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Kultur „Ein bisschen aufklärerisch ...“
Nachrichten Kultur „Ein bisschen aufklärerisch ...“
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02:41 21.02.2014
Letzte Tour: Mit „Stromberg – Der Film“ verabschiedet sich Christoph Maria Herbst von seiner Paraderolle. Quelle: dpa
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Herr Herbst, wir treffen uns jetzt schon zum zweiten Mal, weil ich nach dem ersten Interview-Termin mit Ihnen versehentlich die Tondatei gelöscht habe. In Strombergs Welt wäre ich jetzt wahrscheinlich der Bürotrottel. Was müsste ich befürchten?
Ich glaube, Sie hätten ab jetzt viel Freizeit.

Ich wäre raus?
Nicht gleicht, vorher hätte Stromberg noch einen frauenfeindlichen Spruch für Sie parat. Irgendwas mit Frauen und Technik. Seien Sie also froh, dass Ihnen das mit mir und nicht mit Bernd passiert ist.

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Aber ist Stromberg nicht im Grunde seines Herzens ein sehr einsamer und auch emotionaler Charakter?
Ja, ich glaube schon. Aber trotzdem ist Stromberg immer noch eine Komödie. Aber das muss sich ja nicht widersprechen. Ich glaube, dass es in Deutschland mittlerweile möglich ist, eine Figur zu zeigen, die zwar unisono als Arschloch bezeichnet wird, mit der man sich aber trotzdem freut, wenn ihr mal etwas gelingt. Ich glaube, wir haben mit Stromberg eine Kluft geschlossen, weil solche Figuren im deutschen Fernsehen, wo doch alles sehr glattgebügelt ist, eigentlich nicht existieren.

Wer glauben Sie, ist der typische Stromberg-Zuschauer?
Stromberg ist im Grunde generationenübergreifend. Jugendliche zitieren gerne seine Sprüche. Zum Beispiel, dass man den Arsch nie höher hängen sollte, als man Scheißen kann. Oder einen meiner Lieblingssätze: „Die Frau ist nicht gleich clever, nur weil sie scheiße aussieht.“ Das sind wunderbare Sätze, die sich der ein oder andere Jugendliche schon aufs T-Shirt geschrieben hat. Und dann gibt es die älteren Herrschaften, die sich selbst in Stromberg wiedererkennen und denken, „Oh Gott, genauso bin ich zu meinen Angestellten ja auch“. Solche Mails habe ich auch schon bekommen.

Stromberg wird also durchaus ernst genommen?
Auf jeden Fall. Wenn ich so etwas lese, dann bekomme ich auf meine alten Tage sogar noch ein Sendungsbewusstsein. Dann denke ich, dass wir fast ein bisschen aufklärerisch tätig sind. Stromberg hatte für mich immer einen gesellschaftspolitischen Anspruch. Denn wir erzählen viel über Menschen und Hierarchien. Das ist auch ein Grund, warum wir mehr Fans als Zuschauer haben. Denn viele sagen, sie können sich das nicht auch noch ansehen, sie erleben das ja selbst den ganzen Tag.

Ich würde tippen, dass der Stromberg-Zuschauer auf jeden Fall mehrheitlich männlich ist?
Zumindest sind wir am Anfang nicht so richtig an die Frauen rangekommen. Das hat sich im Laufe der Jahre aber geändert. Wir tragen diesem Umstand mit dem Kinofilm natürlich auch Rechnung, denn es ist schon ein Frauenfilm geworden. Wir sind emotional, wir werden romantisch, es spielen Kinder mit. Ich glaube, Stromberg ist ein Unisexkino.

Hätten Sie am Anfang der Serie gedacht, dass sie so einen Erfolg haben würden?
Nein, und ich hatte ehrlich gesagt gehofft, dass genau das nicht passiert. Ich wollte mir doch nicht ewig eine Halbglatze rasieren und mir diesen Kinderschänderbart stehen lassen. Doch zum Glück gab es dann doch noch eine zweite Staffel. Auch damals gab es schon Unterschriftensammlungen der Fans. Dann gab es eine dritte, vierte, fünfte und dann besticht uns der Fan erneut mit einer Million Euro, damit wir bitte noch einen Kinofilm zu machen. Das ist schon unfassbar. Stromberg ist einfach eine Figur, nach der man sich als Schauspieler die Finger leckt. Ich bin sehr froh, dass ich das damals die Rolle doch noch zugesagt habe.

Sie haben gezögert?
Zunächst ja. Ich war ja derjenige, der immer gesagt hat, „Bürocomedy, wer will das denn sehen?“ Ich dachte, das sei alles andere als innovativ. Und auch Ralf Husmann, unser Autor und Produzent, fand zunächst alle Strombergs, die er gecastet hatte, schlecht. Ich hab ihm dann vorgeschlagen, er solle mich doch noch einmal einladen. Als wir das gemeinsam ausprobiert haben, hat es auf Anhieb so viel Spaß gemacht, dass ich dachte, ich bin ja doch nicht so ein Antitalent. Das erzählt übrigens auch sehr viel über mich. Man muss mich immer erst ein bisschen  

Wie viel Stromberg stammt von Ihnen? Haben Sie den Charakter mitentwickelt?
Eigentlich gar nicht. Wenn, dann nur durch mein Spiel. Alles, was ich mir vorher ausgedacht habe, wie er gehen könnte, welche Macken und Eigenarten er haben könnte, war am Ende eine riesige Hirnwichse. Stromberg ist ja keine Insel, der lebt ja auch durch die anderen Figuren.

Die Rolle Ihres Lebens?
Ich bete zu Gott, dass es nicht meine Paraderolle ist und schon gar nicht mein Vermächtnis. Ich werde ein Leben nach Stromberg haben, genauso wie ich eins zwischen Stromberg hatte. Wenn dem so wäre, dann wäre ich ein pathologischer Fall.

Der Film ist auch das Ende der Serie. Sehen Sie das auch mit einem weinenden Auge?
Mit anderthalb weinenden Augen. Ich sage auf keinen Fall leichtfertig Ade. Am letzten Drehtag lagen wir uns flennend wie die Schlosshunde in den Armen. Es ist ja toll, so reden zu können und nicht im Zorn zurückzublicken.

Am Ende haben Sie sogar Außenminister Frank-Walter Steinmeier für eine kleine Rolle gewonnen. Wie kam es dazu?
Wir hatten Sigmar Gabriel angefragt, doch er musste aus Termingründen absagen, und Steinmeier wollte es dann gleich machen. Der kann sich natürlich freuen, denn kurz danach ist er Außenminister geworden. Stromberg war für ihn ein echter Karrierekick.

Das Interview führte Nora Lysk

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