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Kultur Commissario Brunettis zwanzigster Fall
Nachrichten Kultur Commissario Brunettis zwanzigster Fall
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18:40 28.06.2012
Von Rainer Wagner
Uwe Kockisch als Brunetti ebenso wie Joachim Król.Archiv (2)
Uwe Kockisch (links) als Commissario Brunetti. Quelle: Martin Menke
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Hannover

Der Sommer ist nicht immer pünktlich, aber der jährliche Sommerkrimi von Donna Leon schon. Ein Büchertisch mit Urlaubslektüre ist schon seit vielen Jahren undenkbar ohne den aktuellen Venedig-Krimi rund um Commissario Brunetti. Zwar erschien 1993 der erste Fall für Brunetti bei Diogenes noch im Oktober, rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft. Doch seit 1999 liegen mehr oder minder pünktlich zum Ferienanfang mindestens 200000 Exemplare des neuen Brunetti-Abenteuers bereit, das ist die jeweilige Startauflage. Genauere Zahlen nennt der Züricher Verlag nicht, aber die Goldene Diogenes-Eule für mehr als eine Million verkaufte Exemplare erhielt die amerikanische Wahlvenezianerin schon 1998.

Donna Leons Bücher sind bisher in 34 Sprachen veröffentlicht worden - aber nicht in Italien, denn sie will in ihrer Wahlheimat nicht berühmt, ja, noch nicht einmal bekannt werden. Zwanzig Fälle hat Commissario Brunetti bislang gelöst, aber diese Bilanz stimmt nicht ganz. Einerseits findet nicht jede Geschichte ein eindeutiges Ende: Recht und Gerechtigkeit sind eben auch in Venedig zweierlei. Andererseits sind englischsprachige Leser den deutschen Fans voraus: In England und Amerika erscheinen die Brunetti-Romane mit einem Jahr Vorsprung. Anglophone Krimifreunde wissen also schon, welch garstigen Dinge die „Beastly Things“ sind, im 21. Fall für Brunetti.

Für die deutschsprachigen Leser gibt es jetzt erst einmal ein „Reiches Erbe“. Der Originaltitel „Drawing Conclusions“ ist schön doppeldeutig. Hier wird tatsächlich ein Schluss gezogen, aber um Drawings, also Zeichnungen, geht es letztlich auch. Und um ein gefälschtes Testament.

Dies ist nicht unbedingt ein besonders starker Brunetti-Krimi, aber ein sehr typischer, der das Erfolgsrezept von Donna Leon vielleicht nicht völlig beschreibt, aber doch deutlich macht, warum Brunetti so beliebt ist. Man fühlt sich in seiner Welt zu Hause, selbst wenn man noch nie in Venedig war. Dass die seit Jahrzehnten in Venedig lebende Autorin die Schauplätze so genau beschreibt, dass man ihre Romane als Reiseführer nutzen könnte, versteht sich fast von selbst. Für alle Fälle hat man die Taschenbuch-Sonderedition zum Brunetti-Jubiläum, die von Fall eins bis Fall 18 reicht, mit einer Venedig-Karte auf dem Vorsatz ausgestattet. Und einen Band „Mit Brunetti durch Venedig“ gibt es bei seinem Stammverlag auch.

Aber Krimihelden, die als Fremdenführer taugen, gibt es etliche. Von Leo Malet oder Georges Simenon und ihr Paris bis zu M. Vázquez Montalbáns Barcelona. Warum etwa ist der Maresciallo Salvatore Guarnaccia von Magdalen Nabb bei uns nie so populär geworden wie Commissario Brunetti? Florenz ist doch auch eine geschichts- und geschichtenträchtige Stadt.

Donna Leon hat mit Brunetti einen Detektiv ersonnen, der nicht wesentlich schlauer ist als der Leser. Brunetti kommt aus einfachen Verhältnissen, ist aber mit einer Adligen verheiratet. Brunettis Mutter wollte zwar Lehrerin werden, musste sich aber als Dienstmädchen verdingen, sein Vater litt unter den Folgen seiner Kriegsgefangenschaft in Sibirien und war später Hafenarbeiter. Das klingt auch im aktuellen Fall an, ohne aber den Gang der Dinge so zu prägen wie etwa in seinem 17. Fall („Das Mädchen seiner Träume“), bei dem die Beerdigung seiner Mutter ihn mit Kriminalität unter Klerikern konfrontierte. Nicht zum ersten Mal übrigens, denn in ihrem Antiklerikalismus sind sich Guido Brunetti und seine Paola einig. Jetzt fragt er sie, ob sie einem Priester wenigstens dann glaube, wenn man unverfänglich über das Wetter rede. Und sie antwortet: „Nur wenn ich am Fenster stehe und nach draußen sehen kann.“

Heikler wird es mit familiären Verstrickungen, wenn Conte Falier, der Schwiegervater, ins Spiel komm: Der Graf ist Unternehmer, hat sein Geld und seine Finger in vielen Geschäften und im vorletzten Fall „Schöner Schein“ gerade noch vermeiden können, ins schmutzige Geschäft mit dem Müll verwickelt zu werden.

Im Vergleich dazu geht es diesmal viel unspektakulärer zu. Costanza Altavilla ist gestorben. An einem Herzanfall? An einem Sturz? Fiel die alte Frau oder wurde sie zu Fall gebracht? Brunetti hat wieder einmal ein Bauchgefühl. Und er zeigt Empathie. Auch wenn er zunehmend resigniert reagiert, zum Zyniker reicht es noch nicht.

Brunetti ist ein aufrechter und aufrichtiger Mann, mit Selbstbewusstsein und mit Zweifeln. Weil Ersteres überwiegt, war Joachim Król bei den frühen Brunetti-Verfilmungen eher eine Fehlbesetzung. Uwe Kockisch macht da schon eine viel bessere Figur. Dass die TV-Filme mit klebriger André-Rieu-Musik unterlegt werden, dürfte die bekennende Barockmusikfreundin und Händel-Verehrerin Donna Leon allerdings mehr stören als die Frage, ob die Besetzungslisten ihren Vor-Bildern entsprechen.

Es gibt keine Serienkiller, keine Psychopathen, die nach Plan morden, keine kaputten Polizisten. Wenn man davon absieht, dass Brunettis Chef, der Vizequestore Patta, noch immer eitel und sein Adlatus Scarpa noch immer ein Schleimer ist. Signorina Elettra schnüffelt auch diesmal wieder erfolgreich unerlaubt in fremden Computerarchiven. Brunetti macht sich zwar Gedanken über so viel Unbotmäßigkeit, zieht aber keine Konsequenzen. Ausgerechnet bei der attraktiven Elettra konstatiert Brunetti diesmal winzige Fältchen und andere Anzeichen, dass auch sie älter wird.

Mit dem Altern aber ist das, wie bei vielen Serienhelden, so eine Sache. Zwar spielen Brunettis Fälle durchaus in der Gegenwart und verhandeln, was Schlagzeilen macht. Dennoch lässt sich der genaue Zeitpunkt nicht recht dingfest machen. Und um zwanzig Jahre sind weder er noch seine Familie gealtert. Sonst müssten Sohn Raffi und Tochter Chiara längst auf eigenen Beinen stehen. So aber würzt Chiara am Esstisch das Mahl nach wie vor mit ihren Vegetarierbekenntnissen - wozu sie im nächsten Krimi noch viel mehr Anlass haben wird, wenn es, unter anderem, um Praktiken in einem Schlachthof geht.

Donna Leons Romane überfordern die Leser nicht - auch nicht in der Länge und im Gewicht der handlichen Bücher. Aber sie unterfordern sie auch nicht. Brunetti ist das Sprachrohr, mit dem sich die Autorin zu den Themen der Zeit äußert: von der Mafia bis zur mafiösen Politik, zu Umweltsünden, Missbrauch und Missachtung. Das Böse ist immer und überall, Brunetti weiß, dass er ihm nicht Herr wird. Aber einer muss es ja versuchen.

Zum Trost gibt es immer noch die hohe Literatur (diesmal hilft Tacitus gegen zu viel Berlusconi), gutes Essen, ein Gläschen Wein durchaus auch im Dienst - und einen Kuss seiner Paola.

Welcher Leser wäre nicht gerne wie er, welche Leserin nicht so gebildet und weise wie sie? Ist dies das Rezept?

Donna Leon: „Reiches Erbe. Commissario Brunettis zwanzigster Fall“. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Diogenes Verlag. 318 Seiten, 22,90 Euro.

28.06.2012
Marina Kormbaki 27.06.2012