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18:52 13.11.2014
„Einsamer Großstädter“ des Bauhaus-Künstlers Herbert Bayer (1929)
Abschied der Fotografie von der äußeren Abbildung: „Einsamer Großstädter“ des Bauhaus-Künstlers Herbert Bayer (1929) Quelle: Christian P Schmieder
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Hannover

Es mutet wie die futuristische Spitze eines Wolkenkratzers an. Doch es ist die Spitze eines Schachtelhalms, penibel abgelichtet von Karl Blossfeldt. Der war in den zwanziger Jahren ein Künstler der Neuen Sachlichkeit. Und die huldigte nach den Worten des Fotografen Albert Renger-Patzsch ganz der „glänzenden Materialwiedergabe“ der Fotografie, also dem bloßen Abbilden.

Ein Schachtelhalm ist ein Schachtelhalm ist ein Schachtelhalm? Die Faszination der neuen Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg liegt vor allem in ihrer Konfrontation der Neuen Sachlichkeit mit dem Surrealismus - und in ihrer internationalen Ausrichtung: „Real Surreal - Meisterwerke der Avantgarde-Fotografie“ widmet sich außer dem sogenannten Neuen Sehen in Deutschland auch dem Surrealismus in Paris und der Avantgarde in Prag. Künstler wie Man Ray und Brassai, August Sander und László Moholy-Nagy, Frantisek Drtikol und Otto Maximilian Umbehr - um dessen Nachlass sich das Sprengel Museum bemüht - sind nur einige der großen Namen, deren Werke in dieser Ausstellung gezeigt werden.

Insgesamt sind mehr als 200 Fotografien aus den Jahren 1920 bis 1950 zu sehen, ein Bilderrausch in Schwarz-Weiß, für den die Kabinetträume im Obergeschoss mit versetzten Wänden in Grau und Altrosa zu einem kleinen Slalomparcours gestaltet worden sind. Mit diesen Dimensionen und der Kombination von vermeintlich harmlosem Dokumentarismus und doppelbödigem Surrealismus bietet diese Ausstellung wirklich Neues.

Dabei rekonstruiert sie in Teilen nur einen künstlerischen Brückenschlag, den es vor acht Jahrzehnten bereits zwischen Tschechen, Deutschen und Franzosen gegeben hat: Blossfeldts neusachliches Schachtelhalm-Foto prangt 1929 ausgerechnet in der Surrealisten-Zeitschrift „Document“, zur Illustration eines Aufsatzes von Georges Bataille über die „Sprache der Pflanzen“ - und zu einer eher exzessiven Deutung: Den Surrealisten ging es schließlich nie um bloße Oberfläche. Vielmehr wussten Vordenker wie Bataille dahinter allerlei Untiefen, unterschwellige und unbewusste Einflüsse auf des Menschen Seele zu orten - bis hin zur demnach vielleicht sogar beredten Wirkung eines schlichten Schachtelhalms.

Doch auch ohne derartige, oft freudianisch inspirierte Gedanken verbreitete sich damals der Zweifel daran, dass der Fotograf Vorgefundenes einfach nur abbildet. Schon Florence Henris angeschnittener Frauenschädel aus extremer Untersicht („Porträtkomposition“, 1931) zeugt vom Wissen darum, dass bereits die Wahl des Bildausschnittes eine Inszenierung ist. Und Künstler wie der Wahlfranzose Man Ray, der aus Ungarn stammende Pariser Brassai oder der später vor den Nazis in die USA geflohene Bauhaus-Lehrer Herbert Bayer lassen mit ihren Fotomontagen, Negativabzügen, Doppelbelichtungen oder Collagen jeden Anspruch auf äußere Abbildlichkeit links liegen - und bringen dafür innere Seelenlagen zum Ausdruck: Man Ray hält in „Électricité“ (1931) dem Betrachter die elektrisierende Wirkung der beiden Frauentorsi in sieben Schwingungslinien vor Augen. Herbert Bayer spiegelt in der Collage „Einsamer Großstädter“ (1929) die leeren Blicke und Hände des Vereinsamten wider.

Solche Werke bilden den Gegenpol zum Neutralitätsanspruch, mit dem die neusachlichen Künstler auftreten. Dazwischen liegen in dieser Ausstellung nicht selten die Fotografien von Künstlern aus Prag. Deren Subjektivität drückt sich in ihren Bildern eher durch die Wahl von Ausschnitt und Blickwinkel aus. Etwa in der extremen Obersicht, mit der Josef Dudek 1926 den Prager Veitsdom zeigt. Oder in den Diagonalen nasser Kopfsteinpflastermuster, die Jan Lauschmanns „Straßenpflaster“ (1931) durchziehen.

Dass diese Ausstellung mit Aufnahmen aus dem 19. Jahrhundert eingeleitet wird, liegt an ihrem Leihgeber: Dietmar Siegert, der als Filmproduzent so illustre Kinoepen wie Luchino Viscontis „Ludwig II.“ begleitet hat, sieht den Schwerpunkt seiner Fotografiesammlung eher im 19. Jahrhundert - auch wenn diese opulente Ausstellung nur einen winzigen Teil seines Repertoires aus dem 20. Jahrhundert ausmacht. Auf Siegerts Zusammenarbeit mit dem Kurator Björn Egging ist auch zurückzuführen, dass der Slalom nicht nur an Fotos, sondern auch an Zitaten der Fotografen vorbeiführt - lauter Kommentaren rund um die Abbilddebatte in der Fotografie. Am aufrichtigsten klingen dabei die Worte von Man Ray: „Ich fotografiere nicht die Natur, ich fotografiere meine Fantasie.“

Wer noch Zweifel an der Aktualität dieser radikalen Subjektivität hat, bekommt am Ende dieser Ausstellung noch Werke von Andreas Gursky, Jeff Wall oder Cindy Sherman aus der Sammlung des Kunstmuseums Wolfsburg zu sehen. Von zeitgenössische Fotografen also, die diesen radikalen Blickwinkel teilen.

„Real Surreal“, 15. November 2014 bis 6. April 2015 im Kunstmuseum Wolfsburg.

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