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20:15 29.08.2014
Von Jutta Rinas
Link will darauf aufmerksam machen, „mit welch erschreckend geringer Empathie schwer kranke Menschen in manchen Krankenhäusern behandelt werden“. Quelle: HAZ
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Hannover

Es ist - so scheint es - Franziskas Todesurteil. Darmkrebs, mit Metastasen bis hinauf in die Lunge. Die Onkologin, die ihr die Diagnose mitteilt, wirkt unbeteiligt: Im Stakkatoton informiert sie Franziska darüber, was ihr bevorsteht: Chemo-/Strahlentherapie des Darms, dann Operation des Tumors, dann Chemotherapie der Lunge, danach sei „Schluss“. Die wenigen Monate, die ihr blieben, würden „grauenhaft“ werden.

„Ich habe Kinder, meine Tochter ist zwei Jahre alt“, wendet die 40-Jährige verzweifelt ein. Dann solle sie sofort mit der Dokumentation ihres Sterbens beginnen, einem Fotoalbum für die Kinder mit ihren Gefühlen und Fotos auf dem Weg zum Tod, als Andenken sozusagen, sagt die Ärztin. Sie begreift nicht, wie sarkastisch das klingt. Niemand möchte bei seinen Angehörigen als Sterbender in Erinnerung bleiben. Franziska geht auf ihr Zimmer, ruft ihre Mutter an und beginnt zu schreien. Schreit und hört nicht wieder auf. Die Reaktion des Personals könnte kaum zynischer sein. „Scheiße“, ruft ein Pfleger. „Suizid ist das Letzte, worauf ich heute Lust habe.“

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Franziska ist die Schwester der Schriftstellerin Charlotte Link. Bei ihrem Vornamen nennt Link sie in ihrem neuen Buch oder bei ihrem Kosenamen Tschesie. Tschesie stirbt sechs Jahre nach der so vernichtend formulierten Krebsdiagnose an einer Lungenfibrose, im Alter von 46 Jahren. In ihrem ersten nicht belletristischen Werk nimmt Link, die sonst psychologische Spannungsromane schreibt und mit einer Gesamtauflage von 24 Millionen Büchern eine der erfolgreichsten deutschen Autorinnen ist, Abschied von ihr. Sie versucht, so heißt es im Vorwort, durch die schreiberischen „Aufräumarbeiten“ in den Alltag ohne die geliebte Schwester zurückzufinden.

Aber nicht nur das. Link will auch darauf aufmerksam machen, „mit welch erschreckend geringer Empathie schwer kranke Menschen in manchen Krankenhäusern behandelt werden“, wie alltäglich auch verheerende Fehldiagnosen sind und wie selten Ärzte mit ihrem manchmal einzigen verbliebenen Kapital, der Hoffnung, operieren. Link ist nicht die Erste, die diese Missstände anspricht. Zeitnot, Schlampigkeit, Fehldiagnosen als Folge eines überlasteten Krankenhaussystems prangerte 2010 auch der unheilbar an Knochenkrebs erkrankte, hannoversche Pädagoge Wolfgang Bergmann öffentlich an: Es sei „ein Wunder, dass da nicht reihenweise Leute sterben, allein aus Versehen.“ Links Buch heißt schlicht „Sechs Jahre“. Es erscheint am Montag.

Schon der so sachliche Titel, der nur den Zeitraum des Kampfes der Schwester gegen den Krebs benennt, zeigt die Haltung der Autorin. Auch fast alle Kapitelüberschriften sind Zeitspannen, „Juni/Juli 2006“, „2010“, „Dezember 2011-Februar 2012“. Es sind Meilensteine im „Krieg“, im „Abwehrgefecht“ gegen den „Todfeind“, über den außer dem engsten Familienkreis kaum jemand etwas weiß. Link beobachtet genau und schildert sehr offen, was ihre Schwester, sie selbst und die Familien erleiden. Auch die eigene Verzweiflung, die Erschöpfung, die entsteht, weil Link die Schwester intensiv begleitet, Nervenzusammenbrüche und schwere Allergien als Folge der Belastung, lässt die Bestsellerautorin, die sonst eher zurückhaltend mit ihrem Privatleben umgeht, nicht aus. Aber sie dramatisiert nie. Was sie zu sagen hat, spricht für sich. Es ist dramatisch genug.

Franziska kämpft mit den Folgen von Chemo- und Strahlentherapie: Schwäche, Appetitlosigkeit, Hautverbrennungen an Bauch und Becken von der Bestrahlung, Übelkeit. Link schildert eine Szene, in der ihre Schwester neben einer leukämiekranken Frau liegt, die zur selben Zeit wie sie ihre Chemo bekommt. Beide erbrechen danach die halbe Nacht hindurch. Beider Mütter sitzen neben ihnen und entleeren wieder und wieder die Spuckschüsseln. Szenen wie diese gibt es einige in dem Buch. Man vergisst sie nicht.

Franziska leidet auch unter schweren Angstzuständen, Todesangst. Nur mit Psychopharmaka hält sie sie in Schach. Die Medikamentenabhängigkeit nimmt sie in Kauf. Sie ist das kleinere Übel.

Mit am schwersten aber wiegt, dass Fehldiagnosen der ohnehin Schwerkranken die so hart erkämpfte, verbliebene Lebenszeit weiter erschweren. Nicht nur die Prognose jener Onkologin, Franziska habe nur noch wenige Monate zu leben, erweist sich als falsch. Franziska lebt noch sechs Jahre. Ohne jedes Bewusstsein für die eigene Fehlbarkeit diagnostiziert im selben Jahr ein Chefarzt „Herzmetastasen“, ein weiterer eine „Peritonealkarzinose“, beides Todesurteile. Beide Male liegen die Ärzte falsch.

Schlampigkeit, Ignoranz, hatte bei Franziska schon einmal fast zum Tod geführt. Als sie zum ersten Mal - mit 23 Jahren - an Krebs erkrankt, einem Morbus Hodgkin, deuten mehrere Ärzte die Symptome falsch, als Hormonstörung, verschleppte Erkältung. Erst nach Monaten wird der Krebs entdeckt, Franziska wird dennoch geheilt. Dass so ein Sieg über den Krebs nicht notwendig für immer hält, ist eine bittere Erkenntnis dieses Buches.

Franziska kämpft trotz allem bis zuletzt, um jeden einzelnen Tag. Es ist vermutlich das, was das Buch auch für Nichtbetroffene so lesenswert macht. Dass es so eindringlich daran erinnert, dass Leben, Altwerden dürfen, nicht selbstverständlich ist.

Charlotte Link: „Sechs Jahre. Der Abschied von meiner Schwester“. Blanvalet-Verlag, 320 Seiten, 19,99 Euro.

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