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Kultur Meister des Stilbruchs
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07:07 23.06.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Ganz neu im Retro-Stil: „Chinese Organo“.
Ganz neu im Retro-Stil: „Chinese Organo“.
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Hannover

Der Blick von Lillian Gish führt in fiktive Ferne. Denn das Gute, das sie ganz im Bann hält, hängt so nah: Die stereoskopische Brille vor Augen, den Lautsprecher hinterm Ohr, den Duftträger unter der Nase - so kann man der Tristesse entfliehen. Und das sei die Botschaft seines Bildes „Chinese Organo“, behauptet Christian Riebe treuherzig. Brille, Lautsprecher und Duftträger sollten den Eskapismus befördern. Denn der sei derzeit „die interessanteste Perspektive“.

Ein Bild mit Botschaft? Eskapismus? Christian Riebe mag vieles sein. Aber er ist kein Botschafter. Und genau darin liegt der Reiz dieses - tja: Künstlers? Auch das will er nicht sein. „Meine Künstler-Werdung steht noch aus“, erklärt er im Katalog zur Ausstellung „Das Gute für alle“ in der Galerie Falkenberg. So unernst wie dieser Titel ist auch sein 50-jähriger Schöpfer. Der hat in Hannover Kunst studiert und hier und anderswo Dutzende Ausstellungen erlebt, etliche Kunstpreise eingesammelt und sich dabei nicht nur als Wanderer zwischen den Stilwelten erwiesen, sondern auch Stilbrüche wie nur wenige produziert.

Service

„Christian Riebe: Das Gute für alle“. Galerie Falkenberg, Falkenstraße 21a, geöffnet donnerstags bis sonnabends von 14 bis 18 Uhr und montags von 10 bis 18 Uhr.

„Chinese Organo“ zum Beispiel vereinigt über einer Vintage-Schnörkelschrift mindestens fünf Zeitebenen. Lillian Gish ist schließlich der Stummfilmstar aus „Der scharlachrote Buchstabe“ von 1926. Dessen Vorlage hat Nathaniel Hawthorne 1850 publiziert, der Stoff stammt aus dem 17. Jahrhundert und genießt seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts Kultstatus bei Cineasten. Die blau umflammte Architektur im Hintergrund spielt auf Art Deco, Bauhaus und damit auf die zwanziger Jahre an. Und mit dem scharlachroten „E“ - wie Eskapismus - wären wir wieder im Jahr 2014, aus dem das Bild tatsächlich stammt. Doch graue Patina, Risse und ein ausgefranster Rand geben dem Ganzen Retro-Flair.

Wie hier ist auch bei Riebes sonstigen Exponaten nichts stimmig - und sie entziehen sich damit der Deutung. Dabei ist Riebe auch als Aktionskünstler schon aufgetreten, hat bei „Local Fist“ gleichsam eine „lokale Faust“ im Dienste einer „postkapitalistischen Alltagskultur“ geballt - am längsten im düsteren östlichen Passerelle-Ende vor der Modernisierung. Nun hat er den Weg von der geballten Faust zur musealen Flachware angetreten. Die stellt Riebe in seltsamen Formaten, in Collage-, Klebe- oder Relieftechnik her, mit Aufdrucken, die an Guerilla-Marketing erinnern, oder mit übervollen Bildern und der Aufschrift „Tout est vide“ - also: Alles ist leer.

Ist das jetzt Neo-Neodadaismus? Manierismus? Oder einfach Eklektizismus? Es lassen sich viele Schubladen für Christian Riebe aufziehen. Doch in keine passt er so recht. Umso mehr Spaß macht es, sich von seinen Bildwelten verwirren zu lassen. „Das Gute für alle“? Wenn überdies der Künstler anwesend ist, wird man in der Galerie Falkenberg jedenfalls gut unterhalten.

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