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Kultur Künstler der Region öffnen ihre Räume
Nachrichten Kultur Künstler der Region öffnen ihre Räume
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02:17 28.05.2018
Auch János Nádasdy öffnet sein Atelier. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

In János Nádasdys Atelier wird Zeit greifbar. Im Erdgeschoss eines Altbaus in der Lister Schubertstraße überlagern sich Werkstatt und Wohnung, retrospektive Galerie und autobiografische Chronik. Der Künstler öffnet die Räume zum Atelierspaziergang der Region Hannover am kommenden Sonntag für Besucher. An deren Wänden hängen Zeugnisse aus den vergangenen 45 Jahren, über die Nádasdy bereitwillig erzählt. Der Blick fällt zunächst auf einen Siebdruck aus dem Jahr 1974. „Da habe ich zum ersten Mal das Motiv der Kriegsbunker in der Bretagne umgesetzt“, sagt der Künstler. Die Betonstädte haben sich ihm als Metapher für Isloation bis heute eingeprägt. Er ergänzt nachdenklich: „Ich dachte damals, je genauer ich arbeite, desto glaubwürdiger sei ich.“

Im angrenzenden Arbeitsraum liegt ein aktuelles Experiment auf einem der Tische. Ein Schaufelblatt hat darauf mit großer Wucht schwarze Abdrücke hinterlassen. Nádasdy ist seit Jahrzehnten fasziniert von den Möglichkeiten des künstlerischen Drucks. Zurzeit beschäftigt er sich mit in Rahmen geschichteten, farbig bemalten Glasscherben. Die Dreidimensionalität hält viele mögliche Bilder bereit. Fertig seien die Objekte allerdings noch nicht. „Ich warte darauf, dass meine Kunst etwas von mir will“, sagt Nádasdy. Auch bei einer Versuchsreihe mit gezielt beschädigten LED-Displays erzeugt er neue visuelle Strukturen aus einer Zersplitterung. Die bewegten Live-Bilder des Fernsehprogramms werden dahinter zur Videoinstallation.

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Nádasdys kleine Retrospektive in der Wohnung erzählt auch von eigenen technischen Entwicklungen rund um die Druckgrafik. 1997 erdachte er eine Siebdruck-Methode, mit der er in einem vereinfachten Verfahren Unikate herstellte. „Ich habe aber auch den normalen Siebdruck nie als Methode zur Vervielfältigung begriffen“, sagt Nádasdy. Vielmehr sei er für ihn immer eher eine Maltechnik gewesen. Die Auswahl seiner Arbeiten an der langen Wand des Flurs hat er bewusst arrangiert: „So können Besucher leichter Bezüge zu meiner heutigen Arbeit herstellen.“ Er erzähle gern von den Hintergründen. „Das sind ja meine Auseinandersetzungen mit der jeweiligen Zeit der Entstehung“, sagt er.

Bestimmte im Alltag erlebte Motive haben Nádasdy geprägt. So hat er zum 50. Jahrestag des Ungarischen Volksaufstands eine Reihe von Siebdrucken erstellt. Als Siebzehnjähriger war er 1956 in Budapest mit auf der Straße, danach musste er das Land verlassen, floh erst nach Montevideo in Uruguay und später nach Hannover. An allen drei Orten studierte er Kunst – mit jeweils ganz anderen Perspektiven. In Hannover entwickelte er eine frühe Faszination für Kurt Schwitters. Nádasdys Wertschätzung für andere Künstler ist groß. Die Wände seiner Räume zeigen nicht nur die Bilder hannoverscher Kollegen, sondern auch historische Drucke, Radierungen, Linolschnitte, Kupferstiche.

Nádasdys Atelier ist auch ein kleines Museum. Er ist Künstler, Historiker und Vermittler zugleich. Damit entspricht er wohl genau der Idee, die hinter dem Atelierspaziergang steht. „Uns geht es um einen Austausch zwischen Künstlern und Besuchern“, sagt Christine Engelmann von der Region Hannover. Die Chance, in Ruhe Orte kennenzulernen, an denen Kunst entsteht, sei wesentlich für das Konzept. Jeweils 18 Künstler aus Stadt und Region öffnen ihre Ateliers an den beiden kommenden Sonntagen. Begleitend findet eine Gruppenausstellung aller 36 teilnehmenden Künstler in Schloss Landestrost in Neustadt zum Thema „Erinnerung: Kamera im Kopf“ statt.

Die Künstlerin Silke Rokitta trägt dazu Bildpaare bei: Sie hat Fotografien aus dem Archiv ihres Großvaters assoziativ mit eigenen kombiniert uns spielt mit formalen und kontextuellen Assoziationen. In ihrem Atelier in der Seestraße in der Südstadt zeigt sie hingegen aktuelle Experimente mit Düngesalzen und daraus gezüchteten Kristallen. Die lässt sie unter anderem auf Büttenpapier wachsen – als prozesshafte Reliefs. Um Kontrolle und deren gezielten Verlust geht es auch in den bis zu zwei Meter hohen filigranen Tuschezeichnungen, die Anne Nissen in ihrem Atelier in der Charlottenstraße in Linden-Süd präsentiert. Zur Gruppenausstellung trägt Nissen eine Videoarbeit bei, in der sie mit schemenhaften Abstraktionen arbeitet, mit Bildrhythmen und der subjektiven Konstruktion von Erinnerungsmotiven. Bei ihr ist Zeit eine unzuverlässige Kategorie, die sich kaum fassen lässt.

Der Atelierspaziergang der Region Hannover findet statt am Sonntag, 27. Mai, und am Sonntag, 3. Juni, jeweils von 11 bis 18 Uhr. An beiden Tagen sind jeweils andere Ateliers geöffnet. Eine Übersicht bietet ein umfangreiches Programmheft, das auf www.hannover.de auch digital erhältlich ist. János Nádasdy öffnet seines in der Schubertstraße 5 am 27. Mai, Anne Nissen ihres in der Charlottenstraße 42 und Silke Rokitta ihres in der Seestraße 15 am 3. Juni. Die Gruppenausstellung „Erinnerung: Kamera im Kopf“ aller teilnehmenden Künstler im Schloss Landestrost in Neustadt a. Rgbe. ist bis zum 8. Juli mittwochs bis freitags von 15 bis 18 Uhr und an Wochenenden von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

Von Thomas Kaestle