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Kultur So läuft das Hurricane-Festival in Scheeßel
Nachrichten Kultur So läuft das Hurricane-Festival in Scheeßel
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13:05 24.06.2018
„Wir müssen auch dann das Maul aufmachen, wenn es wehtun könnte“: Sänger Monchi von Feine Sahne Fischfilet auf dem Hurricane Festival in Scheeßel eröffnet. Quelle: imago stock&people
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Scheeßel

So richtig neu sind die allerwenigsten der über 100 Bands auf dem diesjährigen Hurricane-Festival in Scheeßel. Also feiern die 65 000 Besucher meist entweder ihre vertrauten Helden oder prüfen neugierig, ob die sich bewahren konnten, was sie einst groß machte. Eine der Ausnahmen spielt am frühen Sonnabendnachmittag vor einer Handvoll Besuchern: Funk Fragment aus Dresden wurden erst vor wenigen Monaten auf der Frankfurter Musikmesse zur besten Nachwuchsband Deutschlands gekürt.

Zwar greift ihre instrumentale Mischung aus Funk, Rock, Blues und Jazz großzügig auf Versatzstücke aus der Musikgeschichte zurück. Die vier stillen jungen Männer jonglieren damit jedoch so einfühlsam, dass nichts ausgestellt wirkt. Alles fügt sich intuitiv und selbstverständlich zusammen. Andere Bands zitieren sich eher selbst. Der musikalische Mittelfinger der Rotznasenpunks The Offspring scheint abgenutzter als der der Kollegen Green Day, die beim vergangenen Festival mit einem ausgesprochen lebendigen Konzert beeindruckten.

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Das könnte einerseits daran liegen, dass die Kalifornier das Wetter zum Sommeranfang wohl als Winter empfinden mussten. Selbst für die unwettererprobten Fans des Hurricane-Festivals fühlte es sich die meiste Zeit über eher an wie ein ausgedehnter Herbstspaziergang an der Nordsee. Ein bisweilen hartnäckiger Nieselregen und oft schneidende Windböen ließen die gefühlte Temperatur nach etlichen Stunden vor oder zwischen den insgesamt vier Bühnen nochmals deutlich unter die im Durchschnitt gemessenen 15 Grad sinken.

Andererseits wirkten die gesetzten Punks von The Offspring vielleicht auch deshalb ein wenig müde, weil sie sich darauf beschränkten, das Echo vergangener Zeiten erklingen zu lassen. Billy Talent zeigt hingegen am Freitagabend, wie eine ganz große Show funktioniert. Im Alternative Rock der ebenfalls bereits seit 25 Jahren bestehenden kanadischen Band begegnet purer Rock ’n’ Roll verschrobener Brachialität, satte Dynamik charismatischer Präsenz. Dabei verzichtet die Band weitgehend auf Bühneneffekte – ähnlich wie einen Tag später die Schotten Biffy Clyro, denen es Show genug ist, ihren komplex verspielten Progressive Hardcore mit nackten, tätowierten Oberkörpern zu spielen.

Direkt im Anschluss präsentiert The Prodigy mit kompromisslosem Elektropunk die Gegenthese mit einer alles zerhäckselnden Lichtshow und einer beeindruckenden visuellen Ebene auf den Videoleinwänden: Die Bilder sind mal körnig, mal schwarz-weiß, schnell und hart geschnitten, verzerrt und immer wieder grafisch abstrahiert. Zur gleichen Zeit stellt auf der kleineren Bühne Portugal The Man aus Alaska das neue Album „Woodstock“ vor: Chöre, verzerrte Gitarren, Falsett- und Soulstimmen, Classic-Rock-Soli und Progressive-Zitate ergänzen sich zu einem herrlichen Durcheinander. Zusammen mit der pointierten Härte von The Prodigy ist damit die Rockmusik in all ihren Facetten umfassend auf die Bühne gebracht.

Ein fehlendes Element tragen viele der deutschsprachigen Bands des Festivals nach: eine deutliche politische Botschaft. Dafür stehen unter anderem die Punks von Feine Sahne Fischfilet, deren Sänger Monchi volksnah fordert: „Wir müssen auch dann das Maul aufmachen, wenn es wehtun könnte.“ Die Familienband Madsen aus dem Wendland fasst ihre antifaschistische Botschaft gleich in einer übergroßen Bühnenprojektion zusammen. Ein weiteres Motto, das sie ausgibt, beschreibt das Schlechtwetterfestival eher in seiner Gesamtheit: „Egal was passiert - lass die Musik an!“

Von Thomas Kaestle