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Kultur Debatte um die Kunst im öffentlichen Raum keimt neu auf
Nachrichten Kultur Debatte um die Kunst im öffentlichen Raum keimt neu auf
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21:19 25.03.2010
Von Johanna Di Blasi
Bronze zeigt Zunge: „Großer verletzter Kopf“ von Rainer Kriester, seit 1989 auf dem Trammplatz – die Stadt hat unlängst den Sockel erneuert. Quelle: Martin Steiner

Als Tiger gestartet, als Bettvorleger gelandet. So ähnlich verhält es sich auch im Fall der hannoverschen Straßenkunst. Die mit großem Elan angepackte Revision der Kunst im öffentlichen Raum, die im Sommer 2008 in einer Expertengutachtenveröffentlichung gipfelte, hat kaum zu befriedigenden Ergebnissen geführt. Zwar hat die Stadt in den zurückliegenden eineinhalb Jahren hier und da ausgebessert, hat ein Kunstwerk verstellt, ein anderes entfernt und einen Sockel erneuert. Ein hoher fünfstelliger Euro-Betrag wurde für die Reinigung und Restaurierung von Kunst im öffentlichen Raum aufgewendet. Und doch sind manche Objekte nach wie vor verdreckt, graffitibesudelt, unbeschriftet.

Statt von „toll“ und „einzigartig“ zu reden – Vokabeln, wie sie Stadtmarketingspezialisten lieben –, sagten die Experten „voll“. Sie konstatierten eine Übermöblierung des Stadtraums mit Kunst und empfahlen, sieben der rund 200 Werke zu entfernen. Der kritische Ton des noch in der Zeit von Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg und des Kulturdezernenten Harald Böhlmann in Auftrag gegebenen Gutachtens sei der Verwaltung wohl „unbequem“, meint jetzt der Kulturwissenschaftler Thomas Kaestle, einer der Gutachter. „Es ist schade, dass das Thema versandet ist. Ein Diskurs findet kaum statt, anders als beim Zukunftsdialog Hannover City 2020.“

Immerhin gibt es wieder ein Lebenszeichen: Der verwaltungsinterne Arbeitskreis unter der Federführung des Kulturbüros gibt als Teil der Umsetzung der Empfehlungen der Gutachter ein erstes von sechs geplanten Faltblättern heraus. Am Montag stellt Kulturdezernentin Marlis Drevermann die Broschüre vor: einen Spaziergang zu zwölf Objekten, darunter zu den Werken der Skulpturenmeile und zur „Leineentrümpelung“ von Janos Nadasdy am Hohen Ufer.

Nicht alle in der Broschüre empfohlenen Kunstwerke wurden frisch herausgeputzt. Für vieles, was man sich wünscht, fehlt das Geld. In der heißen Kunstaufstellungsphase der siebziger und achtziger Jahre wurden die Folgekosten zu wenig bedacht – heute quält sich die Kommune. Eine offene und kritische Diskussion zur Freilichtkunst ist von der Politik und Verwaltung kaum zu erwarten. Der Anstoß muss von Kulturtreibenden kommen. Genau das versucht jetzt der hannoversche „hub:kunst.diskurs“-Verein von Thomas Kaestle in Kooperation mit der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. „Changing Spaces“ heißt das vom niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur unterstützte Projekt in der hannoverschen Eisfabrik.

Es besteht aus einem „Wettbewerb für innovative Vermittlungskonzepte für Kunst im öffentlichen Raum“ – Ausschreibungsbeginn ist am 7. April – sowie einer Ausstellung zur Frage „Welche Kunst braucht der Stadtraum?“.

Bekannte Objekte aus Hannovers Innenstadt sind in der Schau als Wandprojektionen zu sehen. Ihnen sind beispielhaft Skulpturen aus anderen deutschen Städten gegenübergestellt. Da tanzen massive Steine auf Wasserfontänen, modern-abstrakte Skulpturen gibt es in allen Varianten und Größen, eine glupschäugige Schneckenplastik zeugt von gelegentlichen Geschmacksverirrungen.

Kaestle hat 80 deutsche Städte angeschrieben, immerhin 14 haben Bilder geschickt. Am Bildmaterial, von schwarzweißen Kopiervorlagen bis zu Profifotos, kann man bereits ablesen, wie sorgsam oder sorglos Städte mit ihrer Kunst umgehen. Die Skulpturenstadt Münster, die Documenta-Stadt Kassel und München haben das Thema gut im Griff. Aus Berlin hieß es dagegen, eine einzige Person sei für sämtliche Skulpturen der Stadt verantwortlich und könne wegen Überforderung nicht mit der Bereitstellung von Bildern dienen.

Daneben kann man an Hörstationen verschiedene Meinungen zur Straßenkunst anhören: „Nicht jeder freie Fleck eignet sich für eine Skulptur“, sagt etwa Veit Görner, der Leiter der Kestnergesellschaft Hannover. „Ich kann Urbanität nicht planen, sondern nur Optionen anbieten und Lücken lassen“, so Dirk Baumunk, Architekt aus Hannover. Und die neue Malereikuratorin des Sprengel Museums, Carina Plath, meint: „Demokratisch heißt nicht, dass jeder etwas sofort versteht.“

Jörg Siewert vom niedersächsischen Kulturministerium sagte am Mittwoch bei der Eröffnung von „Changing Spaces“, die Fülle an Kunst sei „erschreckend“. Mit bilderstürmerischem Unterton sagte er: „Alles wird verkunstet“ und sprach von „Kunstbelastung“. Wir bräuchten mehr temporäre und transitorische Kunst, „Social Intrusion“ und „Soft Logics“, so der Ministeriumsmitarbeiter im Einklang mit den Skulpturengutachtern.

Doch flüchtige Kunst ist auch kein Allheilmittel, sondern mitunter nur „Möblierung von Mal zu Mal“, wie der Kunstprofessor Lothar Romain einmal feststellte. Welche Kunst der öffentliche Raum braucht – und ob er Kunst braucht, das steht heute alles neu zur Debatte.

Die Ausstellung in der Blauen Halle der Eisfabrik, Seilerstraße 15 d, ist bis Juli mittwochs 19 bis 20 Uhr (mit Führung) geöffnet, freitags und sonnabends 16 bis 20 Uhr, sonntags 14 bis 18 Uhr. Informationen im Internet.

Und ewig dreht sich das Hamsterrad: Nimmersatt? Und verrückt nach Öffentlichkeit? Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel eckt mit ihrem Buch „Brief an mein Leben. Erfahrungen mit einem Burn-out“ an.

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