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Kultur Reden über eine Rede
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08:40 19.06.2014
Kämpferisch: Johan Holmberg. Quelle: Helge Krueckeberg
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Hannover

Geht das, eine politische Rede zu dramatisieren? Wenn man William Shakespeare heißt, unbedingt. Man denke an die Rede des Marc Anton in „Julius Cäsar“. Jedes Wort von „Friends, Romans, Citizens“ ist bedeutungsvoll und schmiedet das Schwert, durch das die Verschwörer fallen.

Hier aber geht es um eine Rede des britischen Premierministers David Cameron. In ihr brachte er 2013 seine EU-kritischen Überzeugungen zum Ausdruck, versprach im Falle seiner Wiederwahl 2015 Nachbesserungen bei den europäischen Verträgen und für 2017 ein Referendum, in dem sich die Briten für Austritt aus oder Verbleib in der EU entscheiden könnten. Die Rede gefiel nicht jedem. Vor allem mitos21 nicht, einem Zusammenschluss europäischer Intendanten. Die Theatermacher reagierten darauf mit einer Reihe von jeweils knapp zehn Minuten langen Bühnenmonologen. Premiere hatte das Projekt im vergangenen Jahr am Deutschen Theater in Berlin. Dort kamen zwölf Monologe mit zwölf Schauspielern aus zehn europäischen Ländern zur Aufführung. Bei den Kunstfestspielen Herrenhausen waren es jetzt noch acht.

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Das Programm spricht nicht von Monologen, sondern von „Minidramen“. Das aber greift zu hoch. In der Regel bleibt, was auf die Bühne kommt, eine Rede über eine Rede. Den Anfang macht Bernd Moss vom Deutschen Theater in Berlin. Eng an der Rede Camerons entlang paraphrasiert er sie. Nicht ohne Witz, wenn er dabei sichtbar macht, mit welchen Gegnern und Verbündeten, Camerons Positionen rechnen müssen.

Yorgos Glastras von der Athener Sforaris Theatre Company tritt als Hamlet mit Hang zu Ambivalenzen auf und zugleich als ein bis auf die Unterhosen ausgeplünderter Grieche. Lehel Kovács aus Budapest stellt Viktor Orbán nach, der lautstark Camerons Ziele nationaler Selbstbesinnung preist. Er will mit ihm gemeinsam eine neue EU gründen; da beschimpfen ihn als Teil der Inszenierung Stimmen aus dem Publikum, weil er EU-Gelder kassiert und gleichzeitig Menschenrechte missachtet.

Das übersteigt kaum den Charakter von politischem Kabarett. Doch dann folgt ein wunderbares Kabinettstück aus Schweden. Johan Holmberg schlüpft in einer Pantomime in die Rolle eines Behinderten. Mit dem Mikrofon kämpft er einen verzweifelten Kampf, um gehört zu werden. Und gibt damit einer Gruppe von Menschen eine Stimme, die in Camerons sich an ökonomischer Effizienz berauschender Rede nicht vorkommt.

Zum Schluss - nach einigen Reden von geringerer Durchschlagskraft - gab es noch einmal einen Höhepunkt: Thomas Hwan aus Kopenhagen betritt als Rocker die Bühne und macht deutlich, was er dort alles zum Vergnügen des Publikums anstellen würde. Wenn er dürfte. Aber die Regeln von mitos21 verbieten es leider. Ein Seitenhieb auf rigide Richtlinien der EU und auf eine Kreativitätshemmung, die auch Cameron in seiner Rede beklagt.

Am Donnerstag bei den Kunstfestspielen: „The Paper Cinema’s Odysey“, Beginn: 20 Uhr, Orangerie.

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