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Kultur "Das Helmi" kommt nach Hannover
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19:22 16.04.2012
„Wir sind nicht so brav wie das Stadttheater“: Florian Loycke, eingegraben im Puppenberg.May
„Wir sind nicht so brav wie das Stadttheater“: Florian Loycke, eingegraben im Puppenberg. Quelle: May
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Hannover

Sie erkennen mich an der Puppe im Knopfloch“, hat Florian Loycke gesagt. In seiner Stammkneipe, dem „Café Krüger“ im Prenzlauer Berg in Berlin, holt er das handtellergroße Schaumstoffhandy mit Gesicht dann aber doch erst aus einem Beutel hervor. Weil er angeblich erst in der letzten Minute bemerkt hat, dass es nicht ins Knopfloch passt. Ein bisschen losgelöst von den Gesetzmäßigkeiten des Alltags muss man wohl sein, um das Leben über den Umweg von Puppen zu erzählen. Diese eignen sich seiner Meinung nach am besten, um jene „schrägen Stoffe“ auf die Bühne zu bringen, die er so mag.

Wie zum Beispiel Helene Hegemanns Jugendroman „Axolotl Roadkill“, der als Puppenspiel aus Urheberrechtsgründen „Axel, hol den Rotkohl“ heißt. Oder die Weltuntergangsphantasie „Der Müll“, die Loycke in Hannover demnächst als Mischung aus Sängerwettstreit und Hippiemusical gestalten will. Das Schauspiel Hannover entwirft in seiner 14-teiligen Reihe „Die Welt ohne uns“ Endzeitszenarien - und das so erfolgreich, dass diese am 22. April als eines von insgesamt 365 Projekten von der Initiative „Deutschland - Land der Ideen“ ausgezeichnet wird. Anschließend hat „Der Müll“ Premiere. Loycke bringt das Stück mit Senioren und Schauspielstudenten aus Hannover auf die Bühne.

„Zwischen dem Seniorenchor, der den Wald darstellt, und dem Müll, der von Schauspielstudenten gespielt wird, entspinnt sich wie in der Griechischen Tragödie ein Wertekampf“, sagt Loycke. „Wenn die Alten zum Beispiel das Lied ‚Ohne dich‘ singen, denkt der Müll, er wäre gemeint. Er ist eben ziemlich egozentrisch.“ Bei der Gestaltung ihrer Puppen ließ Loycke den Darstellern freie Hand. „Eine Studentin wollte unbedingt eine Capri-Sonne sein. Also soll es so sein.“ Er legt wenig Wert auf Hierarchien: „Wir sind nicht so brav wie das Stadttheater“, sagt Loycke. „Als Regisseur spiele ich selbst mit, mache auch Musik. Wir sind da wie eine Rock-’n’-Roll-Band.“

Das gefällt dem Leitungsteam des Schauspiels in Hannover. Für die kommende Saison ist „Das Helmi“ auch schon gebucht, dann will die Gruppe 100 Tage lang in einer provisorischen Spielstätte mitten in der Stadt Figurentheater mit Schaumstoffresten und Kartons aus benachbarten Geschäften machen.

Der Name „Das Helmi“ stammt vom Berliner Helmholtzplatz, an dem Loycke und seine Kollegen Emir Tebatebai und Brian Morrow vor zehn Jahren ihre Figurenwerkstatt gründeten. Damals trafen sich am Helmholtzplatz vor allem Punks und Drogenabhängige. „Wir haben den Laden ganz schön aufgemischt“, sagt Loycke. Am Anfang ließen die drei Künstler, die alle keine gelernten Puppenspieler sind, nach Auftritten noch den Hut rumgehen. „Wir konnten schon damals von der Kunst leben, weil wir einfach nicht viel brauchten“, sagt er.

Inzwischen ist „Das Helmi“ so gefragt, dass Loycke seine Berliner Wohnung untervermietet hat, weil er so oft unterwegs ist. Für den Regisseur Nicolas Stemann etwa schuf er die Puppen, die in seiner auch bei den Salzburger Festspielen gefeierten Produktion „Faust I und II“ zu sehen sind. Mit Jan Bosse arbeitete das Künstlerkollektiv für „Das Käthchen von Heilbronn“ zusammen. Mittlerweile ist die Gruppe um einige Gäste gewachsen, darunter auch Loyckes zwei Brüder, mit denen er sich schon als Kind Figurenstücke ausdachte.

Im „Café Krüger“ beginnt Loycke ungeniert, mit zwei Puppen den Oralverkehr aus dem an Schulen gezeigten Aufklärungsstück „Let’s talk about sex“ zu simulieren, inklusive Schmatz- und Stöhngeräuschen. Eine Szene wie aus dem Film „Harry und Sally“. „Die pubertierenden Zuschauer haben sich dabei die Augen zugehalten, so peinlich war ihnen das“, sagt Loycke.

Für das Jüdische Museum Berlin hat „Das Helmi“ noch in einem anderen Bereich Aufklärungsarbeit geleistet: Er sollte die Geschichte des Lichterfestes Chanukka begreifbar machen. „Ich habe mich gefragt, wie man das Kindern erklären soll.“ Schließlich gehe es in der Geschichte auch um blutige Kämpfe. Er schweigt einen Moment, dann sagt er zufrieden: „Dafür sind Puppen gut.“

In der Wohnung des 41-Jährigen, wenige Schritte von der Kneipe entfernt, stapeln sich Hunderte von Puppen zu einem Schaumstoffbrei, aus dem vereinzelt Arme oder Augen hervorschauen. Loycke gräbt sich ein in den Puppenberg und erzählt die Geschichten seiner „Kinder“, für deren Fertigung er zwischen einer Stunde und drei Monaten braucht. Beinahe zärtlich spricht er von Rocky, Leon, dem Profi und Neo, alles Helden aus Filmadaptionen. Das Puppenspiel reizt ihn, weil „es überall funktioniere: „Wir haben auch schon um drei Uhr nachts ‚Rotkäppchen‘ bei einer Technoparty im Club ‚Ritter Butzke‘ gespielt.“

Bei der Leipziger Buchmesse inszenierte die Gruppe 2006 „Der Troll“ von Johanna Sinisalo - jener Autorin, die gerade mit dem Drehbuch zur Science-Fiction-Komödie „Iron Sky“ über Nazis auf dem Mond Furore macht. Loycke hat schon nach den Bühnenrechten gefragt. Es ist eben einer von diesen schrägen Stoffen.

Die Premiere von „Der Müll“ am 22. April ist ausverkauft. Karten zu weiteren Vorstellungen: (0511) 99991111.

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