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Kultur Das Helmi spielt „Die Welt ohne uns“
Nachrichten Kultur Das Helmi spielt „Die Welt ohne uns“
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23:44 22.04.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Foto: „Die Welt ohne uns“: Wo der Müll singt.
„Die Welt ohne uns“: Wo der Müll singt. Quelle: Katrin Ribbe
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Hannover

Vor der Premiere gab's lobende Worte. Im bundesweiten Wettbewerb „365 Orte im Land der Ideen“ hat das botanische Langzeittheater „Die Welt ohne uns“, das das Schauspiel Hannover bisher auf einer Militärbrache in Bothfeld veranstaltet hat, eine Auszeichnung erhalten. Die besteht aus ein paar freundlichen Worten und einer Plexiglasstatue. Geld gibt es nicht – aber trotzdem war jemand von der Bank da. Michael Hobusch von der Deutschen Bank (die das Projekt „Land der Ideen“ unterstützt) gratulierte den anwesenden Dramaturgen und Regisseuren und schaffte das Kunststück, in seiner kurzen Rede zweimal die Formulierung „Leistung aus Leidenschaft“ unterzubringen - den Werbespruch der Deutschen Bank.

Juliane von Trotha von der Initiative „Deutschland - Land der Ideen“, lobte das Pflanzentheater als ein „Theater der Superlative, das jeden Rahmen sprengt“. Ihr gelang es auch, einen geradezu prophetischen Satz in ihrer Laudatio unterzubringen: „Der Auftrag von Theater ist Irritation“.

Damit legten die Akteure der Berliner Puppentheatergruppe „Das Helmi“, die die siebte Folge des auf 14 Folgen angelegten Pflanzentheaters bestreitet, schon während der Busfahrt zum Veranstaltungsort los. Sie erzählten philosophische Gemeinplätze, kokettierten mit dem Gedanken an Mitspieltheater, verteilten blaue und weiße Tabletten und sangen schlechte Lieder. Sehr schlechte Lieder.

Das alles wirkte wie ein Hörspiel aus der gymnasialen Mittelstufe. Andererseits: Das sollte es auch. Das Helmi steht schließlich für Unfertiges, Angedachtes, Halbgares. Trashtheater eben. Das kann sicher auch lustig sein.

Am Veranstaltungsort, dem Gelände eines früheren Asylbewerberheims in Stöcken, das gerade abgerissen wird (den alten Platz auf dem früheren Kasernengelände in Bothfeld musste das Theater räumen, weil ein neuer Investor hier Großes vorhat) waren dann die typischen, ruppig zusammengeschusterten Schaumstoffiguren der Helmi-Gruppe zu sehen. Die wirken erst erstmal grundsympathisch. Und sie singen auch sehr schön. Erstaunlich viele Figuren traten auf – was auch an den Sängern der Seniorenkantorei der Neustädter Hof- und Stadtkirche lag, die in Regencapes vor den Zuschauern herumstanden, Schaumstoffpuppen in die Luft hielten und Lieder sangen. Die älteren Laiendarsteller spielten Bäume, Tiere, Hexen und Wald, später kamen jüngere Helmi-Akteure hinzu und spielten Müll. Am Ende der etwa einstündigen Veranstaltung, die Helmi-Chef Florian Loycke inszeniert hat, gab es eine Art Sängerkrieg der beiden Gruppen. Und zwischendurch wurden Lieder aus der Fernsehwerbung angestimmt.

Das alles könnte vielleicht recht lustig sein, wenn es nicht im Regen vor einem Container gespielt werden würde. Im Container sitzen die Zuschauer, durch Glasscheiben von den Akteuren getrennt. Zuschauer atmen, Zuschauer transpirieren. Und wenn es draußen kalt ist (wozu der April ein paar Gelegenheiten bietet), beschlagen die Scheiben. So sehen die Zuschauer das, was draußen vor sich geht, nur wie durch einen Nebelschleier.

Vielleicht war das Absicht. Vielleicht auch Gnade.

Der achte Akt des Pflanzentheaters hat am 3. Juli Premiere. Die Videogruppe „Datenstrudel“ päsentiert dann „Die Affen - 700 Jahre nach Ende der Menschheit". Karten für die weiteren Veranstaltungen des Helmi unter 0511-99991111.

Johanna Di Blasi 25.04.2012
Ronald Meyer-Arlt 22.04.2012