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Kultur Das Ich im Gästeklo: Alexa Hennig von Langes Roman „Peace“
Nachrichten Kultur Das Ich im Gästeklo: Alexa Hennig von Langes Roman „Peace“
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11:32 28.02.2009
Von Jutta Rinas
Selbstfindungsversuche: Alexa Hennig von Lange.
Selbstfindungsversuche: Alexa Hennig von Lange. Quelle: Martin Steiner
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Auch die Belletristik hat das Thema schon länger für sich entdeckt. 2004 machten gleich zwei Autoren mit Büchern Furore, in denen es um die Abrechnung von Achtundsechziger-Kindern mit ihren entgrenzten, auf Selbstverwirklichung und sexuelle Befreiung fixierten Eltern ging. Der 1965 geborene Augusten Burroughs beschrieb die Folgen der antiautoritären Erziehung in seiner Bestseller-Autobiografie „Krass“ dem Titel entsprechend. Auch die 1971 geborene Sophie Dannenberg sparte in „Das bleiche Herz der Revolution“ nicht mit drastischen Szenen, um die Spätfolgen von Tabulosigkeit und exzessiver Selbstverwirklichung zu geißeln.

Noch krasser geht es jetzt in Alexa Hennig von Langes neuem Roman zu. Lange, ehemalige Hannoveranerin, Popliteratin, Kinderbuchautorin, Übersetzerin und Mutter zweier Kinder, hat ein grotesk verzerrtes Schauermärchen verfasst. „Peace“ ist ein Buch, das kein Klischee auslässt, um die tabulosen Achtundsechziger anzugreifen.

Joshua heißt der unglückliche Sohn von Renate, der in dem Roman seine Geschichte erzählt. Seine Mutter ist ein seit den wilden Siebzigern in die Jahre gekommenes Hippie-Groupie, dem keine Droge und kein Tabubruch fremd geblieben ist. Schon als Siebenjähriger muss der Icherzähler erleben, wie Renate mit ihrer Frauengruppe ein Selbstbefriedigungsseminar abhält. Die missratene Mutter kippt diverse Male nach einer Überdosis harter Drogen um und muss wahlweise von Joshua oder ihrem jugendlichen Geliebten wiederbelebt werden. Und sie verschweigt ihrem Sohn seinen wahren Vater: einen Exhippie und späteren LSD- und Kokaindealer, der in den Neunzigern seine transsexuellen Neigungen entdeckte.

In einer der krassesten Szenen schneidet Renate mit ihren Freundinnen einem neugeborenen Jungen nach einer Hausgeburt seinen Penis ab: „Herzlichen Glückwunsch!“ lautet der trockene Kommentar: „Jetzt ist es ein Mädchen.“ Irgendwann verweigert die ins Monströse verzerrte Altachtundsechzigerin dann selbst die simpelsten Fürsorgepflichten. Sie schließt sich für Jahre ins Gästeklo ein. Das ist Hennig von Langes absurdes Bild für eine weibliche Ideologie, bei der „Selbstverwirklichung“ in totaler Ichbezogenheit endet.
All diese Drastik, all diese Überzeichnungen von Klischees, haben überhaupt nur Sinn, wenn man annimmt, dass es in „Peace“ nicht um die realistische, die psychologisierende Auseinandersetzung eines Kindes mit seiner Elterngeneration geht. Die Aneinanderreihung grellster Effekte dient offenbar dazu, das Ver- und Zerstörungspotenzial einer ganzen Generation und ihrer Ideologien auf die Spitze zu treiben.

Das wirkt über weite Strecken aber nicht (irr)witzig, sondern bemüht – und ist in der Konsequenz ziemlich ermüdend. Bemerkenswert ist zudem, dass im Zentrum ein Mutter-Sohn-Verhältnis steht. In „Peace“ kommen zwar alle Erwachsenen schlecht weg, aber das größte Egomonster ist weiblich. Ihm steht ein Junge mit unendlichem Leidensdruck gegenüber, der nach eigenen Worten „dazu geboren ist, all die männlichen Verbrechen, die je am weiblichen Geschlecht verübt worden waren, zu sühnen.“

Alexa Hennig von Lange, von der jetzt auch der neue „Lelle“-Jugendroman „Leute, mein Herz glüht“ (cbt Verlag) erscheint, hat mit „Peace“ einen wüsten Roman geschrieben. Der soll offenbar nicht nur eine Abrechnung mit den Achtundsechzigern sein, sondern auch eine auf das Heute zielende, postfeministische Kulturkritik. Frauen, zieht die Lehren aus den wilden Siebzigern. Verwirklicht euch in Grenzen, sonst müssen eure Kinder darunter leiden. Das ist das Credo von „Peace“. Es zielt vermutlich auf neue weibliche (und wiederum ziemlich sexualisierte) Selbstfindungsversuche vom Schlage einer Charlotte Roche oder einer Lady Bitch Ray – und ist im Kern sicher richtig. Aber diese Erkenntnis ist auch banal. Dafür muss man keinen Roman von 230 Seiten schreiben.

Alexa Hennig von Lange: „Peace“, Dumont. 230 Seiten, 14,95 Euro.

Am Donnerstag, 5. März liest die Autorin in Hannover von 19.30 Uhr an in der Buchhandlung Leuenhagen & Paris aus „Peace“.

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