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Kultur Dem „Tabu?!“-Geheimnis auf der Spur
Nachrichten Kultur Dem „Tabu?!“-Geheimnis auf der Spur
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12:59 28.09.2012
Von Simon Benne
Die Arbeitskleidung des Experten fürs Übersinnliche: Ein Schamanenkostüm aus Sibirien wird in der Ausstellung in einer Art Spiegelkabinett präsentiert. Quelle: Finn
Hannover

Es war eine merkwürdige Welt, die Kapitän James Cook auf Tahiti vorfand. Ein Häuptling, so notierte der britische Entdecker nach seiner Landung im April 1769, erteile dort Befehle, und die Bewohner gehorchten ihm strikt. Der Häuptling durfte nur in bestimmter Weise angesprochen werden. Seine Person war „tapu“. Teils durften die Einheimischen nicht in seiner Gegenwart essen, teils musste ein Häuptling gefüttert werden, da er das Essen nicht berühren durfte. Ein „Tapu“, folgerte Cook, sei eine komplizierte Angelegenheit – und es habe wohl mit Verboten zu tun.
Das Wort Tabu sollte zum polynesischen Exportschlager werden. Für uns umreißt der Begriff unangemessenes Verhalten irgendwo unterhalb des Strafrechts, aber oberhalb reiner Geschmacksfragen. Ein Tabu markiert die Grenzen von Sitte und Anstand, und für Fremde ist oft schwer zu greifen, was genau tabu ist. Tabus beruhen ja auf dem Paradox der stillschweigenden Übereinkunft.

Das Landesmuseum Hannover leuchtet in seiner 600.000 Euro teuren Landesausstellung „Tabu?!“ jetzt diverse Facetten des Themas aus. Auf 700 Quadratmetern zeigt die Schau rund 160 Exponate – es sind Highlights aus den großen ethnologischen Sammlungen Niedersachsens, zusammengetragen größtenteils im 18. und 19. Jahrhundert, als Kolonialismus und Forscherdrang einander wechselseitig befeuerten.

So begleiteten die Wissenschaftler Johann Reinhold und Georg Forster den Pionier Cook bei seinen Expeditionen. Sie brachten Schalen, Götterbildnisse und Trauergewänder mit, die heute (fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit) in Göttingen lagern. Ein aufwendiger Brustschmuck mit Federn und Haizähnen wurde wohl von hochrangigen Kriegern als Tabuzeichen getragen. Und mit Klappern aus Muschelschalen kündigte ein „Trauermann“ bei Trauerprozessionen sein Kommen an – und gemahnte die Anwesenden zu pietätvollem Verhalten. Besucher der Ausstellung lösen die Klappergeräusche aus, wenn sie Lichtschranken durchschreiten. Schnell lernen sie, sich von diesen unsichtbaren Grenzen fernzuhalten, um keinen Lärm zu machen. Clever inszeniert: So funktionieren Tabus.

Im Polynesischen umschrieb das Wort Tapu ein ganzes Netz von Vorschriften, die der hierarchischen Gesellschaft ein Ordnungsprinzip gaben. Heiligkeit, Unberührbarkeit, Gefahr – all das schwang in der sakral aufgeladenen Bedeutung des Wortes mit. Und natürlich waren Tapubrüche mit Strafen bedroht. Dabei durften auf den Inseln Ozeaniens Häuptlinge und Priester, die kraft göttlicher Abstammung eine sakrale Aura hatten,  ein Tapu verhängen. Moral wurde hier von den Mächtigen gemacht. Nicht, wie teils andernorts, von Schwachen, um sich vor der Willkür der Starken zu schützen.

Der griffige Titel „Tabu?!“ greift allerdings etwas kurz. Denn die Ausstellung ist weniger eine Tiefenbohrung zum Thema Tabu als vielmehr ein ethnologischer Rundumschlag. Es geht um Verbotenes, Unerklärliches, Geheimnisvolles – und um diverse Strategien von Menschen, verborgene Kräfte und geheimes Wissen für sich zu nutzen. So zeigt die Schau Kampfschilde aus Neuguinea, auf denen die Bilder von Geistern und Ahnen prangen – sie sollten übersinnlichen Beistand im Kampf gewährleisten. Am Sepik-Fluss in Neuguinea verzierten Menschen einst die Schädel ihrer Ahnen mit Ton und Perlmutt, um sich deren Kräfte in Zeremonien anzueignen.

Aus Afrika stammen teils furchterregende Masken. Tänzer nutzten diese bei Fruchtbarkeitsfesten oder Begräbnissen, um übernatürliche Wesen zu verkörpern. In Angola versuchte man, mit Fetischen  Krankheiten fernzuhalten. Oft sollten bedrohliche Mächte durch solche Darstellungen gebannt werden – wobei das Benennen des Furchteinflößenden dann im Grunde das Gegenteil des Tabuisierens war, das andere Kulturen pflegten. So trugen in Brasilien Tänzer bei Totenfeiern Bastmasken. Sie verkörperten dämonische Kräfte, die im Laufe der Zeremonie gezähmt wurden.

Vom Amazonas stammen auch besonders farbenprächtige Exponate. Von bunten Federn erhofften sich die Menschen magische Kräfte. Ein komplexes System regelte, wer wann welchen Federschmuck tragen durfte. Rituell schlugen auserwählte Männer dann Brücken zur schöpferischen Kraft der Urzeit. In vielen Kulturen galten solche Schamanen als Experten für die höheren Kräfte. Ein Kostüm aus dem Sibirien des 18. Jahrhunderts – eines der Prunkstücke der Schau – zeigt, wie ein solcher Schamane beim Volk der Ewenken gekleidet war: Lange Lederfransen müssen bei extatischen Tänzen wie Schlangen durch die Luft geflogen sein.

Viele der exotischen Exponate muten fremd oder kurios an. Dennoch fällt der Blick, den die Ausstellung auf andere Kulturen wirft, immer respektvoll aus.  Sie ist ein globaler Streifzug zu all den Antworten, die verschiedene Zivilisationen auf die ganz großen Fragen des Lebens gegeben haben. Allerdings lassen sich mikronesischer Ahnenkult, afrikanische Riten und sibirischer Schamanismus dabei nicht immer leicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Der Vergleich ergibt keine anthropologische Konstante, die Ausstellung präsentiert keinen verborgenen Schlüssel, der ein Grundmuster im menschlichen Verhalten gegenüber vermeintlich höheren Mächten offenbaren würde.

Gleichwohl hat Kuratorin Jutta Steffen-Schrade drei Dinge ausfindig gemacht, die Menschen zu allen Zeiten umgetrieben haben: der Tod, das Bedürfnis nach Orientierung und eine Balance der Ordnung. Dabei treten auch immer wieder Tabus auf den Plan: „Sie wurden immer unterschiedlich definiert – doch der Begriff ist auch heute hochaktuell“, sagt Museumsdirektorin Katja Lembke. Im ambitionierten Begleitprogramm der Schau geht es unter anderem um Sterbehilfe, Kindesmissbrauch und Depressionen im Profifußball. Am 23. Januar treffen Buchautor Thilo Sarrazin und Sozialministerin Aygül Özkan in der Talkrunde „Schafft Deutschland sich ab?“ im Landesmuseum aufeinander.

Am Ende der Ausstellung können Besucher am Bildschirm selbst eingeben, was ihnen zu Tabus einfällt. Über Geld zu reden erscheint einigen tabu. Plagiate in der Kunst. Kritik an Beschneidungen. „Keine Tabus mehr zu haben“, schreibt ein Besucher, „das wäre ein Tabu.“
„Tabu?!“ ist bis zum 7. April zu sehen. Infos auch zum Begleitprogramm unter (05 11) 9 80 76 86 und auf www.landesmuseum-hannover.de.

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