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Kultur Das Affentheater um Justin Bieber
Nachrichten Kultur Das Affentheater um Justin Bieber
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00:15 04.04.2013
Foto: Ein Bieber-Engel landet.
Ein Bieber-Engel landet. Quelle: dpa
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Berlin

Charthits. Dann geht der Zähler auf null. Ein Video beginnt, jemand erzählt irgendetwas, es ist kaum zu verstehen. Etwa zehntausend kreischende Kinder und Teenager bilden eine Geräuschwand, gegen die das tief bassende Soundsystem nicht mehr ankommt. Dann teilt sich der Bildschirm. Er legt einen 19-Jährigen frei, der an zwei Seilen baumelt, eingerahmt von großen silbernen Flügeln, gebaut aus Lautsprechern, Klaviertasten, Percussions und Gitarren. Wie ein Engel schwebt der junge Mann gen Bühnenboden, weißer Anzug, dunkle Sonnenbrille, die Tolle sitzt bretthart. Meine Damen und Herren, Justin Bieber, live in der O2-World in Berlin. Der Beginn einer ostersonntäglichen 80-minütigen Belastungsprobe vor allem für das Trommelfell, aber auch für Kamera- und Fotohandy-Akkus. Erlebt haben junge Menschen nur, was digital abgespeichert ist.

Justin Bieber, das ist der aktuelle Poster-Boy der Bravo-Generation. Entdeckt wurde er mit 14 Jahren, nachdem er Youtube-Videos von sich hochgeladen hat, fünf Jahre später ist er Multimillionär und laut dem US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ einer der einflussreichsten Prominenten der Welt - auch, weil bei Twitter mehr als 36 Millionen seine Nachrichten abonniert haben.

Mit der Landung des Bieber-Engels ist dann auch die vorangegangene Tortur vergessen. Der Einlass begann eine Stunde zu spät, die Vorband wurde gleich gestrichen, der Sänger selbst steht erst eine Stunde später als geplant auf der Bühne. „Let‘s Go!“ ruft er und irgendetwas mit „Berlin“. Immerhin, viele US-Popstars beschränken sich gern auf „Germany“. Dann boxen die Bässe durch die Halle, „All Around The World“ eröffnet das Spektakel, die ersten Konfettikanonen zünden, Pyrotechnik sowieso. Allein das Special-Effects-Budget dürfte sehr weit über dem Monatseinkommen der Eltern liegen, die am Rand der Halle stehen oder ihre kleinen Töchter auf den Schoß nehmen, damit sie besser sehen. Für die besten Karten haben sie teilweise über 170 Euro investiert.

Bieber tut das, was er recht gut kann: Tanzen, und das, was häufig darunter leidet - Singen. Jeder Schritt, gefühlt auch jede Ansage ist tausend Mal geprobt. Alles sitzt so perfekt, dass jede Authentizität verdrängt wird. Für die Erwachsenen sind Songs wie „Never Say Never“, „Boyfriend“ und „One Less Lonely Girl“, die Bieber in Unterhemd und wechselnden, tief sitzenden Hosen präsentiert, flaches Pop-Gestampfe. Eingängig klingen sie zwar, vermissen aber jede Identität. Der breiige Sound hilft dabei wenig. Aber für Erwachsene ist die Musik auch nicht gemacht. Gleichzeitig spielt Bieber Songs wie „As Long As You Love Me“ und „Beauty and a Beat“, die sich kaum vom Boom-Boom-Elektro-Pop in Großraumdiskos unterscheiden. Bloß, dass Biebers Platten wegen des Makels „Teenie-Star“ dort nicht mit der Kneifzange angefasst werden.

Für den jungen Mann auf der Bühne beginnt langsam die Zeit, in der er nicht mehr sein putziges Aussehen und die Träume kleiner Mädchen, einmal das „Baby“ zu sein, das Justin so gern besingt, als sichere Bank hat. Als er sein Shirt auszieht, sorgt das zwar für Hysterie. Das wird aber nicht ewig reichen. Das Boulevard hat ihn sowieso schon in die Ecke „Kurz vorm Absturz“ gestellt. Erfolgreiche Teenager, die post-pubertär die Kontrolle verlieren, hat das Geschäft schon genug gesehen. Britney Spears lässt grüßen. Zuletzt waren die Schlagzeilen vielfältig: Justin läuft mal ohne Shirt, dann mit Gasmaske durchs eiskalte London, wo er später auch pöbelt, als minderjährige Freunde nicht in einen Nachtclub dürfen. Dann bekommen seine Bodyguards eine Anzeige, weil sie in Wien Pressefotografen bedrohen. In München wird Justin sein Affe vom Zoll abgenommen, weil niemand ihm gesagt hat, dass dafür auch ein Star Papiere braucht.

Will er weiter Platten verkaufen und Arenen füllen, muss er sich etwas einfallen lassen. Blinde Pubertätsliebe ignorierend, steht dort auf der Bühne kein junger Michael Jackson, nicht einmal ein junger Justin Timberlake, sondern nur ein Choreografien beherrschender Jüngling. Ob der als Engel von der Bühne demnächst hoch in den Pop-Olymp fliegt, bleibt abzuwarten. Vielleicht wird aus dem Engel aber auch vorerst nur der Bengel, der er als Gesicht einer Multi-Millionen-Maschinerie in den vergangenen fünf Jahren nicht sein durfte.

Sebastian Scherer