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Kultur „Kunstgenuss ist was fürs Leben“
Nachrichten Kultur „Kunstgenuss ist was fürs Leben“
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08:40 16.04.2015
Foto: Christina Végh, die neue Direktorin der Kestnergesellschaft.
Christina Végh, die neue Direktorin der Kestnergesellschaft. Quelle: Schaarschmidt
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Hannover

Sie sind in Zürich geboren, haben in der Kunsthalle Basel gearbeitet, den Kunstverein Bonn geleitet und sind nun in Hannover. Wie erlebt man die norddeutsche Tiefebene, wenn man mit dem Blick auf die Alpen aufgewachsen ist?
Als ich in Bonn angekommen bin, habe ich darüber gelacht, dass man da die Hügel des Siebengebirges tatsächlich Gebirge nennt. Und jetzt wird es noch flacher. Aber damit wird der Blick auch weiter.

Als neue Direktorin der Kestnergesellschaft haben Sie deren Mitgliedern jetzt Ihre Pläne präsentiert – und auch Grundsätzliches gesagt: Kunst zu zeigen, muss nach Ihren Worten Fragen aufwerfen, kann auch Ausstellungsformate infrage stellen, soll Dialogimpulse setzen. Können Sie das anhand der geplanten Ausstellungen erläutern?
In jedem guten Programm entstehen Beziehungen zwischen den verschiedenen Ausstellungen, das kann man unterschiedlich bewusst machen und kommunizieren. Ich will nicht didaktisch irgendwelche Jahresthemen setzen, sondern Zusammenhänge dazwischen sichtbar machen und so Geschichten erzählen. Es geht um Forschung, nicht um Belehrung. Es gibt heute mehr Interesse denn je für Gegenwartskunst in Galerien, Museen, Kunstvereinen. Aber jeder kann anderes gut, und es geht darum, das voranzutreiben, was man am besten kann.

Zur Person

Christina Végh war nach dem Studium der Kunstgeschichte, Ethnologie und Philosophie in ihrer Geburtsstadt Zürich und im kalifornischen Santa Cruz zunächst Kuratorin an der Kunsthalle Basel, bevor sie 2005 Leiterin des Bonner Kunstvereins wurde. Die 45-jährige Kunsthistorikerin tritt zum 1. Mai die Nachfolge von Veit Görner an der Spitze der Kestnergesellschaft an.

Und das wäre?
Als Institution kultiviert man ein Publikum, Mitglieder, einen Kreis interessierter Leute – diesem Kreis unterschiedliche Geschichten anzubieten, das können wir als Wechselausstellungshaus heute besser leisten als andere. Wir haben die Freiheit, an Themen länger dran zu bleiben, eine Form von Forschung zu betreiben, Ausstellungen als Bausteine zu sehen, die gemeinsam eine Tektonik entwickeln, ein Gebäude bilden, das vielfältig und nicht eindimensional ist. Rita McBride zum Beispiel, die ich im Herbst zeigen will, fragt stets danach, wie Gemeinschaft entsteht, wie sie sich von der Gesellschaft abgrenzt. Und sie übt explizit Kritik an den Kunstinstitutionen. Tobias Madison, den ich danach ausstelle, gehört einer anderen Generation an, befasst sich aber auch mit Institutionenkritik und dem Verhältnis von Kunst und Gesellschaft.

Wird es besondere Ausstellungsformate geben, etwa raumgreifende Installationen von Rita McBride oder James Richards, den Sie Ende 2016 zeigen wollen?
Ich hoffe, Rita McBrides riesige Installation „Arena“ zeigen zu können, weiß aber noch keine Details, weil man die Ausstellungen natürlich zusammen mit den Künstlern entwickelt. Aber beide Künstler stehen für besondere Formate – bei Richards, weil er als Künstler des digitalen Zeitalters mit Werken und Werkzeugen hantiert, die keine analoge Materialität haben, digitale Bilder und Sounds, die nicht haptisch greifbar sind und ein anderes Werkverständnis voraussetzen.
Nächstes Jahr wollen Sie zwei Malerinnen zeigen, die Deutsche Monika Baer und die Amerikanerin Rochelle Feinstein, die in ihrem Werk eher ironisch zum Kunstmarkt Stellung beziehen. Beide zeichnet ein bissiger Humor aus, wund beide arbeiten bewusst aus der Einsicht heraus, dass die Malerei dominiert ist durch heroische Künstlerposen, durch den Herrenkünstler.    

Denn die Tradition ist eher männlich? 
Die Malerei ist wie kein anderes Medium historisch männlich dominiert. Künstlerinnen, die in diesem Medium arbeiten, sind gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen. Baer wie auch Feinstein verstehen es, zunächst vielleicht schwierige Aspekte für ihre Arbeit positiv umzuwenden. Beide Ausstellungen unterstreichen auch unsere internationale Ausrichtung. Monika Baer wurde gerade in den USA ausgestellt, Rochelle Feinstein wird erstmals in Europa vorgestellt.

In Bonn waren Sie auch zu Provokationen bereit: Bei der Ausstellung „Totalschaden“ haben Sie 2006 lädierte Kunstwerke in der lädierten Kunstvereinshalle gezeigt – und deren Sanierung durchgesetzt. Zeigen Sie auch hier nötigenfalls Flagge?
Oh, es war mir nie ein Ziel zu provozieren. Bei dieser Ausstellung, die wir mit Gregor Schneider entwickelt haben, ging es um eine kulturpolitische Aussage, darum, für die Sanierung der Halle einzutreten. Ich stehe also überhaupt nicht für Provokation, sehr wohl aber dafür, Stellung zu beziehen.

Sie haben ja schon den landesweiten Protest gegen Kürzungen beim Kunst- und Musikunterricht mitgetragen. 
Ja, denn das ist wichtig, gerade mit Blick auf die junge Generation. Ausstellungshäuser sind der Ort, wo es noch Originale gibt. Außerdem sind wir der Ort, wo man Fragen stellen kann, auf die es keine Instantantworten bei Wikipedia gibt. Und die Auseinandersetzung mit Kunst führt dazu, sich eine Meinung zu bilden und damit auch eine Haltung, für die man einzutreten bereit ist. Wir haben in Bonn gezielt Programme entwickelt für Kinder aus sogenannten bildungsfernen Milieus – und wer erlebt, wie dabei deren Selbstbewusstsein, ihre Persönlichkeit wächst, sieht: Kunstgenuss ist was fürs Leben.

In Bonn hatten Sie praktisch keinen Ausstellungsetat. Wer ohne Geld etwas auf die Beine stellen will, muss gute Kontakte haben. Dass Sie gut vernetzt sind, ist daran zu erkennen, dass Sie in Ihrem Ausstellungsprogramm mit dem Museum Abteiberg, dem Lenbachhaus und dem Genfer Centre d’Art Contemporain kooperieren. Werden Sie eine solche Zusammenarbeit auch künftig anstreben?
Für die Kestnergesellschaft ist es immer eine Option, internationale Kooperationspartner zu suchen. Das ist für die Künstler toll, das bündelt Energien, das verschafft der Kestnergesellschaft international stärker Profil.

Vor 99 Jahren wurde die Kestnergesellschaft als Alternative zum Kunstverein gegründet. Heute ist der keineswegs mehr bieder. Tun sich da Konkurrenzen auf? Oder Ansätze zur Kooperation? 
Zweifellos beides. Aber jeder Typus von Haus hat unterschiedliche Stärken und Schwächen, insofern ergänzen sie sich bestens. Die nächste gemeinsame Sitzung mit den Spitzen von Kunstverein und Sprengelmuseum findet in Kürze statt ...

... um „Made in Germany III“ zu planen?
Wir treffen uns, und wir arbeiten an gemeinsamen Projekten. Man kann gut kooperieren, wenn jeder eigenes Profil hat.

Apropos 99 Jahre: 2016 besteht die Kestnergesellschaft 100 Jahre. Können Sie schon sagen, was zum Jubiläumsjahr dazugehört? Und was auf keinen Fall?
Unbedingt sollte man feiern. Denn die Kestnergesellschaft hat nicht nur eine außerordentliche Ausstellungsgeschichte, sie hat sich als eine der wenigen Institutionen in der Nazizeit nicht gleichschalten lassen. Die Vision und der Mut, die  die Kestnergesellschaft künstlerisch wie politisch getragen haben, leiten und verpflichten zu Wagnis und Zivilcourage, auch in Zukunft. Es wird also nicht allein um die Geschichte gehen, sondern immer auch darum, was Geschichte für uns – im Heute und im Morgen – bedeutet.

Ausstellungen in der Kestner-Gesellschaft

Nan Goldin/Pipilotti Rist: Die US-Fotografin und die Schweizer Videokunstpionierin sind ab 19. Juni in einer Doppelausstellung zu sehen, die Christina Véghs Vorgänger Veit Görner geplant hat.
Rita McBride: Eine im Oktober startende Retrospektive der US-Künstlerin ist die erste von der neuen Kestnergesellschaftsdirektorin kuratierte Ausstellung. In ihrem skulpturalen Werk setzt sich Rita McBride mit Architektur und öffentlichem Raum auseinander.

Tobias Madison: Anfang 2016 startet eine Ausstellung des 1985 geborenen Schweizer Installationskünstlers, der sich der Ökonomie von Räumen widmet.
100 Jahre Kestnergesellschaft: Ab April gibt es ein Programm zur Feier des 100-jährigen Bestehens.

Monika Baer: Eine Einzelausstellung mit Werken der deutschen Malerin ist im Spätsommer geplant. Die 54-Jährige steht für eine Malerei mit beißendem, medienkritischem Humor. Diese Ausstellung entsteht in Kooperation mit dem Museum Abteiberg in Mönchengladbach.

Rochelle Feinstein: Im November 2016 soll eine Werkschau der amerikanischen Malerin folgen, die mit Monika Baer eine humorvolle Skepsis im Umgang mit der Malerei teilt. Diese Ausstellung findet in Kooperation mit dem Lenbachhaus München und dem Centre d’Art Contemporain in Genf statt.

James Richards: Für den Winter 2016/17 ist eine Ausstellung des für den Turner-Preis nominierten Briten James Richards geplant, der für seine abstrakten Sound- und Bildwelten bekannt ist.

Interview: Daniel Alexander Schacht

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