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08:47 07.08.2013
Von Uwe Janssen
Sachlich und emotional –  Robert Häusser Quelle: Robert Häusser / Archiv

Moor beruhigt. Stehend. Gehend. Und sehend. Robert Häusser war im Moor. Im Emsland, nahe Nordhorn. Tag für Tag stapfte er in den Februartagen des Jahres 1984 mit seiner Hasselblad-Kamera durch die Landschaft. „Es ist nur ein kleines Stückchen Landschaft, still und verschlossen“, resümiert Häusser am 24. Februar, „sie öffnet sich, wenn ich ihr aufgeschlossen und einfühlsam begegne. Dann weiß ich mehr. Dann habe ich manche Erkenntnis gewonnen. Auch für mein Leben.“

Diese Erkenntnisse hat er in einem „Moortagebuch“ zusammengefasst, in nur 24 Aufnahmen und begleitenden Texten, in denen sein mitunter zäher Kampf um das richtige Motiv und die richtigen Rahmenbedingungen deutlich wird. „Die Füße nass, eiskalt, friere, habe keine Lust mehr“, notiert er schon am ersten Tag. Doch er bleibt hartnäckig. Eine knappe Woche später keimt Hoffnung auf: „Es öffnet sich etwas! Spüre, dass ich jetzt dazugehöre. Bekomme jetzt etwas in den Griff.“ Häusser machen „Kälte, Nässe und immer schärferer Wind“ zu schaffen, er flucht, aber am zwölften Tag bricht der Himmel auf. „Was für ein Licht!“ frohlockt der Fotograf, Stunden später konstatiert er: „Wieder Regen, Regen, Regen. Ich will nicht mehr. Bin durchgefroren.“

So lebhaft seine Schilderungen, so spartanisch, konzentriert, kontemplativ sind die zwei Dutzend Bilder, streng grafisch und in Schwarz-Weiß, wie immer bei Robert Häusser. Als der Mannheimer seine Moorexpedition im Niedersächsischen festhält, ist er längst ein vielfach ausgezeichneter Fotograf. Der Kunstpreis der Stadt Nordhorn, den er in jenem Jahr verliehen bekommt, hat ihn überhaupt erst in die Gegend verschlagen. Das Moortagebuch wird eins seiner bekanntesten Werke. Es steht exemplarisch für den Stil des Künstlers, der mit dem lapidaren Satz „Besessen muss man schon sein, sonst braucht man gar nicht erst anzufangen“ eine Grundvoraussetzung für seine Art des Arbeitens festlegte. Mit einer Rolleicord-Kamera eines im Zweiten Weltkrieg gefallenen Nachbarn fing für den 1924 in Stuttgart geborenen Häusser alles an. Über eine Fotografenlehre und ein Zeitungsvolontariat kam er zum Fotografiestudium an der Schule für angewandte Kunst in Weimar. Seine Bilder begeisterten; durch Ausstellungen, Veröffentlichungen und eine Karriere in der Gesellschaft Deutscher Lichtbildner wurde die DDR-Führung auf ihn aufmerksam und registrierte auch seinen regen Austausch mit Künstlern im Westen. Als er das „Angebot“ einer Funktionärstätigkeit im Kulturbund der DDR ablehnte, bekamen er und seine Frau Druck und Schikane zu spüren – und zogen 1952 nach Mannheim.

Seine Fotografie war schon zu diesem Zeitpunkt eine internationale Attraktion – obwohl sich Fotografie als Kunstdisziplin erst etablierte. Häusser gab ein wenig Orientierung. Fast stoisch rückte er scheinbar leblose Dinge und Landschaften in den Mittelpunkt und lenkte das Betrachterauge durch seine hart kontrastierten Schwarz-Weiß-Aufnahmen und ungewöhnliche Blickwinkel auf die grafischen Qualitäten des Motivs. Dass auch oder gerade diese „sachlichen“ Fotos nicht nur Kühle, sondern immer auch eine Schwere, Einsamkeit oder Melancholie ausstrahlen, ist Häussers Kunst – und sicherlich seiner emotionalen Arbeitsweise und der für ihn notwendigen Besessenheit geschuldet. Später wandte er sich auch dem Menschen zu – und indirekt seiner eigenen Vergangenheit: Den Bau der Berliner Mauer dokumentierte er in einer bemerkenswerten Langzeitreportage.

1995 erhielt Robert Häusser als erster Deutscher den Hasselblad Preis, den wertvollsten Fotopreis der Welt, und stand zu Recht in einer Reihe mit Henri Cartier-Bresson, Irving Penn und Richard Avedon. Robert Häusser ist der Stadt Mannheim immer verbunden geblieben, seinen Vorlass von mehr als 64000 Arbeiten vermachte er schon zu Lebzeiten dem dortigen Reiss-Engelhorn-Museum. Nun ist Robert Häusser im Alter von 88 Jahren gestorben.

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