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Kultur Cornelia Funkes "Reckless" auf der Bühne
Nachrichten Kultur Cornelia Funkes "Reckless" auf der Bühne
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12:14 05.11.2010
In Dresden hat Regisseur Frank Panhans Cornelia Funkes "Reckless. Steinernes Fleisch" als Märchenspiel inszeniert. In der Inszenierung von Marco Storman, die am Hamburger Thalia Theater zu sehen ist, treten mumienartige Wesen auf.
In Dresden hat Regisseur Frank Panhans Cornelia Funkes "Reckless. Steinernes Fleisch" als Märchenspiel inszeniert. In der Inszenierung von Marco Storman, die am Hamburger Thalia Theater zu sehen ist, treten mumienartige Wesen auf. Quelle: Handout
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Cornelia Funke lächelt die Besucher an. Im oberen Gang des Staatsschauspiels Dresden steht ein Porträt der Erfolgsautorin in einer Nische. „Toi, toi, toi, liebes Dresden“, hat die Schriftstellerin aufs Foto geschrieben, „let’s be reckless for a while.“ Reckless, was sich ebenso mit achtlos wie unbekümmert oder verwegen übersetzen lässt, geht es zurzeit tatsächlich zu – nicht nur in Sachsen. Mitte September ist Funkes Jugendroman „Reckless. Steinernes Fleisch“ gleichzeitig in Deutschland, den USA und Großbritannien erschienen. Allein in Deutschland hat sich das Buch seitdem mehr als 100 000-mal verkauft, in den Bestsellerlisten steht es auf den oberen Rängen, und schon jetzt ist die Geschichte auf zwei Bühnen zu sehen: am Staatsschauspiel Dresden, das das Stück gerade uraufgeführt hat, und am Hamburger Thalia Theater.

Die Bühnenfassung stammt an beiden Häusern von Robert Koall. Der Dramaturg ist Funke-erprobt, für das Schauspiel Hannover hatte er die Bühnenver­sion der erfolgreichen „Tinten“-Trilogie geschaffen, die hier auch uraufgeführt wurde. Nun arbeitet Koall als Chefdramaturg unter dem früheren hannoverschen und jetzigen Dresdener Intendanten Wilfried Schulz in Sachsen – und das erfolgreich. Der Geschichte von den ungleichen Brüdern Jacob und Will Reckless, die in einer märchenhaften Spiegelwelt ums Überleben kämpfen, hat er einen Spannungsbogen gegeben, der in der Vorlage fehlt.

Bestsellerautorin Funke, die seit einigen Jahren in den USA lebt, hat ihr aktuelles Buch gemeinsam mit dem Film­produzenten und Drehbuchautor Lionel Wigram „entwickelt“, wie es bei ihrem Hamburger Verlag Cecilie Dressler heißt. In „Reckless“ hat sie zwar viele phantasievolle und actionreiche Szenen an­einandergereiht, doch dem Buch fehlt es an einem Erzählton, an einer unverwechselbaren (Erzähler-)Stimme und Stimmung. Koalls Bühnenfassung ist entschieden kompakter und in sich geschlossener.

Die Geschichte erzählt, wie der unbeholfene Will nach und nach versteinert. In der Welt hinter dem Spiegel haben es die Steinwesen, die Goyl, jetzt auf ihn abgesehen, weil Will eine Schicht aus Jade wächst. Mit solch einem Jadewesen an seiner Seite hat der König der Goyl unbegrenzte Macht. Der große Bruder Jacob setzt alles daran, Wills Leben zu retten.

„Reckless“ bedient sich bei verschiedenen Genres: Es ist teils Märchen, teils Fantasy und greift archaische Motive auf, etwa das der Suche nach dem verschwundenen Vater und das der ungleichen Brüder. Außerdem leiden nahezu alle Figuren darunter, dass sie jemanden lieben, der dieses Gefühl nicht erkennen oder erwidern kann.

Die Dresdener Version negiert die düsteren Seiten von „Reckless“ nicht, doch Regisseur Frank Panhans kontrastiert sie mit witzigen und slapstickhaften Szenen. Panhas scheut sich nicht, eine zauberhafte und verzaubernde Spiegelwelt auf die Bühne (Maria-Alice Bahra und Jan Alexander Schroeder) zu bringen. Vor allem die Kostüme von Irène Favre de Lucascaz sind üppig und prachtvoll: etwa das zweibeinige Tischleindeckdich, das über die Bühne stolziert, oder der Knüppel aus dem Sack. Jacob Reckless sammelt in der Spiegelwelt märchenhafte Schätze, so, wie Jacob Grimm, auf den Cornelia Funke in ihrem Buch durchgängig anspielt, einst mit seinem Bruder Wilhelm Märchen sammelte.

Die Dresdener Aufführung zieht die Zuschauer in eine fremde Welt der Goyls und Feen, des Dornröschens und des Füchsleins, das mal Tier, mal Frau – und in beiden Gestalten rettungslos in Jacob verliebt – ist. Die Spielfreude des hervorragenden Ensembles, das sportlich über die Bühne tollt, besticht. Zugleich sind Jacob, Will und dessen Freundin Clara Figuren von heute. Jacob (Sebastian Wendelin) wirkt in seiner machohaften Art, hinter der er sein gutes Herz verbirgt, wie ein cooler Abenteurer. Und auch Will (Matthias Luckey) und die Medizinstudentin Clara (Antje Trautmann) sind sehr gegenwärtige Figuren. Ebenfalls modern ist die Musik der Dresdener Popband „Polarkreis 18“, die das rasante Tempo der Inszenierung manchmal aufgreift oder gar verstärkt, dann wieder sphärisch-verspielte Töne liefert. Für diesen phantasievollen, poetischen Abend bedankte sich das Publikum mit tosendem Beifall.

In Hamburg hingegen fiel der Premierenapplaus, untermalt von einigen Buhrufen, wesentlich kürzer aus. Verständlich, denn mit Panhans’ Inszenieurng kann die Arbeit von Regisseur Marco Štorman (der auch in Hannover bereits einige Stücke inszeniert hat) nicht mithalten. Am Thalia Theater hat der Besucher eineinhalb Stunden lang das Gefühl, als habe sich Štorman nicht getraut, ein Märchen zu erzählen. Seine Inszenierung bleibt abstrakt und oft ähnlich starr wie die Masken, die Kostümbildner Amit Epstein den Goyls und den Feen verpasst hat. Die Steinwesen wirken wie einem Computerspiel entstiegen – schlagkräftig, aber ganz ohne menschliche Züge.

Die Hamburger „Reckless“-Fassung ist ungleich düsterer als die Dresdener. Die Thalia-Bühne bleibt nahezu leer; als eine der wenigen Requisiten schiebt der schlitzohrige Händler Valiant (Christoph Tomanek) einen Einkaufswagen umher. Das Ensemble – darunter Felix Knopp als Jacob und Thomas Niehaus als Will – wirkt in seinem Spiel gebremst. So gibt es zwar reichlich Action, doch wenig Berührung.

Am 19. Dezember reist Cornelia Funke, die „Reckless“ als Trilogie geplant hat, nach Dresden, um sich die Bühnenfassung anzuschauen. Sie kann sich auf diese Inszenierung freuen – und sollte dankbar dafür sein, was man dort alles aus ihrem Buch herausgeholt hat.

In Dresden wieder am 6. und 10. November, Karten unter (03 51) 49 13 55. In Hamburg wieder am 7. und 14. November. Karten unter (0 40) 32 81 44 44.

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