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19:28 25.06.2010
Von Kristian Teetz
Deutschlands Ampelmann: Manuel Neuer in den WM-Spielen gegen Australien (grün), Serbien (gelb) und Ghana (rot). Quelle: ap, dpa, afp
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Es läuft nicht immer rund: „Zwei Chancen, ein Tor – das nenne ich hundertprozentige Chancenauswertung.“ Und es zeigt, dass Bayern-Stürmer Roland Wohlfahrt vom Toreschießen offensichtlich mehr verstand als von der Mathematik. Der heutige Präsident der Bayern, Uli Hoeneß, wiederum versuchte es mit Logik: „Ich glaube nicht, dass wir das Spiel verloren hätten, wenn es 1:1 ausgegangen wäre.“ Und Exbundestrainer Berti Vogts scheiterte an Geometrie, denn für ihn war „die Breite an der Spitze dichter geworden“.

Dabei müssen sich Fußball und Wissenschaft nicht zwangsläufig ausschließen. Mathematiker, Physiker, Farbpsychologen, Linguisten, Historiker, Chemiker, Religions- und Kulturwissenschaftler rund um den Globus betreiben Forschung mit Kick, analysieren Elfmeterschießen und wollen die Form der Mannschaften mit Formeln errechnen. Und es muss niemanden wundern, dass während einer Weltmeisterschaft die Ergebnisse von besonderem Interesse sind.

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Zum Beispiel die Farbe der Trikots. Kann der Dress spielentscheidend werden? Rot gilt als Gewinnerfarbe. Wissenschaftler der Universität im englischen Durham haben die Evolutionsforschung bemüht und festgestellt: Rot steht für Aggressivität. Der deutsche Rekordmeister Bayern München bestätigt die These, er eilt in rotfarbenen Trikots von Titel zu Titel, bei den „Roten“ von Hannover 96 dagegen sieht die Sache schon nicht mehr ganz so stimmig aus. Auch bei der WM ist nicht alles rot, was glänzt: Zwar hat Südkorea die Vorrunde überstanden, Nordkorea, Dänemark und Serbien sind allerdings schon draußen. Der Farbpsychologe Harald Braem widerspricht denn auch den Engländern. Rot ist die Farbe der Einzelkämpfer, eine Mannschaft gewinnt am ehesten in Blau. Hat Braen vor der WM gesagt. Und dann stellten die Blaumänner Italien und Frankreich, als Weltmeister und Vizeweltmeister angereist, Braems These weit ins Abseits. Da hilft es kaum, dass Underdogs wie Uruguay (Hellblau), die USA (Dunkelblau) und Japan (Frankreichblau) überraschend erfolgreich sind.

Deutschland wiederum verzichtet auf Blau, trägt nur gelegentlich und teilweise (Torhüter Neuer) Rot und spielt auch in diesem Jahr meist in Weiß – für Braem die defensivste und emotionsloseste Farbe überhaupt. Doch mit dem Herz in der Hand und der Leidenschaft im Bein kann diese Fehlfarbe wettgemacht werden – drei Weltmeistertitel ganz in Weiß lassen jedenfalls hoffen.

Auch bei Torhütern spielt die Farbe des Trikots eine entscheidende Rolle: Nach Erkenntnissen britischer Sportpsychologen von der Universität Chichester halten Torhüter weitaus mehr Elfmeter, wenn sie Rot tragen. Den Daten von Iain Greenlees und Michael Eynon zufolge geht jeder fünfte gehaltene Elfmeter auf das Konto der roten Trikotfarbe. Begründung eins: Der Schütze hat Angst vor der Gefahrfarbe Rot. Begründung zwei: Der Keeper fühlt sich stärker und hält mehr Bälle. Manuel Neuer war in der Vorrunde äußerst experimentierfreudig und trat in Grün (kein Gegentor), Gelb (ein Gegentor) und Rot (kein Gegentor) an. Einen Strafstoß musste er noch nicht halten. Aber die Zeit der Elfmeter bricht in Südafrika ja erst mit den heute beginnenden Entscheidungsspielen an.

Im Falle eines Falles muss sich Neuer nicht nur auf sein Trikot oder wie sein Vorgänger Jens Lehmann auf kleine Zettel im Schienbeinschoner verlassen, die Statistik hilft auch. Leipziger Soziologen um Roger Berger haben mathematisch bewiesen, dass ein Schütze weitaus häufiger die Mitte beim Elfmeterschuss wählt als der Torwart. Also gilt für alle Torhüter: Öfter mal stehen zu bleiben. Darüber hinaus sollten Schützen beim Strafstoß lieber hoch als flach schießen. Denn wird der Ball beim Elfmeter höher als 1,22 Meter geschossen, landet er mit 89,7-prozentiger Wahrscheinlichkeit im Netz, sagt der Statistiker Roland Loy. Werden sie dagegen unter 1,22 Meter Höhe getreten, führen nur 71,9 Prozent der Schüsse zum Erfolg.

Der Physikprofessor Metin Tolan empfiehlt, vor dem Elfmeterschuss den Schuh zu wechseln. „Schon 500 Gramm mehr am Fuß beschleunigen den Ball um zusätzliche zehn Stundenkilometer.“ Bei einem 120 Stundenkilometer schnellen Elfmeterschuss fliege der Ball 0,4 Sekunden. Trotzdem werden zahlreiche Elfer gehalten. Die paar Hundertstelsekunden, die ein Torwart nun noch weniger Zeit hat zu reagieren, „können den Unterschied zwischen Halbfinale und Finale bedeuten“, sagt Tolan.

Einen alten Fußballmythos zerstören Forscher der Universität Halle-Wittenberg. Der Gefoulte darf den folgenden Elfmeter nämlich doch selbst schießen. Im untersuchten Zeitraum zwischen 1993 und 2005 schoss bei 102 Elfern der Von-den-Beinen-Geholte selbst. 73 Prozent waren erfolgreich, bei nichtgefoulten Elfmeterschützen lag die Erfolgsquote bei 75 Prozent. „Dieser Unterschied liegt im Rahmen der zufälligen Schwankung“, sagt Wissenschaftler Oliver Kuß.

In strittigen Foulsituationen sind kleine Kicker klar im Vorteil. Das behaupten jedenfalls die deutschen Forscher Niels van Quaquebeke (32) und Steffen Giessner (35) von der Erasmus-Universität Rotterdam, die mehr als 120.000 Foul-Entscheidungen untersucht habe. Sie haben herausgefunden, dass kleine Spieler wie Bayern Münchens Philipp Lahm (1,70 Meter) bei einem Foul bessere Chancen haben, ungestraft zu bleiben als zum Beispiel sein Nationalmannschaftskollege Mario Gomez (1,89 Meter). Es sei wahrscheinlich, dass die erkennbare Körpergröße eines Spielers beim Schiedsrichter „als zusätzlich aufgenommene Information mit in die Entscheidungsfindung einfließt“. Evolutionstheoretisch gelten große Menschen eben als die aggressiveren und dominanteren. Kleinen Menschen wird dagegen eher die Opferrolle zugeschrieben.

Die Hirnwissenschaft ist mittlerweile auch beim Fußball angekommen. Ihr Beitrag: Schießt ein Spieler ein Tor, wird im limbischen System der Glücklichmacher Dopamin ausgeschüttet. Dasselbe passiert beim Orgasmus. Nur so ist Mike Hankes Satz, ihm sei Toreschießen wichtiger als Sex, zu verstehen.

Und wer wird nun Weltmeister? Sowohl der ehemalige hannoversche Mathematikprofessor Norbert Herrmann als auch der Dortmunder Physikprofessor Metin Tolan haben jeweils eine WM-Formel entwickelt, nach der nur Deutschland den Pokal holen kann. In beiden Fällen wird allerdings deutlich, dass der Wunsch Vater der Formel war. Unbestechlich dagegen ist die Zahl 3064. Deutschland war 1974 und 1990 Weltmeister. Addiert man die beiden Jahreszahlen, ergibt das 3964. Argentinien feierte 1978 und 1986, das macht in der Summe wieder 3964. Genauso verhält es sich bei Brasilien, Titelträger 1962 und 2002 sowie 1970 und 1994. Um zu errechnen, wer Weltmeister wird, muss man nun nur die Zahl 3064 nehmen, von ihr das aktuelle Jahr, 2010, abziehen und landet bei – 1954. Und wer war in jenem Jahr Weltmeister? Eben.

Es ist also mathematisch bewiesen: Mit der Löw-Truppe ist zu rechnen. Und England muss morgen auf jeden Fall die Koffer packen.
Mit Wissenschaft und Fußball beschäftigen sich auch diese Bücher:

Physikalisch: Metin Tolan: „So werden wir Weltmeister: Die Physik des Fußballspiels“ Piper, 367 S., 16,95 Euro.

Interdisziplinär: Hans-Georg Weigand (Hrsg.): „Fußball: Eine Wissenschaft für sich“. Königshausen & Neumann, 250 S., 19,90 Euro.

Philosophisch: Klaus Theweleit: „Tor zur Welt: Fußball als Realitätsmodell“. Kiepenheuer & Witsch, 233 S., 9,95 Euro.

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