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Kultur Der Honig hat den Bären gefressen
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21:53 25.07.2013
Kibbuzerfahren: Amos Oz. Quelle: Archiv
Hannover

Sie heißen Joav Karni, Zvi Provisor oder Roni Schindlin. Und sie leben im Kibbuz Jikhat, in einer Gesellschaft also, die von der Grundidee her die Einsamkeit verneint. Hier schlafen Babys in Babyhäusern, die Kinder helfen nach der Schule in der Werkstatt, auf dem Feld oder im Stall. Hier weiß jeder über jeden fast alles. In diesem Kosmos, in dem Privatheit nicht möglich scheint, siedelt Amos Oz, der 1939 in Jerusalem geboren wurde und mit 15 Jahren selbst einem Kibbuz beitrat, seine acht Geschichten an.

Es sind acht, es könnten Hunderte sein, die er zu erzählen hätte. Jede steht für sich, alle sind sie miteinander verbunden. Begebenheiten und Figuren tauchen immer wieder auf - aus anderer Sicht, an einem anderen Tag. Im fließenden Rhythmus schlägt das Atmen des Erzählers den Takt. Zwar spricht ein kollektives Wir, doch mit der Empathie des Einzelnen.

Dieser fiktive Kibbuz kann ein schützender Mantel sein und eine Zwangsjacke eben auch. „Wenn du im Kibbuz von heute noch auf den Beinen stehst, warten alle darauf, dass du hinfällst, und wenn du hingefallen bist, dann stürzen sie herbei und wollen dir hochhelfen.“ So sieht es Henja Kalisch, eine 60-jährige Witwe, von den Gründerjahren an dabei, als „alle eine Familie“ waren. „Und in den Nächten schliefen wir gemeinsam in Zelten, und wenn jemand im Schlaf sprach, hörten wir alle, was er sagte.“ Bei der neuen Generation wittert sie Neid und Missgunst. Ihr Sohn Jotam könnte in Italien studieren, finanziert vom Onkel. Doch die Vollversammlung muss zustimmen, denn eigentlich soll „jeder junge Mann und jedes junge Mädchen“ nach dem Militärdienst mindestens drei Jahre im Kibbuz arbeiten. Danach entscheidet der Ausbildungsausschuss, wer was lernen soll und wann und wo. Es geht um Rahmen, Regeln und Prinzipien. Um das Prinzip der Treue, das der Gleichheit, das der Trennung der Kinder von ihren Eltern. Es gibt Verfechter dieser Prinzipien, und es gibt jene, die darunter leiden. Auf nicht wenige trifft beides zu.

So wie bei Roni Schindlin, dessen spitzzüngigen Kommentare stets ins Schwarze treffen. Als Klatschmaul gilt er und Spötter, als gewissenhafter und fleißiger Arbeiter. Seine Frau Lea zeigt sich von der eher kühlen Seite, auch dem Sohn Juval gegenüber, der ist fünf. Die Erzieherinnen mögen ihn nicht, die anderen Kinder verspotten ihn, „weil er sich nicht gegen seine Angreifer wehrte, weil er nicht gesellig war und so viel weinte“. Roni würde gern viel mehr Zeit mit Juval verbringen, schweren Herzens bringt er ihn abends zurück ins Kinderhaus, wo der Kleine leidet, allein mit seiner Angst. Dann, endlich, versucht Roni, seinen Sohn zu schützen. Der Leser wird ihm noch mehrfach begegnen, dann wieder dem Klatschmaul, dem spaßigen Spötter.

Der Schmerz und die Liebe, sie sind ein Paar, das Amos Oz innig tanzen lässt. Auch wenn die Liebe immer wieder mit der Freiheit fremdgeht - sie hält sie doch nicht aus. Zvi Provisor, der Gärtner, zwanghafter Überbringer schlechter Radionachrichten, flieht vor einem möglichen nahen Leid in die Gewissheit ferner Katastrophen. Seine Geschichte ist, wie einige andere auch, von einer alles durchdringenden Traurigkeit, die in der Sprache lebt: „Dann wanderte er noch eine Weile über die menschenleeren Wege, von nassen Zweigen fielen Tropfen auf seinen unbedeckten Kopf.“ Mit wenigen, treffenden Sätzen malt Oz Details und Szenen großer Bilder. Osnat wird von ihrem Mann wegen einer anderen verlassen. „Der Honig hat den Bär gefressen“, kommentiert Roni.

Es riecht nach Orangenschalen und Mist, immer summen im Hintergrund die Kriege, die Kibbuzmitglieder tragen Waffen, wenn sie nachts auf Wache gehen. Die Handlung spielt in der Regierungszeit Ben Gurions, erster Premierminister des Staates Israel, was er mit einer Unterbrechung bis 1963 blieb.

Wieder berührt Amos Oz als großer Erzähler, der so viele Fenster in so viele Richtungen öffnet. Der Kibbuz „verändert die Gesellschaftsordnung ein wenig, aber die menschliche Natur ändert sich nicht, und die ist alles andere als einfach“, denkt Osnat. Eine Idee wird großgeredet in Erziehungs-, Gesundheits- oder Kulturausschüssen - und klein gelebt unter den Freunden und Genossen, die vor Entscheidungen stehen, wie sie nur die Seele treffen kann. Bei allem sind diese berührenden, durchaus auch komischen Geschichten vom Menschen außergewöhnlich schön.

Amos Oz: „Unter Freunden“. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Suhrkamp. 218 Seiten, 17,95 Euro.

Von Janina Fleischer

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