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Kultur Daniel Kehlmann liest in Hannover aus seinem Roman „Tyll“
Nachrichten Kultur Daniel Kehlmann liest in Hannover aus seinem Roman „Tyll“
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15:41 07.02.2018
Untypische Neigung zum Optimismus: Daniel Kehlmann. Quelle: Alexander Körner
Hannover

 Es klingt sehr einfach, und doch ist es ein radikaler Schritt. In seinem neuen Roman, sagt der Autor Daniel Kehlmann, habe er einmal eine Geschichte erzählen wollen, „ohne dabei eine Schritt zurückzutreten“. Ohne den Panzer der Ironie, der ihn noch in „Die Vermessung der Welt“ – seinem Bestseller von 2005 – auf dem Weg zurück zu Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt beschirmt hat, ist Kehlmann diesmal in das dunkle Herz der deutschen Geschichte aufgebrochen: Sein im vergangenen Oktober veröffentlichter Roman „Tyll“ spielt in der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs. Auf Einladung des Literaturhauses und des NDR hat er nun im seit Langem ausverkauften Kleinen Sendesaal daraus gelesen.

Er sei tief in die Vormoderne eingetaucht, berichtet Kehlmann im Gespräch mit Moderator Alexander Solloch, eine Zeit der Frömmigkeit und des Aberglaubens. Und er sei verändert aus dem Arbeitsprozess hervorgegangen: „Ich bin anderen Leuten mit einer für mich untypischen Neigung zum Optimismus auf die Nerven gegangen“, sagt er. Denn auch wenn die Gegenwart mehr als genug Probleme bereithalte – das Leben sei früher viel schlimmer gewesen. „Die Menschen waren in einem Maße angstbesetzt, wie wir uns das heute nicht mehr vorstellen können“, sagt Kehlmann. „Die Wisenschaft hat uns davon befreit.“ Es sei „nicht wirklich zu leugen, dass es so etwas wie Fortschritt“ gebe.

Zugleich sei das Schreiben eines historischen Romans, wie „Tyll“ einer ist, eine „große Lektion darin, die Dinge nicht für zu selbstverständlich zu nehmen“. Man lerne, wie unsicher der Status quo sei. „Dinge, die uns gerade völlig normal erscheinen, waren noch vor Kurzem ganz anders und werden wohl bald ganz anders sein“, sagt Kehlmann

So ist es wohl kein Zufall, dass ausgerechnet die Wahl Donald Trumps dem 43-jährigen Autor, der seit einigen Jahren in New York lebt, über eine kleine Schreibkrise bei „Tyll“ hinweggeholfen hat. Er sei zunächst geschockt von dem Ergebnis gewesen und sei das noch immer – „schließlich ist immer noch nicht klar, ob die amerikanische Demokratie Trump überleben wird.“ Aber dann sei ihm Tyll Ulenspiegel in den Sinn gekommen, der keine Angst kenne und unbeugsam sei. „Ich habe mir meine eigene Figur zum Vorbild genommen“, sagt Kehlmann – und konnte so auch den Roman zügig abschließen.

Kehlmanns Figur des Tylls hat allerdings wenig mit den überlieferten Geschichten des Narren zu tun. In seinem Roman ist er ein Mensch, der nicht an Orte und gesellschaftliche Schichten gebunden ist und so die verschiedenen Hauptfiguren verbinden kann – darunter auch den „Winterkönig“ Friedrich V., der bei der Lesung im Funkhaus im Mittelpunkt steht.

Am Ende der Episode, die Kehlmann so klar, präzise und facettenreich vorträgt, wie er sie formuliert hat, stirbt der König. Begleitet nur noch von seinem Narren Tyll haucht er von Fieberfantasien umnachtet im Schnee sein Leben aus. Kehlmann schildert sein Ende aus der Perspektive des Strebenden, der nach den Mühen und Demütigungen einer langen Reise aus sich herauszutreten scheint. „Er senkte grüßend den Kopf, wandte sich ab und ging davon“, schließt der Autor das schneebedeckte Kapitel: „Nun, da er nicht mehr einsank, kam er viel schneller voran.“

NDR Kultur sendet einen Mitschnitt des Abends am Sonntag, 11. Februar, 20 Uhr. Am Mittwoch, 11. April, ist Fernando Aramburo in der Reihe „Autoren lesen“ im Funkhaus zu Gast. Die deutsche Übersetzung seines Romans „Patria“ liest Eva Mattes.

Von Stefan Arndt

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