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Kultur Einladung zur Langsamkeit
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00:19 09.04.2015
Arbeit und Muße auf schräger Basis: Das Cloudgate Dance Theatre bei den Ostertanztagen. Quelle: Chen-hisang Liu
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Hannover

War es Langeweile, Ablehnung oder die Schwierigkeit, für 75 Minuten innezuhalten im allgemeinen Ostertrubel? Die Hüstelfrequenz im Publikum war jedenfalls auffallend hoch, als das international vielfach ausgezeichnete Cloud Gate Dance Theatre aus Taiwan mit seinem Erfolgsstück „Water Stains on the Wall“ am Sonnabend die insgesamt gut besuchten Ostertanztage im hannoverschen Opernhaus beschloss. Das unruhige Räuspern im Parkett und auf den Rängen muss letztlich etwas mit der Konzentration zu tun gehabt haben, die diese 75-minütige Choreografie von Lin Hwai-min nicht nur seinen Tänzern, sondern auch den Zuschauern in hohem Maße abverlangt. Der minutenlange, sehr herzliche Applaus am Ende der Vorstellung zeugte letztlich von Begeisterung und Anerkennung für die großartige Leistung der Company.

Water Stains on the Wall“ (Wasserflecken auf der Wand) ist eine Einladung zur Langsamkeit. Die größte Herausforderung dabei ist, Stille und Ruhe nicht ungeduldig zu begegnen, sondern als Teil eines Gesamtkunstwerks aus modernem Tanz, Meditation, fernöstlichen Riten und Kampfsporttechniken zu akzeptieren. Wer bunte Unterhaltung erwartet, dem dürfte das schwerfallen. Hwai-min, Gründer und künstlerischer Leiter der Company, setzt nicht auf Show. Dafür aber auf einen entscheidenden Effekt: Auf eine schiefe Ebene, die wie ein übergroßes, weißes Blatt Papier wirkt, lässt der in seiner Heimat auch als Autor gefeierte Künstler beständig schwarze Flecken projizieren. Sie verändern sich mit den Bewegungen der Tänzer, bilden Tintenkleckse, werden zu Schatten, verschwimmen dann wieder zu Wolken oder verwandeln sich in Wellen.

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Hwai-mins Körpersprache ist stark angelehnt an die Kunst der Kalligrafie. Seine Bewegungsmuster sind dennoch schnörkellos. Die Tänzer agieren wie beim Qi Gong oder Tai-Chi meist aus der Hocke heraus. Die Füße sind bei jedem Heben konsequent geflext. Mal stehen die Akteure einfach still oder bewegen sich in Zeitlupe. Mal wirbeln sie in halsbrecherischem Tempo über die Schräge. Die Musik von Toshio Hosokawa besteht weniger aus melodischen Kompositionen. Vielmehr sind es flirrende Klangfetzen, die sich mit den Geräuschen der Tänzer (Atmung, Fußstampfen) mischen. „Wie ein Atmen im Lichte“ heißt eines der Stücke. Es ist eine schöne Metapher für das, was beim Cloud Gate Dance Theatre auf der Bühne passiert.

In Zeiten der viel beschworenen „Entschleunigung des Alltags“ sind Hwai-mins Arbeiten Anleitungen für mehr Muße und bewusstere Wahrnehmung. Der Staatsoper ist es gelungen, mit dem Gastspiel aus Taipeh einen besonderen Höhepunkt im ohnehin jedes Jahr sehr facettenreichen Ostertanz-Programm zu setzen.

Nachdem das Cloud Gate Dance Theatre zuletzt 2012 eben mit „Water Stains on the Wall“ bei den Movimentos-Festwochen in der Wolfsburger Autostadt zu sehen war, gastiert es dort wieder am 13. und 14. sowie am 16. und 17. Mai mit dem Doppelabend „White Water“ und „Dust - ein Requiem“ sowie dem Stück „Rice“.

Im Wolfsburger Kraftwerk sitzt man übrigens ziemlich gedrängt. Wer husten muss, sollte sich warm anziehen.

Tickets für die Vorstellungen in der Autostadt unter www.movimentos.de.

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