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Kultur Jennifer Lawrence bringt die Revolution zu Ende
Nachrichten Kultur Jennifer Lawrence bringt die Revolution zu Ende
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20:13 18.11.2015
Eine Auserwählte in großer Not: Aber Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) gibt nicht auf. Quelle: StudioCanal
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Hollywood

Als alles vorüber ist, kann Katniss Everdeen endlich wieder einmal zum Jagen im Wald verschwinden - so wie schon drei Jahre und vier Filme zuvor, als die Kinogänger die Bogenschützin beim Wildern kennenlernten. Ihr Pfeil bringt ein Rebhuhn zur Strecke, doch ist kein Triumph im Blick der Schützin: Töten ist für Katniss offenbar nie zum Selbstzweck geworden - egal, wie viele Kämpfe ihr zwischenzeitlich aufgezwungen worden sind. Sie tötet des Hungers wegen oder um nicht selbst getötet zu werden.

So behauptet sich Katniss bis zum Ende der auf vier Teile übermäßig zerdehnten Verfilmung der Bestseller-Trilogie „Tribute von Panem“ als außergewöhnliche Kinoheldin. Der abschließende Film „Mockingjay, Teil 2“ fügt sich ins Gesamtkonzept ein. Wann je hat eine Actionheroine so sehr mit ihrer Rolle als Auserwählte gehadert? Wann je wurde die entscheidende Figur in einem Teenager-Abenteuer so brutal von größeren Mächten instrumentalisiert - von denen nie so ganz genau zu sagen war, wer eigentlich zu den Guten und wer zu den Bösen gehörte? Und wann je sickerten so viele aktuelle Wirklichkeitsbezüge in ein Fantasy-Spektakel ein? Das ganze Leben als live übertragene Casting Show: Hier wird es Programm.

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Philip Seymour Hoffman nur in wenigen Szenen zu sehen

Auch im vierten Teil steht wieder der Kampf um die Bilder obenan. Denn wer über die Bilder verfügt, kann die Menschen manipulieren. Das weiß nicht nur Diktator Snow in seinem Kapitol, das wissen auch diejenigen, die Katniss propagandistisch zum „Gesicht der Revolution“ hergerichtet haben - darunter Philip Seymour Hoffman als „Spielmacher“ Heavensbee, der während der Dreharbeiten starb und nur in wenigen Szenen zu sehen ist.

„Spielmacher“ wie Heavensbee gibt es heute in jeder Wahlkampfzentrale und auch in den PR-Abteilungen von Armeen. Nur heißen sie dort Spin-Doctors. Sogar als die US-Eliteeinheit Osama Bin Laden in seinem pakistanischen Versteck aufstöberte, filmten die Soldaten live, der US-Präsident schaute in Washington zu.

Der Kampf findet außerhalb der Arena statt

In den ersten beiden „Panem“-Filmen blickten die medialen Strippenzieher gottgleich auf die Manege, in der Katniss um ihr Leben kämpfte. Aber schon im dritten Film fand der Kampf außerhalb der Arena statt. Und nun will Katniss (Jennifer Lawrence) die Sache zu Ende bringen. Die Zeit für den durchtriebenen Präsidenten Snow (Donald Sutherland) ist abgelaufen. Doch obwohl Katniss fest zum Tyrannenmord entschlossen ist, hält sie immer wieder inne und fragt nach den Kosten für die Befreiung ihres zerrissenen Landes.

Gelegentlich bewegt sie sich wie eine Fremde durch dieses Finale - und das ist durchaus als Kompliment gemeint. Denn Regisseur Francis Lawrence (nicht verwandt oder verschwägert mit der Hauptdarstellerin) muss zugleich die Ansprüche an ein Teenager-Spektakel bedienen. Die beiden Mitstreiter Gale (Liam Hemsworth) und Peeta (Josh Hutcherson) etwa buhlen nach-pubertär um die Gunst der Heldin und sind erstaunt über jeden Kuss, der ihnen gewährt wird.

Krachende Spezialeffekte

Zudem ist der Weg ins Kapitol von krachenden Spezialeffekten gesäumt. Ganze Teerlawinen ergießen sich über die Widerständler. In der Kanalisation unter der Stadt lässt der Regisseur Monster mit spitzen Zähnen los: Eine Horde von nahenden Gollum-Verwandten treibt ihr Unwesen.

Diese disparaten Handlungselemente werden erstaunlich unelegant verlinkt, immerhin zeichnete Regisseur Lawrence schon für die beiden vorigen „Panem“-Filme verantwortlich. Ergiebige Momente verschenkt er in diesem Film grandios: Als Katniss endlich ins Innere des Kapitols gelangt und dort sinnend umherspaziert, werden in unseren Köpfen Assoziationen wach an Viktor Janukowitschs pompösen Palast in Kiew oder an die dekadenten Behausungen des Gaddafi-Clans in Libyen: Staunend schritt das gemeine Volk durch die Gemächer. Doch Francis Lawrence belässt es bei einem Besuch seiner Heldin im Gewächshaus.

Finale kommt nicht ohne Kitsch aus

Immerhin trifft Katniss dort auf ihren Gegenspieler, der ihr die Augen für ihre Situation öffnet. Wenig später wird sie sich erstmals wirklich von ihrer Rolle als Spielfigur befreien. Und das ist auch der Moment, in dem klar ist: Diese Bogenschützin hat genug gelitten. Holt sie da raus!

Katniss hätte ein dramaturgisch überzeugenderes Finale verdient, zumal der Regisseur mit einer schrecklich kitischigen und gänzlich überflüssigen Szene abschließt. Dennoch ist ihre Figur nach wie vor der Maßstab aller jugendlichen Helden, die in postapokalyptischen Zeiten um Selbstbestimmung ringen - egal ob sie nun in „Die Bestimmung - Divergent“ oder in „Maze Runner“ unterwegs sind. Ihr Vorbild heißt bis auf Weiteres Katniss Everdeen.

  • „Die Tribute von Panem - Mockingjay Teil 2“, Regie: Francis Lawrence, 137 Minuten, FSK 12 Astor, Cinemaxx, Cinemotion, Cinestar

Von Stefan Stosch

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