Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Chris de Burgh mit allen Hits in der AWD-Hall Hannover
Nachrichten Kultur Chris de Burgh mit allen Hits in der AWD-Hall Hannover
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:31 25.09.2011
Ein alter Kämpe hält Kurs: Chris de Burgh in der AWD-Hall.
Ein alter Kämpe hält Kurs: Chris de Burgh in der AWD-Hall. Quelle: Martin Steiner
Anzeige
Hannover

Chris de Burgh weiß genau, wo er ist: in Hannover. Er kann sich noch sehr gut daran erinnern, wie er das vorige Mal hier gespielt hat, erzählt er. Das war draußen auf der Parkbühne, und es hat geregnet. Heute hat er nebenan in der annähernd ausverkauften AWD-Hall seine Instrumente aufgebaut, bei bestem Spätsommerwetter. „Spiele ich draußen, regnet es, spiele ich drinnen, scheint die Sonne – thank you, Hannover!“, scherzt der 62-Jährige und hat die 2500 Zuschauer gleich hinter sich, als er ergänzt: „Ich habe ein neues deutsches Wort gelernt: Stau! Aber das war bei Hamburg.“

Chris de Burgh ist ein charmant-­witziger Conférencier seiner selbst, ein sympathischer kleiner, älterer Mann mit der Gitarre vor dem Bauch, der uns Lieder singt und Geschichten erzählt. Die meisten davon kennt man seit langer Zeit, denn der Ire mit Wurzeln in Argentinien ist seit den Siebzigern erfolgreich im Musikgeschäft. Heute ist man hier, um die alten Lieder wiederzuhören, nebenbei wird es sicherlich ein paar neuere geben. Die Schiffs- und ­Piratenfilmkulisse auf der Bühne weist schon darauf hin und soll für schaurig-schummrige Atmosphäre sorgen, schließlich ist de Burghs aktuelles Album „Moonfleet and other Stories“ die Vertonung einer Seefahrergeschichte des britischen Autors John Meade Falkner. Also geht es los mit „The Light on the Bay“, einem typischen Chris-de-Burgh-Song: halb Ballade, halb dramatischer Schauerromantik-Pop.

Es dauert nicht lang, bis der erste alte Bekannte auftaucht. „Missing You“ und „Ship to Shore“ sorgen für gute Stimmung, bevor zwei noch ältere Bekannte mit reichlich Planktonbesatz vom Grund des Liederozeans aufsteigen: „S. O. S.“ von Abba und „Seven Bridges“ von Karat, ein Vorgeschmack auf das demnächst erscheinende Album de Burghs mit Coversongs.

So weit so gut, Chris de Burgh und seine vierköpfige Band an Bass, Schlagzeug, Keyboard und E-Gitarre spielen ein schönes Konzert, voller pompös-poetischer Chris-de-Burgh-Songs. Leider, und das zieht sich durch den ganzen Abend, erklingen manchmal weitaus mehr Instrumente, als auf der Bühne sind: Streicher, Bläser, Akkordeon, Flöten sieht man nicht, man hört sie nur. Wäre es nicht besser und ehrlicher gewesen, die Arrangements dann eben zu reduzieren und ausschließlich live zu spielen?

„Spanish Train“ ist dabei, später auch „A Spaceman came travelling“, „Where peaceful Waters flow“ und „Borderline“ – dafür gibt es tosenden Applaus, im Stehen. De Burgh genießt ihn minutenlang, sich verneigend, winkend. Ist jetzt schon Schluss? Nein, nicht doch. Ist doch gerade erst Pause gewesen. Weiter geht es mit dem politisch-pathetischen „People of the World“, dem Freiheitskampf des iranischen Volkes gewidmet, und einigen Liedern, die de Burgh alleine, nur zur zwölfsaitigen Gitarre, singt. „Irgendwelche Wünsche?“, fragt er schelmisch in den Saal – und wehrt natürlich trotzdem gekonnt alle Zurufe ab. „Patricia the Stripper“ fordert jemand ein – aber, so der Künstler, diese Patricia sei doch über hundert Jahre alt, das wolle man doch nicht wirklich. Na gut. Dass die meisten anderen seiner Hits ebenfalls aus den späten Siebzigern und frühen Achtzigern kommen und somit auch gefühlte hundert Jahre auf dem Buckel haben – geschenkt.

Dann stürmen die überwiegend weiblichen Fans wie auf ein vereinbartes Zeichen vor die Bühne, und es wird ­heimelig. „Lady in Red“, der große Kuschelrocksong aus der Feder de Burghs, lässt das Konzert endgültig schlageresk werden; dazu passt, dass der Sänger das Mikrofon in die Hand nimmt und durch den Saal schreitet, Hände schüttelnd, galant lächelnd wie Roger Whittaker auf einer seiner zahlreichen Abschiedstourneen.

Mit Totos „Africa“ lässt Chris de Burgh einen weiteren seltsam anmutenden Coversong folgen, „Don’t pay the Ferryman“ und „High on Emotion“ bilden das satte Finale eines rund dreistündigen und gefeierten Abends in Hannover. Bei Hamburg ist sicher immer noch Stau.

Matthias Schmidt