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Kultur Das Leben von Bushido kommt in die Kinos
Nachrichten Kultur Das Leben von Bushido kommt in die Kinos
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22:44 02.02.2010
Bushido
Bushido Quelle: Constantin
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Für den Rapper Bushido ist es ein Höhepunkt seiner nicht unumstrittenen Karriere als Popstar. Vor Tausenden Fans spielt er am Brandenburger Tor in Berlin. Gerade hat er seine Eltern zur Versöhnung zusammengebracht, seine Jugendliebe lächelt im Publikum, und ausgerechnet Karel Gott – der Schwarm der Bushido-Mutter – steht mit ihm auf der Bühne und singt die eingedeutschte Alphaville-Hymne „Für immer jung“. Die Fans kreischen, Flammen lodern auf, und dann legt der einstige Star des deutschen Gangsterraps los. Der Soundtracklieferant für Schulhofprolls nimmt sich sein Mikrofon, nickt noch einmal voller Liebe seiner Mutter zu und erzählt zu harten Hip-Hop-Beats die Geschichte vom Leben als Kampf: „Und wenn sie meinen, du stehst nie wieder auf / dann lass sie reden, Junge / zeig ihnen: Das ist dein Traum, du wirst ihn leben / und beweis’ diesen Leuten, die niemals an dich geglaubt haben / das, was sie haben, kannst du auch haben.“ Der Schwall pathetischer Erbauungslyrik lässt die Fans jubeln, die als Zugabe noch ein Lebensmotto bekommen: „Heb den Kopf und blick einfach nach vorn / und jetzt versuch’s, ich sag versuch’s, alles wird gut!“

Wer hätte gedacht, dass aus dem knallharten Rapper Bushido, der einst Frauen und Schwule mit Ausdrücken belegte, die nicht zitierfähig sind, ein Sozialpädagoge mit Mutmach-Message wird. Und damit diese vorbildliche Wandlung auch jeder anerkennt, haben Produzent Bernd Eichinger und Regisseur Uli Edel ihr ­einen Film gewidmet – samt kitschiger Schlussszene am Brandenburger Tor.

„Zeiten ändern Dich“: Bernd Eichinger und Uli Edel verfilmen die Bestsellerbiografie des Rappers Bushido.

„Zeiten ändern Dich“ heißt der neue Film des Kinoduos, das sich nach der RAF im „Baader-Meinhof-Komplex“ nun die Geschichte des deutschen Hip-Hop-Stars vornimmt. Eichinger und Edel nutzen dafür die Bushido-Autobiografie, die der Rapper mit seinem PR-Berater Lars Amend verfasst hat. Nachdem die „Bild“-Zeitung Teile des Buchs vorab veröffentlicht hatte, führte Bushido 2008 wochenlang die „Spiegel“-Sachbuchliste damit an. Er schlug Hape Kerkeling, Gerhard Schröder, Richard D. Precht und Papst Benedikt XVI. und möchte nun an diesen Erfolg anschließen – er spielt im Film die Hauptrolle. Und eigentlich könnte diese Rechnung auch aufgehen, denn die Geschichte hat mit Liebe, Gewalt, Drogen und einer Vom-Plattenbaurüpel-zum-Millionär-Story eigentlich alles, was ­gutes Popcornkino braucht.

Der Film steigt mit Bildern vom Touralltag Bushidos ein. Er gibt Konzerte, telefoniert im Tourbus mit seiner Mama und textet Raps über seine schwierige Vergangenheit. Diese wird dem Zuschauer auch gleich in zahlreichen Rückblenden präsentiert. Als Bushido noch Anis Mohamed Youssef Ferchichi heißt, wächst er in Berlin-Tempelhof mit seiner Mutter auf und wird von seinem Vater verprügelt. Die Eltern trennen sich, Anis verkauft Drogen und bricht die Schule ab. Der Junge kifft, sprüht S-Bahnen mit Graffiti voll und entdeckt Hip-Hop für sich. Anis benennt sich nach dem japanischen Ausdruck für den Weg des Kriegers: Bushido. Neben Sido, Fler und Eko Fresh wird Bushido zum Pionier des ­Aggro-Raps – und zum Lieblingsproll der Medien, ein Popstar, der Echo und Comet gewinnt.

An dieser Stelle setzt der Film wieder in der Gegenwart ein. Bushidos Vater ist krank und alt geworden und bittet seinen Sohn um Vergebung für die Schläge in der Kindheit. Für den mittlerweile 29-Jährigen eine gute Gelegenheit, mit seiner Vergangenheit abzuschließen, sich mit seinem Vater zu versöhnen und den Hass abzulegen. Bushido gibt den Hoffnungsträger für eine Generation, die nur kiffen, vögeln und rumhängen wollte und nun große Lust am Aufbau verspürt. Alles wird gut.

Nein, leider doch nicht. Denn der 90-minütige Versuch zu erzählen, warum Bushido wurde, wie er ist, scheitert auf gleich mehreren Ebenen. Zunächst wirkt die Geschichte vom Wandel des Rap-Saulus zum Pop-Paulus so schablonenhaft, so naiv erzählt, dass man ­Bushido am Filmende nur noch als glatt polierten „Bravo“-Heiligen wahrnimmt. Was in der Autobiografie noch als nachvollziehbarer Sinneswandel daherkommt, wird im Film zu einer blitzartigen geistigen Offenbarung: zack, Leben geändert, ab zu Kerner, darüber reden.

Zum zweiten scheitert das Filmprojekt am Filmmotiv selbst. Der Rapper mag zwar die Technik des Rappens beherrschen, die Schauspielerei beherrscht er nicht. Als er im Film von seiner Freundin verlassen wird, als er seinem Vater verzeiht oder im Fernsehen die Bilder des 11. Septembers verfolgt: Bushido trägt stets denselben, etwas elegischen, verträumt-entrückten Gesichtsausdruck. Und auch sein Talent, Texte abseits der Bühne zu sprechen, hält sich in Grenzen. Mögen seine Rapverse geschmeidig vorgetragen sein, jeder andere Satz im Film hat etwas vom Ablesen der Wetterprognose. Richtig gut ist Bushido nur, wenn es darum geht, sich zu prügeln. Und das tut er im Film auffällig oft.

Zum Glück ist Bushido aber nicht der einzige Schauspieler in seiner verfilmten Biografie. Neben ihm spielt eine wunderbar emotionale Hannelore Elsner Bushidos Mutter, Moritz Bleibtreu gibt einen herrlich philosophisch-verhuschten Freund namens Arafat, und Elyas ­M’Barek vertritt Bushido gekonnt in dessen Jugend. Sie alle eint etwas, was der Rapper im Film vermissen lässt: Emotionalität, Lust am Spiel und ein Gefühl für Intensität.

Ab Donnerstag im Kino.

Jan Sedelies