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Kultur Das Märchen vom Drachentöter
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21:13 21.09.2012
Der selbst ernannte „Tabubrecher“ wirft sich gerne in die Drachentöterpose. Anders als Cadmos auf dem Gemälde von Hendrick Glotzius kämpft er aber nur gegen Papiertiger. Quelle: Koldinghus
Hannover

Es geht schon paradox zu in der Medienwelt. Es gibt immer weniger Tabus in dieser Gesellschaft, aber die Zahl der sich in Drachentöterpose werfenden Tabubrecher nimmt ständig zu. Wenn in der Debattenarena, wo diese Helden ihre Auftritte haben, von einem Tabu die Rede ist, zählt nicht der Erklärungswert dieses Begriffs, sondern nur noch sein Reizwert.

Der freilich speist sich aus einer Aura, der noch Reste der einstigen Bedeutung anhaften. Ursprünglich ist Tabu ein Begriff aus dem Polynesischen und meint etwas Unantastbares, etwas, was gemieden, nicht berührt, nicht ausgesprochen werden darf. Vom 28. September an wird im Niedersächsischen Landesmuseum in Hannover eine schlicht mit „Tabu?!“ betitelte Ausstellung die kulturhistorische Bedeutung des Tabus näher herausarbeiten.

Diese Aura des Unheimlichen, Gefährlichen, Heiklen und irgendwie Verbotenen sorgte für die fulminante Medienkarriere des Begriffs. Das, was nicht auszusprechen erlaubt ist, das hat in einer geschwätzigen Medienwelt etwas Ungeheuerliches; es erscheint wie ein Angriff des Archaischen auf die Moderne - weshalb der sogenannte Tabubrecher sich gern zum Wächter der Meinungsfreiheit ausruft.

In der Welt der Werbung oder des Sensationsjournalismus gehört der Begriff zum Vokabular der Marktschreier: Erst werden alle möglichen Themen zum „Tabu“ erklärt, um dann ihre sich provokativ gebende Präsentation als sensationelles Ereignis anzukündigen. Hier soll offensichtlich der Voyeur im Zuschauer oder Leser angesprochen werden. Versprochen wird damit allerlei angeblich Verbotenes, vor allem wohl im Bereich der Sexualität. Auch in seriöseren Medien wird schon mal ein nun wirklich vieldiskutiertes Thema wie „Sterben“ zum Tabu erklärt, um sich selbst den Mut zu attestieren, sogenannte „heiße Eisen“ anzufassen.

Politisch interessant wird die Rede vom Tabu, wenn der Begriff im Zusammenhang mit der sogenannten Politischen Korrektheit verwandt wird, die für die Tabuisierung bestimmter Meinungen, Probleme oder Begriffe verantwortlich gemacht wird. Hier geht es um eine geläufige Strategie des politischen Meinungskampfs.

Historisch ist das Phänomen der „Political Correctness“ in den Vereinigten Staaten entstanden, als die diversen Minderheiten, ethnische wie sexuelle, sich gegen sprachliche Diskriminierung wandten und herabwürdigende und beleidigende Bezeichnungen von Menschengruppen auf den Index setzten. Dabei kam es dann auch zu Kuriositäten (Behinderte wurden zu „anders Begabten“). Komisch fanden manche auch, dass ihre rassistischen Sprachgewohnheiten auf einmal nicht mehr selbstverständlich waren, ja, nicht mehr erlaubt sein sollten: Die „Neger“ wollten so wenig wie die „Zigeuner“ so genannt werden.

Warum sollten sie auch auf das Recht auf den eigenen Namen verzichten? Den wenigsten Deutschen würde es gefallen, sich als „boches“ oder „huns“ (traditionelle antideutsche Schimpfnamen) bezeichnen zu lassen. Die mörderischen Erfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts führten dazu, dass auch der verbalen Menschenverachtung schon im Verfassungstext Einhalt geboten wird. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, heißt es im ersten Artikel des Grundgesetzes - hier klingt die ursprüngliche Bedeutung des Tabus sogar wörtlich an. Tatsächlich kommt keine Gesellschaft ohne Tabus aus, das gilt beispielsweise für Inzest oder Pädophilie. Hier ist das Strafrecht zuständig.

Worüber darf man nicht reden?

Taucht der Tabubegriff im Zusammenhang mit der Polemik gegen die „Politische Korrektheit“ auf, geht es um das Phänomen, dass in jeder Gesellschaft manche Handlungen oder Meinungen, die nicht strafrechtlich relevant sind, moralisch verfemt werden können - die also mit dem Risiko behaftet sind, eine gesellschaftliche Sanktion, soziale Ausgrenzung etwa, nach sich zu ziehen.

Tatsächlich gibt es einige Themen, die man hierzulande nicht diskutieren kann, ohne sich schlimmsten Verdächtigungen und Unterstellungen auszusetzen. Das jüngste Beispiel war die Debatte um die Verleihung des Adorno-Preises an Judith Butler - es ist derzeit kaum möglich, Israels Besatzungspolitik zu kritisieren, ohne sich des Antisemitismus-Vorwurfs erwehren zu müssen.

Wer in diesem Zusammenhang den Antisemitismus-Verdacht äußert, der die Tabuisierung von Kritik an der Politik Israels zumindest fördert, verfügt nicht unbedingt über das gleiche Maß an Empfindlichkeit, wenn es um den Themenkomplex Islam und Islamismus geht: Auch rüdeste antiislamische Ausfälle werden dann mit der Meinungsfreiheit oder - im Fall des folgenreichen Schmähvideos - mit der Kunstfreiheit verteidigt.

Der Tabuisierungs-Vorwurf ist zudem ein ständiger Bestandteil der Debatte über Migrationsprobleme. Wobei immer wieder die Ebenen der Auseinandersetzung verwechselt werden. Wer etwa unwissenschaftliche, vorurteilsbeladene Meinungsäußerungen, also Stil und Argumentationsniveau, kritisiert, dem wird gern vorgeworfen, er wolle eine Diskussion über die Probleme der Migration verhindern.

Alle Begriffe, die in politischen Debatten eingesetzt werden, sind automatisch Kampfbegriffe. Es geht in der politischen Auseinandersetzung immer darum, die Mehrheitsmeinung zu bilden, etwa populäre Begriffe zu besetzen, sie gelegentlich umzudefinieren („konservativ sein heißt an der Spitze des Fortschritts zu marschieren“) oder die tatsächlichen oder unterstellten Werte des Gegners zu attackieren.

Wer mit dem Tabu-Begriff operiert, unterstellt seinen Gegnern, dass sie in der Debatte einen nicht gerechtfertigten moralischen Druck ausüben, um andere Meinungen durch Tabuisierung zu unterdrücken. Tatsächlich ist es so, dass Mehrheitsmeinungen immer einen politischen Druck ausüben - sonst müssten sich die politischen Gruppen ja nicht darum bemühen, der eigenen Position eine Mehrheit zu beschaffen. Menschen sind nun mal in ihrer überwiegenden Mehrheit Opportunisten, ecken nicht gern an und vermeiden es, tatsächliche oder vermeintliche Minderheitsmeinungen zu vertreten.

Die Stimme der Schweigenden

Für dieses Phänomen hat die frühere Chefin des Meinungsforschungsinstitut Allensbach, Elisabeth Noelle-Neumann, in den siebziger Jahre den Begriff der „Schweigespirale“ entwickelt. Damit sollte unter anderem eine Unterscheidung zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung deutlich gemacht - und dem Begriff der „schweigenden Mehrheit“ Plausibilität verliehen werden.

Populisten treten gern als Sprachrohr einer schweigenden Mehrheit auf und inszenieren sich als Rebellen gegen „die Politiker“ und „die Medien“, die angeblich den wahren Volkswillen unterdrücken und Sprech- und Denkverbote erteilen. Kurzum: Sie sind nicht einfach Vertreter einer politischen Position, sondern zugleich Verfolgte und Opfer.

Das ließ sich bei der kuriosen rhetorischen Strategie beobachten, die in der Sarrazin-Debatte mit einigem Erfolg ausprobiert wurde. Wer Sarrazins Biologismus oder seinen fragwürdigen Umgang mit Statistiken kritisierte, traf der absurde Vorwurf, er wolle damit Sarrazin „mundtot“ machen - wobei in den vergangenen Jahren kaum einem Buch mehr öffentliche Aufmerksamkeit als dieser Untergangsvision gewährt wurde. Der strategische Sinn dieses sachlich unsinnigen Vorwurfs ist offensichtlich: Eine Gegenmeinung zu Sarrazin ist ein Angriff auf die Meinungsfreiheit - und deshalb auch nicht legitim. Die Sarrazin-Anhänger taten genau das, was sie ihren Gegnern vorwarfen.

Eine vergleichbare Dialektik wie der Tabuisierungs-Vorwurf entwickelt der in diesem Zusammenhang auch gerne erhobene Moralismus-Vorwurf: Derjenige, der anderen Moralismus vorwirft, unterstellt, dass dessen - ins politische Schlachtfeld geführte - moralische Position selber moralisch fragwürdig ist - eine Unterstellung, die selbst notwendigerweise ein moralisches Urteil ist.

Die Ausstellung „Tabu?!“ ist vom 28. September an im Landesmuseum Hannover zu sehen.

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