt einfach am fehlenden Kontakt. In den Massenmedien erklingt eben eine andere, immer gleiche Soße.

Welche Voraussetzungen müssen die Jungen mitbringen, um im Thomanerchor mitzusingen?

Sie müssen gesundheitlich stabil sein. Das Internatsleben und die vielen Konzertreisen sind physische Herausforderungen für die Kinder. Und sie müssen über eine gesunde, kräftige Stimme verfügen, die gut ausgebildet werden kann. Wir machen ja im Grunde Leistungssport mit der Stimme. Da muss sie belastbar sein.

Kann auch ein Kind, das hochmusikalisch ist, aber schlechte Noten schreibt, im Thomanerchor singen?

An unser Internat ist nur ein Gymnasium angeschlossen. Wer also keine Gymnasialempfehlung hat, der kann noch so schön singen, er kann nicht in den Chor. Wir haben hier aber beileibe nicht nur Kinder, die schon in der Grundschule wissen, dass sie später Rechtsanwalt werden wollen. Wir gucken uns die Kinder genau an – und manche nehmen wir auf, obwohl die Grundschule über ihre Leistungen jammert. Wir fördern und fordern sie stark. Die Thomaner in unserem jetzigen Abi-Jahrgang haben einen Notenschnitt zwischen 1,1 und 1,9. Da sind viele dabei, bei denen man das nach der Grundschulzeit nicht vermutet hätte.

Beschreiben Sie doch mal einen ganz normalen Tag eines Chorknaben. Die Schule ist nach sechs Stunden zu Ende. Er kommt zurück ins Internat. Was passiert dann?

Wir essen zusammen Mittag, etwa 20 Minuten lang. Danach haben die Größeren manchmal Schule, ansonsten ist Zeit für Hausaufgaben. Um 14.30 Uhr ist einmal in der Woche Instrumental- und Gesangsunterricht. Um 15.30 Uhr sind Proben. Um 18 Uhr probt der Gesamtchor. Um 18.45 Uhr gibt es Abendessen, danach ist bis 20 Uhr Zeit für Hausaufgaben und Vokabeln lernen. Um 20.30 Uhr ist für die Jüngsten Schlafenszeit. Um Mitternacht ist in der Regel bei allen das Licht aus, außer wenn Länderspielzeit ist.

Das klingt nach einem ziemlich vollen Programm ...

Ja, aber es gibt auch viele Freizeitinseln zwischendrin. Da werden die Jungs beschäftigt und viel bewegt: mit Fußballspielen, Hockey, Taekwondo. Wenn Kinder so lange stillsitzen, ist Bewegung sehr wichtig.

Um diesen eng getakteten Stundenplan durchzuhalten, müssen die Kinder sich relativ problemlos ins große Ganze einfügen. Wie schaffen Sie das, wo doch andere Bildungseinrichtungen ständig darüber klagen, dass die Kinder heute so frech, so zappelig, so schwierig sind?

Man muss immer bedenken: Bei uns sind nur Kinder, die selbst unbedingt das machen wollen, was sie machen. Es ist wie im Sport. Ein Junge, der fußballverrückt ist, sieht auch die Notwendigkeit für das Training vor dem Spiel. Unsere Sänger wissen, dass für Konzertreisen oder Fernsehproduktionen viel geübt werden muss. Das macht Mühe, aber das Ergebnis ist auch wunderschön.

Zu den schulischen und gesanglichen Belastungen kommen noch andere: die Trennung von den Eltern, das ständige Sich-bewegen-Müssen in einer Gruppe. Der jetzige Thomaskantor Georg Christoph Biller hat gesagt, für „Sensibelchen ist das hier nichts“.

Ich würde sagen, Sensibelchen haben es schwerer als robuste Kinder. Aber Jungs, die Klavier oder Geige spielen oder im Sopran und im Alt singen, sind oft auch Sensibelchen. Um die Matthäus-Passion aufführen zu können, muss man sensibel sein. Und es ist die Frage, ob solche Jungen es hier tatsächlich schwerer haben als in einer normalen Mittelschule in einer mittelgroßen Stadt, in der sie wegen ihrer musischen Interessen gemobbt werden. Viele unserer Kinder sind erleichtert, wenn sie hierherkommen, weil sie zum ersten Mal unter Gleichgesinnten sind.

Wie alt sind die jüngsten Chorknaben, und wie gehen sie mit der Trennung von den Eltern um?

Unsere Kleinsten sind 9 oder 10 Jahre alt. Die meisten von ihnen kommen aus Leipzig, und in der Regel gehen sie abends zum Schlafen noch nach Hause. Auch später schlafen sie am Freitagabend zu Hause, dort sind sie auch am Sonnabend und Sonntag, bis auf die Gottesdienste und regelmäßigen Konzerte am Wochenende in der Kirche. Wir versuchen, eng mit den Familien zusammenzuarbeiten, wir sind ja ein Teil von ihnen.

Und die Mädchen?

Ach, Mädchen. Unsere Jungens begegnen Mädchen allenthalben: Mitschülerinnen, Schwestern. Sie singen nur nicht mit ihnen im Chor zusammen, das ist alles. Bald veranstalten wir auch wieder einen von zwei Hausbällen im Jahr.

Und da sind Mädchen dabei?

Natürlich. Wir sind ja kein Kloster.

Ihre Knaben müssen für den Chor auf sehr viel verzichten, ein normales Familienleben, auf Freizeit. Was glauben Sie, bekommen sie dafür zurück?

Sie bekommen durch die Musik einen unglaublichen Input an Kultur und seelischer Stärke. Wenn ich singe, transportiere ich die Inhalte der Musik und der Texte durch mich hindurch. Das geht nicht ohne ganz viel innere Anteilnahme und Empathie. Die Musik, die Texte der Passionen oder des Weihnachtsoratoriums, werfen Fragen auf, mit denen sich die Jungen intensiv auseinandersetzen. Das hinterlässt Spuren, die die Thomaner oft ein Leben lang prägen. Viele bleiben der Musik verbunden, sie spielen als Hobby in der Kirche Orgel oder singen im Chor am Ort.

Es heißt, in Ihrem Jubiläumsjahr geben Sie außerhalb von Leipzig kaum Konzerte. Wie kam es dazu, dass Sie in Hannover singen?

Ehrlich gesagt, singen wir in diesem Jahr auch nicht weniger an anderen Orten als sonst. Aber Leipzig verbindet mit Hannover seit 1987 eine Städtepartnerschaft, die vor allem in der Nachwendezeit für die Stadt sehr wichtig war. Und Hinrich Lehmann-Grube, der Oberstadtdirektor aus Hannover, der nach der Wende bis 1988 bei uns Oberbürgermeister in Leipzig war, wohnt direkt neben dem Internat und ist uns sehr verbunden. Umso mehr freuen wir uns, dass wir zum Jubiläum der Städtepartnerschaft Leipzig-Hannover in der Markuskirche singen werden.

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