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12:00 15.01.2013
Von Stefan Arndt
Mann macht Musik: Ulrich Tukur. Quelle: Tobias Kleinschmidt
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Hannover

„Das können wir gar nicht mehr.“ Ulrich Tukur greift sich an den Kopf, als bei den Zugaben im Theater am Aegi der Ruf nach „Steinhude!“ im Publikum immer lauter wird. „Am Steinhuder Meer“ heißt ein Stück, das der singende und klavierspielende Schauspieler einst selbst getextet und komponiert hatte. In seinen Konzerten war es länger nicht zu hören.

Man mag kaum glauben, dass dieser Tausendsassa irgendetwas nicht kann. Wenn er sich einen kleinen Texthänger beim Gedichterezitieren leistet, oder der Gitarrist seiner Rhythmus Boys ein etwas zu krummes Solo spielt, wird das schließlich extra noch betont. Tukur und seine Band sind so souverän, dass sie sogar Fehler zelebrieren, statt sie zu verstecken. Aber für das „Steinhuder Meer“ reicht es wohl wirklich nicht. Stattdessen gibt es eine verrückte Version von „Old MacDonald had a Farm“ mit grunzenden Schweinen, galoppierenden Zwergponys und spuckenden Lamas. „Ist auch viel lustiger“, sagt Tukur. Stimmt. Und zumindest ein paar Takte des Steinhude-Calypso bringt er dann doch noch zusammen.

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Vorstellungen waren ausverkauft

Dass Tukur mit seinen nostalgischen Schlagerprogrammen seit Jahren regelmäßiger Gast in Hannover ist, hat dem Interesse der Hannoveraner keinen Abbruch getan. Im Gegenteil: Im Theater am Aegi hat diesmal ein Konzert nicht genügt, um alle Kartenwünsche zu erfüllen. So gab es vor dem Abendkonzert einen zusätzlichen Auftritt am Nachmittag. Ausverkauft waren beide Vorstellungen, obwohl viel von dem, was geboten wurde, schon öfter in Hannover zu erleben war. Doch selbst die Nonsens-Einlagen der „dänischen Kraftakrobaten“, bei denen sich die Rhythmus Boys mit ihren gewaltigen Größenunterschieden endgültig als Witzfiguren etablieren, sind immer wieder neu lustig.

Auf ein strukturiertes Programm mit klarem dramaturgischem Bogen hat Tukur diesmal verzichtet. Das Prinzip des Konzertes ist eher die Improvisation, die der Schauspieler schließlich auch besser beherrscht als die meisten Musiker. So gibt es eine wilde Mischung aus Comedy und Shakespeare-Oden. Vor allem aber geht es um die Schlager der zwanziger und dreißiger Jahre. Tukur ist nicht nur ein wunderbarer Interpret dieser speziellen Tanzmusik, er ist auch ein wandelndes Lexikon. Wer hätte schon gewusst, dass die „Caprifischer“ schon 1943 aufgenommen, aber erst nach Kriegsende veröffentlicht wurden, weil Italien sich von Deutschland abgewandt hatte und deshalb als Sehnsuchtsland vorübergehend nicht mehr tragbar war? Und auch um die große Definition ist Tukur nicht verlegen: Tanzmusik ist, wenn Frauen tief und Männer hoch singen.

Eine relativ neue Farbe im Programm sind die englischen und italienischen Stücke, die die Band mit dem gleichen Schwung, Witz und Geschmack behandelt wie ihr Kernrepertoire. Ein Herzstück davon ist die maritime Schmonzette „La Paloma“, die stets das Programm beschließt. Wenn die Gitarre leise Möwenrufe in die Luft schickt, das Akkordeon lange Fernwehnoten spielt, und der eloquente Vielredner Ulrich Tukur einmal schweigt, ist endgültig klar, dass hier die leichte Muse zu ganz großer Kunst wird.

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