Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Das Medienbeben - Die Katastrophe von Haiti, das Fernsehen und die Opfer
Nachrichten Kultur Das Medienbeben - Die Katastrophe von Haiti, das Fernsehen und die Opfer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:47 20.01.2010
Von Imre Grimm
Erst verschüttet, dann überschüttet mit medialer Aufmerksamkeit: Erdbebenopfer in Haiti. Quelle: AFP

Der Mann schlendert durch die Straßen von Port-au-Prince, um ihn herum verzweifelte Menschen, verwüstete Häuser, Tote, Verletzte. Der Mann blickt direkt in die Kamera. Er wirkt, als habe man ihn nachträglich digital in die Szene montiert. „Das hier war ein Wohngebiet“, sagt CNN-Reporter Gary Tuchman. „Und dort drüben sehen wir leblose Körper.“ Unwirklich wirkt Tuchman, als gebe es keine Verbindung zwischen ihm und dem Geschehen ringsherum, als stehe er in Wirklichkeit vor einer grünen Leinwand in einem Studio in Atlanta und sei unsichtbar für die Haitianer um ihn herum. Unser Mann vor Ort. Nicht deren Mann.

Tuchmans Reportage, die auch im ARD-„Brennpunkt“ zu sehen war, steht symbolhaft für zwei Welten, die bei dieser Katastrophe aufeinanderprallen: ein traumatisiertes Land auf der einen und die geballte Betroffenheitsroutine der internationalen Medien-Armada auf der anderen Seite. Mit einem kräftigen Brummen ist auch in Deutschland die bekannte Bestürzungsmaschinerie angelaufen. Sie konzentriert sich von Anfang an auf die Emotionalisierung, die Dramatisierung dieses ohnehin schon unfassbaren Dramas: Zu sehen sind Väter, die weinend ihre Töchter suchen, staubige Arme, die aus Schuttbergen ragen, immer und immer wieder. „Die grausamen Fotos der Katastrophe“, schreibt der Onlinedienst „Bild.de“ über eine Fotogalerie. Nach dem Bild eines nackten Mannes, den ein Lynchmob durch die Straßen zieht, poppt Werbung auf: „Wir schicken Deutschland in den Urlaub! 35 Prozent für Frühbucher.“

Ein merkwürdiger, fast zynischer Wettlauf ist im Gang: Wer ist am schnellsten? Wessen TV-Gala generiert die meisten Spenden? Wer schafft es am geschicktesten, sein Publikum mit geigenuntermalten Zeitlupen zu Tränen zu rühren? Aber: Ist uns Haiti wirklich näher, wenn uns – wie am Dienstagabend im ZDFThomas Gottschalk, Steffen Seibert, Gaby Dohm, Andrea Berg, Silbermond, Marius Müller-Westernhagen, Sarah Connor, Felix Magath, Britta Steffen, Uschi Glas und Jenny Elvers-Elbertzhagen ihrer Bestürzung versichern?

Das Problem: Reflexhafte Betroffenheit kann profunde Information nicht ersetzen. Wer anders denkt, unterschätzt das Publikum. Man muss – bei aller guten Absicht – die Spendenbereitschaft nicht mit Schlagersängern befeuern, wenn man die Katastrophe zuvor umfassend erklärt hat. „Mein Problem ist, dass gerade die Berichterstattung bei mir die Empathie zuverlässig abtötet“, schreibt ein Leser im „Tagesschau“-Blog. „Wenn die halbe Nachrichtensendung voll ist und danach noch eine Sondersendung folgt, wenn jeder Sender seinen eigenen Spendenaufruf präsentiert, wenn überall dieselben Bilder ausgewalzt werden, dann dauert es nicht lange, und für mich als Zuschauer ist das nur noch ein buntes Rauschen.“

In einem seltenen Moment der Aufrichtigkeit verriet CNN-Mann Cooper, um welche Botschaft es wirklich geht bei dem medialen Dauerfeuer aus dem Krisengebiet: um die Selbstversicherung des Publikums nämlich, auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen: „Wo immer Sie gerade sind“, sagte Cooper, „nehmen Sie einen geliebten Menschen in den Arm und danken Sie Gott, dass Sie heute Abend nicht in Port-au-Prince sind.“ – „Wir schlürfen die Katastrophen wie die Cocktails“, hat Norbert Blüm vor Jahren mal gesagt, „und richten uns, sozial gesichert, im Untergang ein. Das neue Gesellschaftsspiel heißt: Titanic im Trockendock.”

Die Medien spüren ihre Hilflosigkeit. Sie ahnen, dass sie dieser Katastrophe nicht gerecht werden können. Haiti – das ist vor allem eines: ein großes Rätsel. Bill Hemmer, Reporter des wenig zimperlichen US-Senders „Fox News“, sagt offen: „Dies ist die am schwersten zugänglichste Story, über die ich je berichtet habe.“ Und die „New York Times“ schreibt: „Aller Schlagzeilen und stundenlangen TV-Sondersendungen zum Trotz: Reporter und Moderatoren scheitern daran, das Ausmaß der Zerstörung zu vermitteln.“

Der Kunde freilich soll dies bitte nicht bemerken. Und so tun die Fernsehmacher, was sie in solchen Fällen gerne tun – sie erhöhen die Dosis. Das Erdbeben von Haiti - es ist auch ein Medienbeben. Die Tektonik, die Struktur der Medienlandschaft, ist erschüttert worden. Etwas hat sich verändert. Eine neue Erbarmungslosigkeit prägt das globale Nachrichtengeschäft. Plötzlich sind die Bilder deutlich brutaler, die Galas süßlicher, die Moderatoren „betroffener“, die Fernsehkameras aufdringlicher als etwa nach dem Tsunami 2004 oder dem Hurrikan Katrina 2005. Plötzlich scheint es, als genügten die Fakten nicht mehr, als müsse man sich ein Rennen liefern um das schockierendste Bildmotiv und das rührendste Einzelschicksal.

So wird eine Krise zum Fernsehereignis, eine Katastrophe zum Event. Woran liegt das? Im Zeitalter von Youtube, Twitter, Handyvideos & Co. ist das Publikum schwerer erregbar als früher. Es hat sich an den schnellen Kick gewöhnt, es hat Katastrophenerfahrung. Die etablierten Medien reagieren auf diese neue Abgebrühtheit mit kalter Professionalität, mit Tempo statt Tiefe: Sie katastrophisieren den Nachrichtenalltag, sie suchen – auch in Haiti – Szenen, die sich dem schnell gelangweilten Konsumenten einbrennen sollen, und überschreiten dabei oft die unsichtbare Demarkationslinie zum Voyeurismus. Manche der Fotos, die die Nachrichtenagenturen täglich zu Hunderten aus Haiti in die Redaktionen senden, überschreiten die Grenze des ethisch Vertretbaren. Muss man einem Menschen seine Würde nehmen, indem man das Foto seines nackten, von Fliegen übersäten Leichnams um den Globus jagt? Sagt das Bild eines Leichenberges wirklich etwas aus über das Drama in Haiti?

Gestandene Fotoredakteure geraten an ihre Grenzen. Von einem „Wettbewerb des Schreckens“ spricht der Berliner Bildredakteur und frühere AP-Fotograf Hans Richard Edinger: „Es drängt sich immer mehr die Frage auf, was empfindet wohl einer der Kollegen, wenn er sein Objektiv auf ein dreck- und blutverkrustetes, dick geschwollenes Antlitz eines halbnackten Menschen (hin-)richtet?“ „Tagesschau“-Chef Kai Gniffke gibt offen zu, dass auch ihm auf der Jagd nach „guten“ Bildern und schnellen Informationen die „Fähigkeit zur Empathie“ gelegentlich verlorengehe.

Wird das Fernsehen, wenn sich der Staub gelegt hat und die Toten begraben sind, das nachliefern, was jetzt fehlt: Analyse, Hintergrund, Erklärung, Tiefe? So traurig es ist – die Wahrscheinlichkeit ist gering. Das Schlaglicht der Weltöffentlichkeit wird weiterwandern. Die Scheinwerferkegel werden sich auf ein neues Erdbeben, eine neue Hungersnot, einen neuen Krieg richten. Gottschalk wird neue Galas moderieren. Dann wird Haiti allein sein mit all seinen Trümmern und Toten.

„Wir sind nur eine dramatische Story im Fernsehen“, sagt verbittert die haitianische Autorin Edwidge Danticat. „Wenn die Kameras verschwinden, wird man uns vergessen.“ Noch zynischer ist die US-Journalistin Amy Wilentz: „Wir interessieren uns nur für Haitianer“, sagt sie, „wenn sie sterben“.

In Taiwan ist ein Mann an einer Hirnblutung gestorben, nachdem er sich das 3-D-Spektakel „Avatar“ im Kino angesehen hatte. In Internetforen hatten bereits andere Zuschauer über Kopfschmerzen und Sehstörungen nach dem Kinobesuch geklagt.

19.01.2010
Kultur Buchvorstellung - Tief im Westen

Als islamistische Terroristen am 11. September 2001 Flugzeuge ins World Trade Center von New York und ins Washingtoner Pentagon steuerten, galt ihr Angriff nicht allein den USA, sondern „dem Westen“. Der Historiker Heinrich August Winkler schreibt eine Geschichte der westlichen Wertegemeinschaft.

Kristian Teetz 18.01.2010
Kultur Golden-Globe-Verleihung - Die Testsieger

Von Sonntag auf Montag wurden in Beverly Hills die Golden Globes verliehen. James Camerons Science-Fiction-film „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ gewann die Auszeichnung für den "Besten Film". Auch Haneke und Waltz triumphierten in Hollywood.

Stefan Stosch 18.01.2010