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21:02 23.03.2014
Von Johanna Di Blasi
Wilde Jungs: David Bowie und William Burroughs.
Wilde Jungs: David Bowie und William Burroughs. Quelle: Archiv
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Berlin

In den siebziger Jahren inszenierte sich David Bowie als bleiches Großstadtgewächs und Borderlinefigur zwischen Popglamour und Heroinabsturz. Im legendären Songtitel „Heroes“, den er 1977 in den Berliner Hansa-Studios einspielte, schwingt die Kultdroge der siebziger Jahre phonetisch mit. Bowie konnte sich erfolgreich ausnüchtern, die Bowie-Droge aber wirkt weiter.

Als Anfang des Jahres der Kartenvorverkauf für die im Mai in Berlin eröffnende David-Bowie-Schau begann, brachen unter dem Andrang der Fans erst einmal für einige Stunden die Server zusammen. Einige „time slots“, also Zeitfenster, seien inzwischen ausverkauft, sagen die Veranstalter. Fans können aber beruhigt sein: Es gibt noch ausreichend Karten.

Gestartet ist die als Wanderausstellung angelegte Erfolgsschau im Vorjahr in London. Zeitgleich zur Veröffentlichung von Bowies Album „The Next Day“ hatte das Londoner Victoria and Albert Museum (V&A) die große Bowie-Hommage eröffnet: mit futuristischen Bühnenkostümen und anderen Raritäten aus dem erstmals geöffneten Bowie-Archiv. Mit knapp über 300 000 Besuchern wurde es eine der erfolgreichsten Veranstaltungen des renommierten Design- und Modemuseums. Im Berliner Martin-Gropius-Bau wird die Blockbuster-Schau jetzt um einen ausführlichen Berlin-Teil ergänzt.

Schon als mittelmäßig bekannter Protagonist des Popzirkus’ scheint Bowie die spätere Musealisierung im Blick gehabt zu haben. Jedenfalls sammelte er akribisch nicht nur Bühnenutensilien, sondern auch allerlei Erinnerungsstücke und Papierschnipsel. Für die Ausstellung wurden aus etwa 75 000 Objekten rund 300 Stücke ausgewählt: von der Akustikgitarre aus der Space-Oddity-Ära Ende der sechziger Jahre über einen eisblauen Anzug aus den beginnenden siebziger Jahren bis hin zu Bowies originalem Kokainlöffel.

In den Siebzigern hieß Bowies Alter Ego Ziggy Stardust, tönte mit Roboterstimme aus dem Weltall und sah aus wie von einem galaktischen Blitz gestreift. Für die „Aladdin Sane“-Tour ließ sich das Mannequin Bowie 1973 vom damals noch unbekannten japanischen Modedesigner Kansai Yamamoto ein gestreiftes Pluderhosenoutfit maßschneidern.

In der Berliner Ausstellung werden wie zuvor in London Kostüme und Erinnerungsstücke multimedial inszeniert, um keine Langeweile aufkommen zu lassen. Der Berlin-Schwerpunkt – Bowie lebte von 1976 bis 1978 in der Grenzstadt und nahm in dieser Zeit drei seiner experimentellsten Alben auf („Berlin-Trilogy“) – werde derzeit noch erarbeitet, heißt es.

In den Hansa Studios, nur wenige Schritte vom Gropius-Bau entfernt in der Köthener Straße 38, schrieb Bowie Musikgeschichte, aber nicht nur er, sondern auch U2, Depeche Mode, Nick Cave oder Nina Hagen. Wand an Wand spielten Schlagerstars wie Marianne Rosenberg oder Roland Kaiser ihre Lieder ein. In den vierziger Jahren hatten SS-Offiziere in dem klassizistischen Palais getanzt, in den siebziger Jahren versprühte es einen ruinösen Charme. Vom Plafond des „Meistersaals“ bröckelte Putz, wenn Punkbands oder Krautrocker die Bässe zu stark aufdrehten. Manchmal richteten die Toningenieure die Lautsprecher auch in Richtung Osten und foppten die Grenzposten mit lautem Hundegebell.

Die eisige Systemkonfrontation des Kalten Krieges schien an dem Ort mit Händen zu greifen. Insbesondere Musiker aus dem Ausland waren fasziniert von der Nähe des Todesstreifens und der DDR-Wachtürme. Auch Bowies depressiver Sound aus dieser Zeit ist mit Kalter-Kriegs-Romantik getränkt. Ironischerweise blickt man heute wieder auf eine Mauer: eine hässliche Brandschutzwand.

Inzwischen erleben die Studios in dem einigermaßen stilgerecht renovierten Gebäude eine überraschende Renaissance. Die Pet Shop Boys und Cat Stevens alias Yusuf seien unlängst dort gewesen, zuletzt hätte Elaiza, die deutsche Vertretung beim Eurovision Song Contest, „Is It Right“ eingespielt, sagt Thilo Schmied von „Berlin MusicTours“. Der Mann mit Spitzbart und Lederjacke organisiert wöchentlich Fantouren durch die Studios und einschlägige Klubs und Gay-Bars, in denen Bowie und sein Mitbewohner Iggy Pop einst verkehrten. Während der Ausstellungsdauer wird Schmied das Tourprogramm erweitern – als Rahmenprogramm für die bevorstehende Schau im Gropius-Bau.

Das V&A musste sich die Kritik gefallen lassen, mit seichter Blockbuster-Dramaturgie auf Besucherzahlenmaximierung abzuzielen. Martin Roth, der Direktor des Londoner Museums, hielt dagegen, dass Bowie „stilbildend“ für eine ganze Generation gewesen sei. Er habe eine besondere „Vision von Individualismus“ kreiert.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere inszenierte sich David Bowie als „Thin White Duke“. Als androgynes „Pop-Chamäleon“ wechselte er lange vor Madonna und Lady Gaga die Identitäten wie andere Leute die Socken. Schade eigentlich, dass aus dem kantigen Avantgardegeist und schrägen Boten der Postmoderne bald schon ein glatter Mainstreammusiker wurde.

David Bowie

20. Mai bis 10. August

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7

täglich 10 bis 20 Uhr

Tickets ab 14 Euro

wwww.davidbowie-berlin.de

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