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Kultur Tabu or not Tabu?
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00:15 18.08.2013
Von Stefan Stosch
„Wer Körperflüssigkeiten eklig findet, kann es mit dem Sex gleich bleiben lassen“: Die Schweizer Schauspielerin Carla Juri als Helen. Quelle: Majestic/dpa
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Kultur

Wer hätte das gedacht? Der Flug von Spermafäden über einer Pizza kann durchaus einen ästhetischen Reiz haben. Ein Tampontausch zwischen zwei jungen Mädchen in benachbarten Klokabinen ist tatsächlich witzig. Und eine mit frischem OP-Blut beschmierte Marienfigur verletzt nicht unbedingt religiöse Gefühle. Jedenfalls nicht in diesem Film.

Dabei war mit dem Schlimmsten zu rechnen, als bekannt wurde, dass Charlotte Roches Körpersaftroman „Feuchtgebiete“ ins Kino kommt. Das ist jener zweieinhalb Millionen Mal verkaufte Bestseller, bei dem sich die Literaturkritiker vor fünf Jahren uneins waren, ob er denn nun von Selbstbefreiung vom Schönheitswahn, von pubertärer Selbsterkundung oder doch eher von schwer erträglicher Selbstverstümmelung handelte.

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Fraglich schien dabei eigentlich nur: Würde die ganze Angelegenheit so ekelhaft ausfallen, dass den Zuschauern nur die Flucht aus dem Kino bleibt? Oder würden die zahlreichen beteiligten Filmförderungsstellen dem provokativen Projekt jedes Erregungspotenzial austreiben?

Es kann Entwarnung gegeben werden: Regisseur David Wnendt hat eine elegante Komödiengratwanderung hingelegt, ohne je in die Gefahr zu geraten, abzustürzen. Und der 35-Jährige trägt geradezu überbordendes Selbstbewusstsein zur Schau: Zu Beginn lässt er den Kommentar einer „Bild.de“-Leserin einblenden, in dem diese ihren Abscheu nach der Buchlektüre herausposaunt. Sekunden später wird lustvoll auf einen Po gezoomt.

Ach nein, stimmt gar nicht: Die delikate Körperpartie entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als die trickreich gefilmte Kniebeuge der 18-jährigen Helen (Carla Juri), die nach einer misslungenen Intimrasur auf dem OP-Tisch eines Krankenhauses landet und erst einmal dem arroganten Oberarzt (Edgar Selge) den Inhalt ihrer Wundwasserblase am Gesäß ins Gesicht spritzt.

Kunstvoll spielt der Regisseur mit den Erwartungen der Zuschauer und führt sie immer wieder in voyeuristische Fallen. Bei einer Heldin, die nach eigenen Worten kaum zwischen Wirklichkeit, Lüge und Traum unterscheiden kann, ist das ein probates Mittel. Und wenn es wirklich um nacktes Fleisch geht, verlegt Wnendt die entscheidenden Zonen haarscharf außerhalb des Kameraausschnitts. Schon in seinem vorigen Film „Kriegerin“ (2011) über eine junge Frau in einer Neonazi-Clique beherrschte der Regisseur das subtile Spiel mit Grenzen sehr gut. So wird manche Zumutung entschärft oder durch deftige Ironie aufgefangen - ganz ähnlich, wie es Regisseur Danny Boyle in „Trainspotting“ nach dem Junkie-Roman von Irvine Welsh praktiziert hat. Da tauchte der Held 1993 in seiner Fantasie in einem fürchterlich verdreckten Klo ab.

Eine gewisse Robustheit ist dem Zuschauer dennoch zu empfehlen. An Urin, Kot und allerlei anderen Lebenssäften wird in „Feuchtgebiete“ nicht gespart - „Feuchtgebiete“ ist denn auch erst ab 16 Jahren freigegeben. Es verhält sich mit diesem Film so, wie es die experimentierfreudige Helen in einem anderen Zusammenhang einmal ausdrückt: „Wer Körperflüssigkeiten ekelhaft findet, kann es mit dem Sex auch gleich bleiben lassen.“

In der zweiten Filmhälfte schält sich die eigentliche Geschichte rund um Helen heraus. Ihre ruppigen Provokationen dienen einem einzigen Ziel: Sie will vom Krankenhausbett aus ihre geschiedenen Eltern wieder zusammenbringen, egal, wie sehr sie dafür bluten muss. Deutlicher als im Roman wird dieser tiefere Antrieb sichtbar.

Feuchtgebiete“ ist bei allen Blut- und Spermamonologen die Geschichte eines einsamen Teenagers, der schon viel Leid und Lieblosigkeit in seinem Leben erfahren hat. Axel Milberg als Vater (tanzend in Unterhose!) und Meret Becker als Helens Mutter (mit Kruzifix in der Hand!) spielen ganz wunderbar egoistische Eltern, die allein ihren sexuellen und religiösen Gelüsten folgen. Helens Schnoddrigkeit ist der verzweifelte Protest gegen eine enttäuschende Erwachsenenwelt.

Hauptdarstellerin Carla Juri, 1985 in Locarno geboren, ist die eigentliche Entdeckung des Films. Sie spielt Helen mit entwaffnender Natürlichkeit und Naivität. Die Schweizerin bleibt auch dann Sympathieträgerin, wenn sie auf einer völlig verdreckten Klobrille herumrutscht, ihre „Blumenkohl“-Hämorrhoiden mit Salbe bestreicht oder Avocadokerne zur sexuellen Selbstbefriedigung einsetzt. Dass Juri gelegentlich durch ein Körperdouble ersetzt wurde, schmälert keinesfalls ihren schauspielerischen Mut. So ein Double hatte die international gefeierte und ähnlich mutige Charlotte Gainsbourg in Lars von Triers Psychothriller „Antichrist“ aus dem Jahr 2009 auch.

Am Ende darf Helen bei ihrem struppeligen Krankenpfleger Robin (Christoph Letkowski) ihr verdientes Glück suchen. In diesem Moment wird der Film doch noch ganz bieder und brav. Aber genau so steht’s auch im Buch.

Von Donnerstag an im Kino.

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