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Kultur Zum Messias gemacht
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10:42 23.05.2015
Jimmy in der Rolle des Messias: Ohne Schuhe, dafür mit Bart und langem Haar. Quelle: Benjamin Westhoff
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Celle

Der Unterschied zwischen Glauben und Religion ist laut Gesetz ein einfacher. Glauben kann jeder für sich und an alles, Religion findet in einer Gemeinschaft statt und ist meist an irdische Institutionen gekoppelt. Genau deshalb bringt sie in Didier van Cauwelaerts Buch „Das Evangelium nach Jimmy“ nur Ärger. In dem 2004 erschienenen Roman diskutiert der französische Autor die Frage nach einer Beziehung von Mensch zu Gott, die nur Positives hervorbringt und möglichst wenige Menschen in einen religiösen Krieg treibt. Und da kommt Jimmy ins Spiel. Jimmy (Rasmus Max Wirth) wächst ohne Eltern in einem isolierten Raum auf, floh als Kind aus der Obhut der Wissenschaftler und reinigt mit 32 hauptberuflich Swimmingpools.

Eines Tages offenbaren ihm Mitarbeiter der US-amerikanischen Regierung, dass er ein Klon ist, gemacht aus einem Fleck auf dem Grabtuch von Turin. Jimmy, ein Atheist, könnte demnach Jesus’ Klon sein und soll nun der neue Messias in der zerrütteten Welt sein. Wissenschaftler, Regierungsgehilfen und ein Theaterregisseur sollen ihn auf diese Rolle vorbereiten. Am Ende wird er vor einer Kurie im Vatikan beweisen müssen, dass er Jesus’ Gene, Fähigkeiten und vor allem Bedeutung besitzt. Während das Expertenteam Jimmys Leben überwacht und für ihn allerhand Gelegenheiten zum Wunder vollbringen inszeniert, liest der lieber gründlich die Bibel.

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Der Regisseur und Intendant des Celler Schlosstheaters, Andreas Döring, bringt van Cauwelaerts Geschichte des neuen Messias zurechtgestutzt auf knapp zwei Stunden auf die Bühne. Pikante Details aus der Romanvorlage, etwa, dass der Messias nur so dringend nötig ist, weil Präsident George W. Bush den Segen für eine Heirat mit seinem Lebensgefährten möchte, werden ausgespart, die futuristische Welt kaum beschrieben. Was nicht von den Figuren verlautbart wird, bleibt verborgen. In den Dialogen steckt ein ganzer Wust an Fragen über die Notwendigkeit eines neuen Erlösers, der die Zuschauer nicken und die Augenbrauen hochziehen lässt. Das Problem dabei ist: Vor lauter Denkimpulsen bleibt zum Fühlen wenig Zeit. Zu schnell wechseln die Szenen, es gibt kein Innehalten oder Wirkenlassen. Die Komik bleibt gemäßigt und die Wut kontrolliert. Einzig bei einem Zickenkrieg zwischen den zwei Wissenschaftlerinnen, die um Jimmys Gunst buhlen, funkt es auf der Bühne. Dr. Sanderson (Tanja Kübler) und Kim Wattfield (Josephine Raschke) geifern und strecken dabei kokett die Hintern raus – ein echtes Highlight, von denen es insgesamt aber zu wenige gab.

Mittelpunkt der Bühne (von Martin Käser) wird immer wieder eine große Leinwand, auf die Überwachungsbilder und Forschungsergebnisse projiziert werden. Dieses durchaus gelungene Mittel wird allerdings so inflationär eingesetzt, dass der Reiz daran schnell verloren ist. Das Publikum belohnt die Aufführung mit einem langen, aber nicht überschwänglichen Applaus.

Julia Rau

„Das Evangelium nach Jimmy“ wird noch bis zum 14. Juni im Schlosstheater aufgeführt.

Der neue Spielplan des Schlosstheaters

In der zweiten Spielzeit für Intendant Andreas Döring werden 23 Neuproduktionen gezeigt. Die nächsten Termine:

  • Der große Gatsby“: Das Theaterstück nach dem Roman von Francis Scott Fitzgerald eröffnet am 11. September die Spielzeit im Schlosstheater. Döring führt Regie.
  • Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone“: Agnes Oberauer bringt Mark Haddons Werk am 12. September auf die Bühne der neuen Spielstätte Halle 19.
  • Der Boxer“: Die deutsche Erstaufführung von Felix Mitterers Werk über das Schicksal des Sinto-Boxers Johann „Rukeli“ Trollmann hat am 25. September im Schlosstheater Premiere.
  • Kein schönes Land in dieser Zeit“: Die Uraufführung des Theaterstückes, das Integration in Deutschland zum Thema hat, ist am 24. Oktober im Malersaal.
  • The King’s Speech“: Eine Filmadaption unter Sebastian Sommers Regie wird am 5. Februar 2016 im Schlosstheater aufgeführt.
  • Fluchtpunkt Celle“: Die Uraufführung des Stückes über Flüchtlinge von Peter Schanz ist am 18. März 2016 im Schlosstheater zu sehen.

Weitere Informationen unter schlosstheater-celle.de

22.05.2015
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