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00:15 21.12.2013
Von Stefan Arndt
Menschliches Maß: Die Marschallin (Maria Bengtsson, Mitte) zwischen Octavian (Stella Doufexis als Zofe verkleidet, links) und Baron Ochs (Albert Pesendorfer). Quelle: dpa
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Antwerpen

Unter seiner liebenswürdigen Oberfläche ist der Mann gefährlich. Das weiß man, seit Christoph Waltz den SS-Offizier Hans Landa und den Kopfgeldjäger Dr. King Schultz in Filmen von Quentin Tarantino gespielt hat, was ihm jeweils einen Oscar einbrachte. So wartet man nun auch in Antwerpen, wo der österreichische Schauspieler den „Rosenkavalier“ von Richard Strauss auf die Bühne der Vlaamse Opera gebracht hat, auf einen drastischen Schockmoment. Doch bei seinem Debüt als Opernregisseur erweist sich Waltz als immun gegen alle grellen Effekte. Mit ungeheurer Konsequenz hat er die „Komödie mit Musik“ im Gegenteil auf ihren Kern reduziert. Sein „Rosenkavalier“ ist weder großes Kino noch Schmierenkomödie, sondern feinstes Schauspielertheater. Es gibt wohl nichts, was diesem schwierigen Stück besser täte.

Waltz räumt die Bühne frei von allen pittoresken Zutaten. Selbst bei Massenaufläufen wie dem morgendlichen Empfang der Marschallin, bei dem Händler, Künstler und Schurken ihr Schlafzimmer belagern, oder bei dem vorgetäuschten Spuk im Wirtshaus bleibt die Szene auf die zentralen Figuren konzentriert. Die Darsteller wissen diesen Raum zu nutzen. Vollkommen geschmackssicher umgehen sie jegliche Kitschgefahr. Es gibt kein Händeringen, keine schmachtenden Blicke, keine aufgesetzte Gefühligkeit in dieser Geschichte einer reiferen Frau, die für eine Jüngere auf ihren jugendlichen Liebhaber verzichtet. Ausgerechnet der „Rosenkavalier“, eine der künstlichsten Varianten der künstlichen Gattung Oper, wird so zu einem Lehrstück in Wahrhaftigkeit.

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Mutiges Schauspiel

Die Sänger spielen, wie es selten im Musiktheater zu sehen ist: mit kleinen Gesten, mit Blicken und vor allem mit dem Mut, auch mal nichts zu tun. Wenn die Marschallin am Ende des ersten Aktes über das „sonderbar Ding“ der Zeit nachsinnt, passiert dabei eben nichts. Oder fast nichts. Denn sie ist nicht versunken in ihrem Frisierstuhl, sondern sitzt auf der Armlehne, was weniger an ein Biedermeier-Gemälde als an ein Foto aus dem Ikea-Katalog erinnert.
Ansonsten bleibt die Inszenierung so überzeitlich, wie die Autoren Strauss und Hugo von Hofmannsthal sie trotz klarer Bezüge zum Wien des 18. Jahrhunderts gedacht haben. In allen drei Akten genügt derselbe weiße Salon als Schauplatz. Bühnenbildnerin Annette Murschetz hat sparsam Möbel platziert. Ein Bett, ein Stuhl, ein kleines Sofa: Kein überflüssiges Dekor verengt die Bühne, die echter Imaginationsraum ist.

Natürlich entsteht so auch viel Raum für die Musik, aber Dmitri Jurowski erliegt nicht der Versuchung, dick aufzutragen. Der jüngste Spross der russischen Dirigentenfamilie und derzeitige Generalmusikdirektor an der Vlaamse Opera hält sich vielmehr an die Ermahnung, die der Komponist einst dem Dirigenten Hans Knappertsbusch auf den Weg gegeben hatte: „Du sollst beim Dirigieren nicht schwitzen, nur dem Publikum soll warm werden.“ Mit federleichtem Schlag führt Jurowski durch die gewaltige Partitur, und so klingt auch das überwiegend gut disponierte Orchester: leicht und licht. Genau wie in der Inszenierung bewirken hier gerade die scheinbar einfachen Mittel Großes. Ohne viel Kraftaufwand kommt die Musik fast immer schön in Fluss, mal silbrig glitzernd, dann wieder ruhig dahinströmend wie die Zeit, um deren erst unmerkliches, dann unübersehbares Verrinnen sich hier ja alles dreht.

Imposante Statur

Nicht immer allerdings löst Jurowski seine wichtigste Aufgabe brillant: Manchmal dirigiert er einfach über die Sänger hinweg. Im Laufe des Abends spielt sich die Balance aber immer besser ein, und die Sänger singen freier. Dabei ist schon der Beginn beachtlich: Maria Bengtsson hat als Marschallin einen so warmen, sinnlichen Sopran, dass man verstehen kann, warum Octavian nicht von ihr lassen kann. Dieser junge Graf – als Hosenrolle mit einer Mezzosopranistin besetzt – klingt bei Stella Doufexis tatsächlich sehr jung: Ihre Stimme ist eine Spur heller, als man es für diese Partie erwartet, was sich aber als positive Überraschung erweist. Die fast noch kindliche Gefühlswelt dieser Figur wird so noch überzeugender. Und Christine Karg setzt sich als Sophie mit sehr klarem, leuchtendem Sopran noch einmal deutlich davon ab.

Die heimliche Hauptfigur füllt ein in Hannover bestens bekannter Sänger aus: Albert Pesendorfer hat bis vor einem Jahr zum Ensemble der Staatsoper gehört und ist dort zurzeit noch als Sachs in den „Meistersingern“ zu erleben. Hier setzt er als Baron Ochs auf Lerchenau seine imposante Statur und seinen flexiblen Bass für ein glaubwürdig rustikales Rollenporträt ein, das den komödiantische Kontrapunkt zum sonstigen eher bitteren als süßen Geschehen setzt. Zumindest in Antwerpen ist nämlich nicht einmal das Ende ganz glücklich, wozu auch die überraschende Schlusspointe beträgt, bei der Waltz die Schuld am Bühnengeschehen dem Intriganten als eine Art Spielleiter zuschiebt.
So erinnert der Oscar-Preisträger mit seiner dezenten, aber ungeheuer präzisen Inszenierung im Verdi-Jahr daran, dass Oper nicht immer das Vergrößerungsglas sein muss, das Emotionen nur in XXL-Format sichtbar macht. Sie kann auchmenschliches Maß bewahren. Man möchte mehr davon sehen.

Wieder am 22., 26. und 28. Dezember in Antwerpen, danach in Gent, Luxemburg und London.

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