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Kultur Christoph Hein liest in Hannover
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07:21 28.03.2012
Von Martina Sulner
Christoph Hein hat in Hannover aus seinem neuesten Buch gelesen. Quelle: dpa
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Hannover

Rüdiger Stolzenburg hat eine „KW“-Stelle, eine „Kann wegfallen“-Position. Der 59-Jährige ist Dozent an einem kulturwissenschaftlichen Institut in Leipzig und hält sich mit seiner halben Stelle gerade so über Wasser. An der Universität hat er Schwierigkeiten, mit den Frauen Ärger, und dann fordert auch noch das Finanzamt 11.000 Euro zurück, zu zahlen innerhalb der nächsten zwei Wochen.

Stolzenburg ist ein Allerweltstyp, dem die Anforderungen des Alltags zusetzen. Uneingeschränkt sympathisch ist er nicht - und das ist ganz im Sinne des Erfinders. Stolzenburg ist die Hauptfigur in Christoph Heins Roman „Weiskerns Nachlass". Im Literarischen Salon Hannover, wo er sein Buch jetzt vorstellte, sagte Hein: „Ich muss eine Figur nicht lieben, aber ich muss sie achten.“

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So gehe er immer an seine Charaktere heran, sagt der Autor im Gespräch mit Moderatorin Ina Hartwig, die in ihrem gerade veröffentlichten Essayband „Das Geheimfach ist offen“ (S. Fischer Verlag) auch über Hein schreibt. Ihn interessiere, eine scheinbar zerstörte Figur wieder „aufzubauen“, wie etwa in dem 1985 erschienenen Roman „Horns Ende“. In dem Buch erinnern sich fünf Personen an den Historiker Horn: Vier Menschen beschreiben ihn negativ, bis durch die fünfte Erzählstimme ein ganz neuer Blick auf die Figur falle. So etwas mache ihm Spaß, sagt Christoph Hein gut gelaunt.

„Horns Ende“ zählt zu den frühen Erfolgen des 1944 in Schlesien geborenen und in der Nähe von Leipzig aufgewachsenen Schriftstellers. Mit Novellen und Romanen wie „Drachenblut“, „Der Tangospieler“, „Willenbrock“ und „Landnahme“ gehört er zu den wichtigsten deutschen Gegenwartsautoren. Der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller ist ein angenehmer Gast auf dem Podium: humorvoll, sanft ironisch, dabei, wenn’s drauf ankommt, präzise und analytisch.

Als der Autor mit Ina Hartwig über Stolzenburg und Frauen spricht, verfällt er eher in einen Plauderton und verteidigt seine Figur nonchalant: Nein, nein, Stolzenburg sei doch kein schlimmer Typ, nur weil er zwei Affären habe, während er eigentlich eine dritte Frau liebe. Solche Unentschiedenheit sei "ein ganz normaler Männerkonflikt“, mit den Frauen habe Stolzenburg Schwierigkeiten – „welcher Mann hat das nicht?“.

Doch Hein – und das unterscheidet ihn von vielen Kollegen – belässt es nicht dabei, seine Hauptfigur im Gewühle der Gefühle zu beschreiben. Seine Charaktere sind immer in ein realistisches soziales Umfeld eingebunden. „Weiskerns Nachlass“ ist ein Roman über das akademische und kulturelle Prekariat der Gegenwart. „Schwierige Arbeitsverhältnisse sind ein gesamtgesellschaftliches Problem,“ sagt der Schriftsteller; er habe seine Geschichte auf der „oberen Ebene der Gesellschaft“ angelegt und detailliert die Zustände beschrieben. Und, mit einem Lächeln, zitiert Hein zum Abschluss Karl Marx: „Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt.“

Christoph Hein: „Weiskerns Nachlass“. Suhrkamp. 318 Seiten, 24,90 Euro.

27.03.2012
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