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Kultur Chris Kraus: "Jeder ist immer gefährdet"
Nachrichten Kultur Chris Kraus: "Jeder ist immer gefährdet"
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20:37 14.05.2017
„Moral hat immer auch etwas Beliebiges“: Chris Kraus.
„Moral hat immer auch etwas Beliebiges“: Chris Kraus. Quelle: Henning Kaiser/dpa
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Herr Kraus, Ihr neuer Roman „Das kalte Blut“ handelt von zwei deutschbaltischen Brüdern, Konstantin und Hubert Solm. Beide machen in der SS Karriere. Sie selbst sind Enkel eines NS-Täters. Wie haben Sie erfahren, dass Ihr Großvater im Baltikum in der SS aktiv war?

Einerseits war das der Familie immer bekannt, da er offiziell in der Waffen-SS eingesetzt war, dem militärischen Verband der SS. Dies hat niemanden überrascht und war auch nicht ehrenrührig, in den Sechziger- und Siebzigerjahren schon gar nicht. Seine Mitgliedschaft in der sogenannten allgemeinen SS jedoch, die unter anderem die Totenkopfverbände und auch das Gros der berüchtigten SS-Einsatzgruppen stellte, hat er immer geheim gehalten. Davon erfuhr ich erst Anfang 2001.

Was war Ihre erste Reaktion?

Na ja, es ging mir danach physisch nicht gut, psychisch auch nicht, zumal ich ja dann auch en detail erfuhr, wie er in die gesamte Holocaust-Maschinerie involviert war und auch persönlich Juden-Exekutionen durchgeführt hat. Die berühmten Schlafstörungen, Depressionen, die ich bis dahin für Klischees gehalten hatte und die mir dann passierten, waren schon erstaunlich. Die zweite Reaktion war, um es mal neutral zu sagen, fassungslose Neugier und das unbedingte Wissenwollen, was in meiner Familie geschehen war.

Schon Ihre Filme „Poll“ und „Die Blumen von gestern“ sind eng mit Ihrer Familiengeschichte verbunden. Jetzt gibt es noch den neuen Roman dazu. Warum lässt Sie dieses Thema nicht los?

Warum sollte es das? Es beschäftigt mich nun einmal, wo ich herkomme, warum ich der geworden bin, der ich bin, und durch was ich auch gehindert wurde, zu mir selbst zu finden. Wobei diese Reise nie zu Ende ist, auch jetzt nicht. Wir sind so sehr geprägt durch das, was uns mitgegeben wurde, wir sind so wenig Herr unseres Geschicks. Es gibt ja dieses schöne Sprichwort: Man kann werden, was man will. Man kann aber nicht wollen, was man will. Wir sind also alle Getriebene, und ich bin das auch. Dieses Thema meiner Familie treibt mich an, da gibt es auch eine sehr unbewusste Komponente.

Was bot die Literatur in „Das kalte Blut“, was ein Film nicht bietet?

Vor allem mehr Mittel für weniger Geld. Das, was ich geschrieben habe, eins zu eins in Film umzusetzen, würde 300 Millionen Euro kosten. Da wird ja das komplette 20. Jahrhundert erzählt, und die Schauplätze liegen in halb Europa. In aller Bescheidenheit würde ich gerne versuchen, aus dieser Geschichte auch einen Film zu machen, hoffentlich dann nicht in Pappkulissen. Aber viele Dinge kann man auch komprimieren, was eine andere Ökonomie des Erzählens bedeutet. Nirgendwo ist man beim Geschichtenerzählen freier als auf dem Papier.

Auffällig ist der besondere literarische Ton in Ihrem Buch. So arbeiten Sie einen deutschbaltischen Dialekt, eine Mischung aus Ostpreußisch und Jiddisch, mit ein. Warum war Ihnen das wichtig?

Ich liebe Kontraste, und ich liebe auch Kontraste in der Sprache. Mein Großvater zum Beispiel sprach diesen mittlerweile ausgestorbenen deutschen Dialekt, das Baltische. Eine unglaublich weiche, sanfte, warme Sprachmelodie, verspielt und lieblich. Diesen Kontrast zu den Dingen, die geschehen sind, kann man mit Sprache befördern. Ich habe auch zum Teil Hessisch, Bayerisch, Kölsch, Englisch und so weiter in meinem Roman eingesetzt.

Chris Kraus liest am Donnerstag, 18. Mai, um 19.30 Uhr im Literaturhaus Hannover, Sophienstraße 2, aus „Das kalte Blut“. Karten gibt es unter der Telefonnummer (05 11) 16 84 12 22. HAZ-Redakteurin Martina Sulner moderiert. „Das kalte Blut“ ist bei Diogenes erschienen und kostet 32 Euro.

Den zweiten Teil von „Das kalte Blut“ prägt die Erkenntnis, dass Deutschland nach dem Krieg zu einem erheblichen Teil von Mitläufern und NS-Leuten wieder aufgebaut wurde. Sie haben sehr genau dazu recherchiert. Hat Sie diese Erkenntnis überrascht?

Ich kannte natürlich die Tatsache der Kontinuität von anderen Berufsfeldern, Ärzten, Juristen und so weiter. Die Geheimdienste jedoch sind durch ihre Nähe zur Politik noch einmal eine andere Qualität. Dass Reinhard Gehlen, der Gründer des Bundesnachrichtendienstes, ein Hitler persönlich vortragender General gewesen war, ein absolut überzeugter Nazi, der sein Leben nur der Tatsache einer rechtzeitigen Fahnenflucht zu verdanken hatte und der seinen Dienst mit einem nahezu identischen Team der NS-Zeit aufgebaut hat, flankiert von geradezu aberwitzigen Episoden, hat mich doch sehr erstaunt. Wie es möglich ist, mit den gleichen Leuten, die einen Unrechtsstaat aufgebaut haben, auch seinen Rechtsstaat aufzubauen, beantwortet ja auch die Frage von vorhin: Moral hat immer auch etwas Beliebiges, kann jederzeit umgebogen oder umgewertet werden. Das ist das absolut Furchtbare, dass die Amoral uns immer bedroht. Man kann sich seiner selbst nie sicher sein. Jeder einzelne ist immer gefährdet.

Sie mischen Fakten deutscher Geschichte mit fiktiven Elementen, ein klassisches, literarisches Verfahren. Aber: Wäre in Zeiten der Fake News, in denen Rechtspopulisten in vorher nicht gekannter Form mit falschen Fakten operieren, eine historische Dokumentation nicht angemessener?

Ich habe ja eine Dokumentation dazu geschrieben. Das eine ergänzt das andere. Die Fiktionalisierung dessen, was ich recherchiert hatte, ermöglicht eine andere Perspektive. Ich komme in den Kopf des Täters, ich befrage ihn, gleichzeitig befrage ich mich, und ich befrage übrigens auch den Leser, wie er sich dazu stellt. Ein Sachbuch hinterlässt eine andere Sicherheit, etwas Schreckliches erfahren zu haben. Die Fiktionalisierung verunsichert viel mehr, sie konfrontiert uns mit Fragen, die man sich vielleicht lieber nicht stellen möchte: Zu was bin ich eigentlich in der Lage? Wie bewerte ich die Taten des Täters? Kann ich sie nachvollziehen oder nicht? Finde ich die eine Untat richtiger als die andere? Fiktion hat mehr mit Fragen zu tun als Non-Fiction.

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