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Kultur „Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“ von Junot Díaz
Nachrichten Kultur „Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“ von Junot Díaz
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21:11 14.04.2009
Von Martina Sulner
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Schon bevor es losgeht, ahnt der Leser, wie diese Geschichte ausgehen wird: „Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“ heißt der gar nicht so kurze wunderbare Roman von Junot Díaz. Der Titel stimmt eher pessimistisch.

Der Held sei keiner dieser coolen Typen aus der Karibik, von denen immer alle redeten, heißt es. Fürwahr. Oscar ist, nun ja, fett, picklig, unbeholfen. Er ist ein Verlierertyp, der sich allerdings bestens auskennt mit Fantasy- und Science-Fiction-Literatur. Er hofft, die Welt einmal vor Außerirdischen zu retten oder zumindest der dominikanische Stephen King zu werden. Aus beidem wird nichts. Oscar verliebt sich derweil in immer neue Frauen, die ihn immer aufs Neue enttäuschen. Bis er in der Dominikanischen Republik, der Heimat seiner Familie, doch noch die Richtige trifft. Pech, dass diese Frau außerdem noch mit einem Killer liiert ist.

In seinem Debütroman, für den er den Pulitzer-Preis bekommen hat, erzählt Junot Díaz von einem traurigen Helden. Doch der Roman ist weit mehr als das gut geschriebene Porträt eines Verlierertypen. Díaz bettet Oscars Werdegang ein in die Geschichte von dessen Familie. Die Mutter Beli ist Anfang der sechziger Jahre aus der Dominikanischen Republik nach New Jersey geflüchtet, wo Oscar und seine Schwester Lola geboren werden. Ihre Großeltern wurden in den Jahren des Trujillo-Regimes ermordet. Diktator Trujillo und sein Clan regierten das Land von 1930 bis 1963. Die Wunden, die Terror und Unterdrückung, Bürgerkrieg und Korruption geschlagen haben, sind bis in die Gegenwart spürbar, wenn Oscar von den USA in das Land seiner Eltern reist.

Díaz ist 1968 in der Dominikanischen Republik geboren und als Sechsjähriger in die USA gekommen. Heute – nach einem vor elf Jahren veröffentlichten Erzählband und seinem ersten Roman – gilt er als anerkannter Autor und unterrichtet Kreatives Schreiben an der Universität in Boston. Díaz ist der Aufstieg geglückt; sein Protagonist Oscar bildet dazu den Gegenentwurf: Er bleibt zerrissen zwischen der amerikanischen und der karibischen Welt; weder entspricht er dem Ideal des smarten, sportlichen US-Boys noch der Vorstellung vom draufgängerischen, sexy Latino.
Um solche Klischees, darum, wie vor allem Frauen von Latinos nur nach äußerlichen Vorzügen beurteilt werden, geht es viel in dem Buch. Doch bei allem Sex-Geprotze und all den Affären: Díaz erzählt in seinem überdrehten, wilden Roman vor allem tragische Liebesgeschichten. Zwei Männer haben Oscars Mutter das Herz gebrochen, und auch Lola, Oscars schöne, intelligente Schwester, hat kein Glück mit den Kerlen. Immerhin hat sie einen von ihnen dazu gekriegt, Oscars Geschichte aufzuschreiben: Das ist Yunior, ebenfalls ein Latino aus New Jersey.

Díaz erzählt das alles mit vielen Rückblicken, mit Zitaten aus Fantasy- und Science-Fiction-Büchern und Verweisen auf die Popkultur der vergangenen Jahrzehnte – und, vor allem, in einer Sprache, die durchsetzt ist von spanischen Ausdrücken. Díaz gehört zu jenen zweisprachigen Autoren, die eine eigene Ausdrucksform gefunden haben für die immer größer werdende Gruppe der Migranten, die sich – unterschiedlich elegant – zwischen verschiedenen Sprachen bewegen. Übersetzerin Eva Kemper hat es geschafft, dieses „Spenglish“ in ein mitreißendes Deutsch, versetzt mit vielen spanischen Redewendungen, zu bringen. Zudem gibt es einen zehnseitigen Anhang mit einem spanisch-deutschen Glossar für die (oft ziemlich vulgären) Redewendungen und Ausdrücke.

Man braucht ein paar Kapitel, bis man sich in diesen Slang eingelesen hat und ein paar Worte, die immer wieder auftauchen, beherrscht. Zentraler Ausdruck ist „fukú“, was Fluch bedeutet. Immer, wenn bei Oscar und seiner Familie etwas schiefläuft (also: fast immer), soll „fukú“ schuld sein. Wie überhaupt die gesamte Dominikanische Republik unter diesem Fluch zu leiden scheint. Díaz schildert keine fröhliche Karibik, sondern traurige Tropen. Das Land ist ein armer Hinterhof der USA, für den sich die weißen Amerikaner höchstens interessieren, wenn es um preiswerten Strandurlaub geht.

Junot Díaz: „Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“. Aus dem Amerikanischen von Eva Kemper. S. Fischer. 382 Seiten, 19,95 Euro.