Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Eine Sache der Natur
Nachrichten Kultur Eine Sache der Natur
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:12 07.10.2013
Eine Biolehrerin und wie sie die Welt sah: Beatrice Frey in ihrem fulminanten Schauspielsolo „Der Hals der Giraffe“. Quelle: Sandal

Ein Fall für Beatrice Frey. Schon als sie entschlossenen Schrittes mit ihrer altmodischen Tasche in den „Klassenraum“ Cumberlandsche Bühne marschiert und ihren Hut auf dem Schauskelettschädel ablegt, läuft da keine Schauspielerin durch den Raum, sondern die Lehrerin Inge Lohmark, 55, Meck-Pomm, Bio und Sport. Fortan wird sie gute anderthalb Schulstunden lang ohne Pause über die Schule, die Schüler, die Kollegen, die Welt und das Leben dozieren – aus ihrer Sicht, ihrer speziellen, verbitterten, verbohrten, verfestigten, verhärteten Sicht. Über sich spricht sie nur ungern, aber eigentlich tut sie es die ganze Zeit.

Lieber spricht sie über ihre Schüler. Über Kevin und Jennifer, über „skrupellose Oberweiten“ und „Wettbewerbsbusen“ und über „Opfer auf Lebenszeit“.  Der freundlichen, offenen Art ihrer jüngeren Kollegin, die sie in ihrem Kopf längst zur Konkurrentin aufgebaut hat und die sie nur „die Schwanneke“ nennt, weiß sie sich nur mit Hohn und Verachtung zu erwehren. Deren „Schlüsselreizshow“ findet sie billig und abscheulich. In Lohmarks Logik lassen sich sogar ganz andere Assoziationsketten rechtfertigen: „Wer sich von Schülern beim Vornamen nennen lässt, nimmt sie auch zum Kuscheln mit ins Bett“, sagt sie.

Autorin Schalansky hat ihr Buch einen „Bildungsroman“ genannt. Anita Augustin und Florian Fiedler nennen ihre Bühnenadaption „Bildungsdrama“. Man darf den Begriff gern auch im übertragenen Sinne deuten, denn eigentlich passiert nichts in diesem von Helen Danner inszenierten Stück. 75 Minuten lang erlebt der Zuschauer eine großartig aufspielende Beatrice Frey, deren Figur nach und nach ihre dramatische Einsamkeit entblößt. Nichts in ihrem Ton, nichts an ihrer Mimik und Gestik ist gelassen, alles ist vernagelt von Selbstschutzattitüde, von Arroganz, Ignoranz und Spott.

Die Natur hilft der Biolehrerin. Was die Natur regelt, ist Gesetz, und sie hat sich genügend Beispiele rausgesucht – vielleicht passt „selektiert“ hier besser –,  um ihre starren Thesen zu untermauern. Genüsslich breitet sie ihrer Schulklasse aus, wie bei Steinadlern die stärkeren Jungen ihre schwächeren Geschwister töten. Über ihre Gefühle sprechen kann sie nicht, wohl aber in allen Details die Besamung bei Rindviechern schildern und das mit der speziesübergreifenden These „Befruchten ist Handwerk“ zusammenfassen. Fressen und gefressen werden findet sie nicht nur wunderbar, es scheint sie fast zu befreien.

Manchmal, nur manchmal, spricht sie über ihre Tochter „in Amiland“. Man hat sich voneinander abgewandt, wer von wem zuerst, wird nicht ganz klar. Sicher ist nur: Recht machen hätte die Tochter es ihrer Mutter ohnehin nicht können – vom Augenblick an, als sie geboren war.
Man hängt an den Lippen der grauberockten Schauspielerin. Auch, wenn sie aus dem Deklamieren aussteigt und im gleichen Duktus kurze Szenen schildert, die aus der Buchvorlage stammen. Immer, wenn man denkt, es sei jetzt genug der Selbstzerfledderung, setzt sie noch einen drauf. Das ist höchst sehenswert und es ist denkwürdig, denn jeder kennt so einen Menschen wie Inge Lohmark, egal, ob Biolehrerin oder nicht.

Wären doch die Schulstunden früher auch so kurzweilig gewesen. Dafür muss Beatrice Frey sechs Applause nachsitzen.
Weiter am morgigen Dienstag, 29. Oktober und 3. November: (05 11) 99 99 11 11.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Kultur Dieter Hallervorden im HAZ-Interview - „Ich bin kein Clown“

Dieter Hallervorden spricht im HAZ-Interview über den Film „Sein letztes Rennen“, Humorzwang und den Umgang mit dem Alter. Am Donnerstag stellt der 78-Jährige seinen neuen Film in Hannover vor.

06.10.2013
Kultur „Dornröschen“ in der Staatsoper - Teller, höher, weiter

Die Staatsoper Hannover präsentiert ein überraschendes, frisches „Dornröschen“. Am vergangenen Wochenende feierte der neue Ballettabend von Jörg Mannes Premiere.

06.10.2013
Kultur Besetztes Haus soll Kulturzentrum werden - Große Pläne für „Rote Flora“

Es war ein Theater, ist seit 20 Jahren besetzt: die „Rote Flora“ in Hamburg. Nun schmiedet ein Investor große Pläne für das Gebäude.

05.10.2013