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Kultur Country und Rock mit Orchester
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13:59 13.12.2010
Von Simon Benne
Ye-haw! The Bosshoss rocken in der AWD-Hall in Hannover. Quelle: Nancy Heusel
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Steak-Esser, die karierte Hemden und breitkrempige Hüte tragen und selbst nicht so ganz genau wissen, wie ironisch das nun gemeint ist. Vor fünf Jahren machten sich sieben Berliner als „The Bosshoss“ daran, Cowboyhüte aus der Kinderfaschingsnische zu holen. Inzwischen haben sie sich hochgearbeitet; 1800 Fans sind gekommen, um sie zu sehen, in der „Äi-Dabbeljuh-Di-Hall“, wie Sänger Sascha „Hoss“ Vollmer sagt. Er klingt bei seinen englischen Ansagen, als würde George W. Bush mit einem Handtuch im Mund alle Vokale auf einmal aussprechen. The Bosshoss, das sind eben liebenswerte Raubeine in Jeans und Westernhemden. Wenn man am Weidezaun mit ihnen Händel bekommt, schlagen sie schnell zu, trotz Herz aus Gold, Ye-haw!

An diesem Abend spielen sie sich im Wesentlichen durch ihr Unplugged-Album „Low Voltage“: Bei „Remedy“ lassen sie die Hüften kreisen, bei „Go! Go! Go!“ wummert der Bass, und immer wimmert die Mundharmonika. Das Publikum sieht harten Männern bei harter Arbeit zu: Es gibt eine schweißtreibende Version von „Shake & Shout“, und die Cowboys führen schon mal vor, wie hoch Bier spritzen kann, wenn man es beim Schlagzeugsolo auf die Snare gießt.

Ihre neue CD haben sie mit dem Filmorchester Babelsberg eingespielt. Orchestermusiker mit Fliege und Jackett wirken auf der Bühne zwischen Longhornschädeln und Totenkopfflaggen optisch so schräg wie eine Cola-Dose im Barockgemälde. Und doch passen sie hervorragend zur Band. Diese bringt ja längst mehr als nur Country. Es macht Spaß, ihr zuzuhören, wie sie den stilistischen Fundus der Popgeschichte plündert. Zu Anleihen bei Punk und Rock kommen jetzt eben noch Bläserakzente bei „Have love will travel“ oder Streicherschmelz bei „Rodeo Queen“, das an die düsteren Seiten der Doors erinnert und dessen textliche Metaphorik rund ums Reiten und Durchschütteln man besser nicht zu Ende übersetzt. Es funkt und groovt und jazzt, dass es oft Szenenapplaus gibt. Die Band bringt viele Stile unter einen Cowboyhut.

Die starken Kerle schwächeln allerdings bei Balladen: Bei ruhigen Stücken wie „Close“ kommt Alec „Boss“ Völkel stimmlich arg ins Knödeln. Raubeine können eben nicht schmachten. Dafür gibt es eine grandiose Version von Plastic Bertrands New-Wave-Klassiker „Ça plane pour moi“, bei der die Orchestermusiker ihre Jacketts durch die Luft wirbeln. Und nach zwei Stunden Party spielt die Band als Zugabe „Hey Joe“ so schnörkellos, dass Jimi Hendrix sein Stück wohl nicht wiedererkannt hätte. Am Ende gibt es großen Applaus für viel gute Laune.

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