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Kultur Christian Demand: „Wie kommt die Ordnung in die Kunst?“
Nachrichten Kultur Christian Demand: „Wie kommt die Ordnung in die Kunst?“
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11:24 12.08.2010
Von Johanna Di Blasi
Schmetterlinge und Nachtfalter aus Papier von Lili Fischer im Museum Schäfer in Schweinfurt.
Wird die Kunst im Museum domestiziert? Überlebensgroße Schmetterlinge und Nachtfalter aus Papier von Lili Fischer im Museum Schäfer in Schweinfurt. Quelle: dpa
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Die meisten werden das Phänomen kennen: Man durchschreitet die klimatisierten Schauräume von modernen Kunstmuseen, und es beschleicht einen ein Gefühl des Déjà-vu. Während in kaum einem Bereich die Ausdifferenzierung größer ist als in der Kunst (man kann regelrecht von chronischer Unübersichtlichkeit sprechen), herrscht in den Ausstellungshallen in New York, Stockholm oder Berlin eine merkwürdige Verknappung und Uniformität.

Der Kunsttheoretiker Christian Demand hat diese Beobachtung zum Ausgangspunkt eines erhellenden Buches mit dem Titel „Wie kommt die Ordnung in die Kunst?“ gemacht. Der Autor besuchte drei renommierte Sammlungen zufällig kurz nacheinander und hatte das Gefühl, „versehentlich in den Zoo geraten“ zu sein. Wie Elefanten, Rhinozerosse und Murmeltiere im Tiergarten, fand er in den Kunstmuseen die Arten säuberlich eingehegt. Auf die kubischen Phantasien Picassos und Mondrians folgten Malewitsch und Kandinsky, über Man Ray und Duchamp ging es zu Max Ernst, auf Pollock, Newman und Rothko folgten Warhol, Rauschenberg, Beuys, Stella, Richter und Twombly.

Die nähere Beschäftigung mit kunsthistorischen Selektions- und Klassifizierungsstrategien, institutionellen Kanonisierungen und Genealogien von vermeintlich unhinterfragbaren Meisterwerken führte Demand dazu, den Vergleich mit naturkundlichen Kabinetten sogar als noch treffender zu erachten als die Zoometapher: In den Museen fänden sich Exemplare der Kunst „aufwendig präpariert und konserviert“ und, wie Käferarten oder Schmetterlinge, eingebettet in systematische Entwicklungs­linien der Stämme, Arten und Unterarten. Fast so, als gäbe es auch in der Kunst eine evolutionäre Entwicklung, eine „histoire naturelle“.

Ist die Ordnung in den Museen und Kunstgeschichtsbüchern naturgegeben? Kein moderner Museumsmann würde das behaupten – und doch folgen die Präsentationen oft einem suggestiven Entwicklungsschema. Einen Grund für die museale Aufgeräumtheit vermutet Demand im unterschwelligen Nachwirken eines der populärsten Kunstbücher des 20. Jahrhunderts: Ernst H. Gombrichs 1950 erschienene „Story of Art“, von der bis heute sechs Millionen Exemplare in 30 Sprachen verkauft wurden.

Gombrich erklärte in einem eindrucksvollem Spannungsbogen die Kunst von der Höhlenmalerei bis zur frühen Moderne als eine sinnvoll verlaufende Entwicklung. Der Freund Karl Poppers fasste Kunstgeschichte als gigantische Überbietungsgeschichte auf, in der Künstlerpersönlichkeiten sich Problemstellungen widmen, individuelle Lösungen finden und zugleich das kollektive Projekt Kunst vorantreiben. Spätestens beim Fett- und Filzkünstler ­Joseph Beuys geriet der Empiriker Gombrich, der 16 Auflagen seines Buches erlebte und stetig um Aktualisierungen bemüht war, in Erklärungsnot. Beuys zeigte mangelnde Integrationsbereitschaft, ja, er suchte bewusst den Regelbruch. Gombrich – brutal, aber methodisch folgerichtig – exkludierte den unverdaulichen Brocken aus der universalen „Story of Art“.

„Beuys in die Kunstgeschichte aufzunehmen“, so Demand, „erscheint aus Gombrichs Perspektive so widersinnig, als wollte man jemanden in die Geschichte des Schachspiels integrieren, der Figuren vom Spielfeld nimmt, um damit nach seinem Gegner zu werfen.“

Der Bruch, die Durchtrennung des Traditionsfadens, vor der Gombrich graute, weil er den Einbruch des Chaos in die Kunst fürchtete, aber ist der Gründungsakt der Moderne. Während für die einen mit den Traditionsbrüchen à la Marcel Duchamp oder Joseph Beuys das Spiel Kunst an ein dekadentes, belangloses Ende gelangt war, interpretierten andere dieselben Akte als legitime Neuinterpretationen des Spiels – das nun allerdings regellos weitergespielt wurde. Es sei also gar kein Wunder, meint Demand, wenn „manch einem der Glaube an die absolute Verbindlichkeit ästhetischer Wertmaßstäbe abhanden“ gekommen sei. Verwunderlich sei eher die Domestizierung einst heftig diskutierter und umstrittener Kunstwerke in „biederen Setzkästen“.

Für den Autor ergibt sich aus dem Befund prinzipiell unauflösbarer Vielstimmigkeit und fortschreitender „Entnormung“, wie sie nicht erst seit den Avantgarden, sondern seit gut 250 Jahren diagnostiziert wird, nicht das notwendige Ende sinnvollen Debattierens über Kunst. Allerdings müssten die Kriterien für die Selektion immer wieder neu „ausgehandelt“ werden.

Spätestens mit einer neue Generation – und der 1960 geborene Autor ist einer solchen zuzurechnen – würden auch neue Auf-, Ab- und Umwertungen vorgenommen. Demand fasst Kunst als riesige und faszinierende Fankultur auf, die keineswegs einheitlich ist, sondern in vielfältigen Subkulturen eigene Binnendiskurse führt und Geschmacksnormen ausbildet. Von der Popkultur oder Mode unterscheide sich das Kunstsystem dadurch, dass es über ein (deutungs-)mächtiges Netz von Institutionen verfügt und dass seine Produkte und Präsentationen von einer ausgefeilten „Kunstweiheliteratur“ begleitet seien.

In der Kunstprosa werde traditionell nicht nur beschrieben, was gefällt, sondern auch vorgeschrieben, was uns gefallen solle. Aber wieso soll uns gefallen, was uns womöglich nicht gefällt? Wieso sollen wir uns nach dem Geschmack von Experten richten? Der Autor offenbart beinahe kunstrevolutionäre Züge, wenn er die Kunstlaien gegen Ende des Parcours durch historische und zeitgenössische Ästhetikdiskurse dazu auffordert, sich von Geschmacksrichtern in den Museen nichts vorschreiben zu lassen.

Allerdings bekleidet auch der Autor einen solchen Posten: Er hat seit 2006 den Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg inne.

Autor

Christian Demand

Titel

Wie kommt Ordnung in die Kunst

Verlag

Zu Klampen

Seitenzahl

288 Seiten

Preis

22 Euro

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