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Kultur Lieben mit Haut und Haaren
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00:15 21.12.2013
Von Stefan Stosch
Große Gefühle: Adèle (Adèle Exarchopoulos, links) himmelt Emma (Léa Seydoux) an. Quelle: dpa
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Hannover

Klar, die Bettszenen: Sex in aller Ausführlichkeit, zwei junge Körper beim Akt, bestens ausgeleuchtet und minutenlang. Hier werden keine Decken verschämt ins Bild gerückt, die Entscheidendes verdecken, hier triumphieren Lust und Leidenschaft. Beim Festival in Cannes wurde angeregt debattiert, wie nahe diese erotischen Bilder an der Pornografie seien.

Das will schon etwas heißen, wenn sich die großzügigen Franzosen in die Rolle von Voyeuren gedrängt fühlen – in der, andererseits, Kinobesucher ja immer stecken. Aber schon bei der Premiere in Cannes war klar, dass in diesem maßlosen, überschwänglichen, intensiven Film noch viel mehr steckt.

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Auch die Jury um Steven Spielberg sah das so, die „Blau ist eine warme Farbe“ mit der Goldenen Palme bedachte. Erstmals in der Festivalgeschichte ging der Hauptpreis nicht allein an den Regisseur, den 1960 in Tunis geborenen Franzosen Abdellatif Kechiche, sondern auch an die beiden furchtlosen Hauptdarstellerinnen Léa Seydoux und Adèle Exarchopoulos. Der Preissegen könnte sich noch fortsetzen: Soeben wurde „Blau ist eine warme Farbe“ auch für den Golden Globe als bester ausländischer Film nominiert.

Das Sinnliche in diesem Film erstreckt sich keineswegs nur auf den Sex: Allein wie die angehende Lehrerin Adèle (Exarchopoulos) Spaghetti isst, ist ein Genuss – obwohl oder gerade weil sie kleckert und ihren ausdrucksstarken Mund mit roter Soße beschmiert. So hat selten jemand Nudeln im Kino gegessen.

Ganz nah geht die Kamera da ran. Sowieso ist der Regisseur begeistert von den Gesichtern seiner beiden Schauspielerinnen. Immer wieder zoomt er Münder und Augen in Großaufnahme herbei. Kechiche himmelt Adèle und Emma (Seydoux) an – und Adèle himmelt Emma an.

Mit einem jungen Mann hat Adèle gerade eine herbe Enttäuschung erlebt, wie das eben so passiert auf dem selten schmerzfreien Weg des Erwachsenwerdens. Nun stürzt sie sich umso heftiger in die Amour fou mit der um ein paar Jahre älteren Künstlerin mit den blau gefärbten Haaren, die so selbstgewiss durchs Leben geht, über Jean-Paul Sartre oder Egon Schiele diskutiert und sich überhaupt nicht um gesellschaftliche Schranken zu scheren scheint.

Hier geht es um ganz große Gefühle, um Herz und Schmerz, Liebeslust und Seelenpein, und das so absolut und unverbraucht, als passiere das alles zum ersten Mal. Nach drei Stunden ist man tatsächlich enttäuscht, dass die so schön-traurige Erzählung schon zu Ende sein soll. Oder ist sie nur unterbrochen? Im Original hieß der Film „La Vie d’Adèle – Chapitre 1 & 2“. Da könnten ja noch ein paar Kapitel folgen. Der Regisseur kann sich nach eigenen Worten durchaus vorstellen, einen Kinozyklus zu entwickeln, wie es François Truffaut mit seiner Kinofigur Antoine Doinel getan hat.

Aber dann müsste man künftig wohl allein Adèles Weg folgen (auch weil Seydoux sich zwischenzeitlich mit ihrem Regisseur überworfen hat). Grenzenloses Glück mit Emma ist Adèle nicht beschieden. Die beiden kommen aus verschiedenen Welten, die sich auf Dauer kaum zusammenbringen lassen. Hier die intellektuelle Künstlern, der ihre Kunst über alles geht, dort die praktisch orientierte Lehrerin, die Kindern etwas für ihr Leben mitgeben will.

Immer wieder werden die beiden auf ihre gegensätzliche soziale Herkunft gestoßen, immer stärkeren Druck übt die selbstsüchtige Emma auf ihre jüngere Freundin aus, eine andere zu sein, als diese ist. Schmerzhafte Risse tun sich auf, die sich auch durch körperliche Nähe nicht wieder kitten lassen.

Regisseur Kechiche, hierzulande bekannt durch die Komödie „Couscous mit Fisch“, gelingt mit dieser sehr freien Verfilmung des Comics von Julie Maroh etwas genauso Einfaches wie Kompliziertes: eine große, moderne Liebesgeschichte, in der mit Haut und Haaren geliebt wird.

Ach ja, um Pornografie handelt es sich übrigens nicht: In den Hunger auf die Geliebte mischt sich eine Zärtlichkeit und Ehrlichkeit, wie sie bei Sexfilm-Gymnastik wohl kaum zu finden sein dürfte.

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