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Kultur Lars-Ole Walburg inszeniert die Komödie "Perplex"
Nachrichten Kultur Lars-Ole Walburg inszeniert die Komödie "Perplex"
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00:00 30.10.2015
Vier Mittelschichtsbürger auf der Straße des Lebens (von links): Janko Kahle, Philippe Goos, Carolin Haupt und Katja Gaudard. Quelle: Katrin Ribbe
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Hannover

Carolin und Philippe kommen aus dem Urlaub zurück. Irgendetwas ist beunruhigend anders. Woher kommt die neue Topfpflanze? Warum funktioniert das Licht nicht? Was macht der Müll unter dem Sofa? Schließlich erscheinen Katja und Janko, ein befreundetes Paar, das eigentlich nur die Blumen gießen sollte, nun aber behauptet, dies sei seine Wohnung. Konsequenterweise werden Philippe und Carolin vor die Tür gesetzt: „Nichts für ungut, sollen wir euch ein Taxi rufen?“

Es beginnt ein absurder Reigen voller komischer Wendungen, in dem die kleine bürgerliche Welt der vier Protagonisten mehr und mehr aus den Fugen gerät. Von Szene zu Szene vollziehen sich surreale Verschiebungen, Beziehungen lösen sich auf und setzen sich neu zusammen. Spieler wechseln Rollen, Kostüme und Haltungen, verlassen die Bühne und kommen in anderer Funktion zurück. Mitunter agieren sie, als gäbe ihnen jemand über einen Knopf im Ohr Anweisungen, sich spontan anders zu verhalten oder in einen anderen Charakter zu schlüpfen - um ihre Mitspieler zu überraschen. Diese sind auch tatsächlich kurz perplex, lassen sich dann aber auf die neue Situation ein. Und weiter gehts: Man spannt einander die Partner aus, feiert Partys, trägt erotisierende Elch- und Vulkankostüme und erfindet Darwins Evolutionstheorie beim Duschen neu. Währenddessen wird munter weitergeredet und Normalität behauptet, schlagfertig und pointiert, über jede Katastrophe hinweg. War was? Nee, wieso …

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Zunächst aber vermutet man dies alles gar nicht. Zunächst kommt „Perplex“, das 2010 uraufgeführte Stück des Berliner Erfolgsautors Marius von Mayenburg, wie eine moderne Gesellschaftskomödie im Stile von Yasmina Reza daher. Man rechnet damit, dass nun die üblichen Mittelschichtsprobleme verhandelt werden. Tatsächlich kommen diese auch immer mal wieder vor, werden aber ironisiert, verlacht und irgendwie trotzdem ernst genommen.

Denn sehr schnell dreht sich der Bühnenrealismus der Komödie in ein lustvolles, überbordendes Spiel über die Möglichkeiten und Grenzen des Theaters. Wobei das Theater hier als zwar leicht hinkende, aber dennoch brauchbare Metapher für das Leben selbst dient. Fragen die Schauspieler auf der Bühne nach ihrem Regisseur („Manchmal habe ich den Eindruck, es gibt überhaupt keinen“), hält kurz darauf ein Kollege mit Friedrich-Nietzsche-Bart einen „Der Regisseur ist tot“-Monolog. Fühlen die Spieler sich beobachtet („Da draußen sitzt wer und schaut uns zu“), fragt man sich als Zuschauer, ob es „da draußen“ nicht vielleicht noch mehr Zuschauer gibt, die wiederum uns beim Zuschauen zuschauen.

Marius von Mayenburg wurde mit einem eher ernsten Stück berühmt. Er selbst sieht allerdings auch seinen Welterfolg „Feuergesicht“ als eine Art Komödie, wenn auch mit dunklem Unterton. Über Komik auf der Bühne sagt er in einem Interview: „Die Auseinandersetzung mit der Komödie ist der Versuch, den Kontakt zwischen Publikum und Schauspielern unmittelbarer zu machen. Lachen ermöglicht eine sehr direkte Interaktion. Die suche ich.“ Gerade hat er am Schauspiel Hannover mit seiner Inszenierung von Shakespeares „Was ihr wollt“ bewiesen, dass er auch als Regisseur ein Gespür für feinen, subtilen Humor hat. In „Perplex“ dürfen die Schauspieler Katja Gaudard, Janko Kahle, Philippe Goos und Carolin Haupt (die zum ersten Mal in Hannover gastiert) - bei aller Klugheit und Raffinesse der Dialoge - komödiantisch ins Volle greifen. Auf der von Andreas Straßer entworfenen „ikeaoiden“ Bühne veranstalten sie mit Tine Beckers schrägen und überraschenden Kostümen nicht nur eine gepflegt ausufernde Umzugsschlacht, sondern zeigen vor allem eins: welche Wirkung gut geschriebene, schnelle, an alte Screwball-Comedys erinnernde Dialoge auf der Bühne entfalten können.

Perplex von Marius von Mayenburg Premiere 21. November, 20 Uhr Cumberlandsche Bühne.

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