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Kultur Der Klang des Abschieds
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19:11 27.06.2014
Von Jutta Rinas
Genau auf den Punkt: Dirigent Eivind Gullberg Jensen bei der Probe zu seinem Abschlusskonzert im Funkhaus. Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

In dieser Saison schien es mit der Radiophilharmonie und den Starsolisten wie verhext zu sein. Nach Schlagzeuger Martin Grubinger und Geigerin Midori sagte zum Schluss auch noch Klarinettist Martin Fröst seinen Auftritt ab. Und wie reagierte der scheidende Chefdirigenten Eivind Gullberg Jensen, um dessen letztes Konzert mit „seiner“ Radiophilharmonie im Großen NDR-Sendesaal es sich handelte? Der 42-Jährige schickte eine SMS an die Pianistin Hélène Grimaud, einen von Konzertveranstaltern heiß umworbenen Star der Klassik. Wortlaut: „Bist du da frei?“ „Ja“, lautete schlicht Grimauds Antwort. Die beiden Künstler sind befreundet.

Es ist offenbar nicht nur typisch für Gullberg Jensen, dass er Dinge auch jenseits des regulären Konzertbetriebs regeln kann. Es ist auch typisch für ihn - und sehr sympathisch -, dass er darüber so offen redet. Witzig, unkompliziert, unprätentiös gibt er sich bei seinem letzten Einführungsgespräch für ein Konzert im Kleinen NDR-Sendesaal auf dem „Gelben Sofa“, als er Moderatorin Friederike Westerhaus die Grimaud-Anekdote erzählt. Warum er für sein letztes Konzert als Orchesterstück Strawinskys „Sacre du Printemps“ ausgesucht habe, fragt sie. Es habe mehrere Ideen gegeben, gibt der Norweger, braungebrannt, in Konzerthose und lässigem Pullunder auf dem Sofa sitzend, zurück. Eigentlich sei es Zufall gewesen, sagt er dann. Hält inne. Lacht. „Ganz ehrlich? Die Planung ist so lange her, ich weiß es nicht mehr.“

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Wie denn die Vorbereitung mit Einspringerin Grimaud gelaufen sei, fragt Westerhaus weiter. Die sei erst am Morgen in Hannover mit dem Flieger angekommen und sofort zur Probe gefahren. „Wir haben 90 Minuten gearbeitet, dann war alles gut.“ Eivind Gullberg Jensen lacht wieder. Die Zuhörer im voll besetzten Saal lachen auch. Das Abschiedskonzert von Eivind Gullberg Jensen im Funkhaus scheint ein sehr vergnüglicher Abend zu werden.

Er wird auch ein großartiges Konzerterlebnis, weil zwischen zwischen Gullberg Jensen und Grimaud auch musikalisch alles harmoniert. „Klavierelfe“, „Engel am Klavier“ wird die Französin wegen ihrer zarten Erscheinung genannt. Bei Brahms’ klangmächtigem 1. Klavierkonzert in d-Moll zeigt sie, dass auch Engel manchmal Krallen haben. Mit donnerndem Ton und großer Leidenschaft pflügt die zierliche Frau durch den ersten Satz. Grell blitzen die gefürchteten Oktavtriller auf, wechseln sich ab mit seelenvollen Passagen. Die klangliche Abstimmung mit dem Orchester passt noch nicht ganz, das Blech ist oft zu laut, wenn es leise perlendes Klavierspiel eigentlich nur mit Basstönen grundieren soll. Aber was schon anklingt, ist der gemeinsame Puls, der - von Eiving Gullberg Jensen emphatisch gesteuert - Orchester und Solistin durchströmt.

Im Adagio wird er zur Offenbarung, zu berührender, traumverlorener Klangpoesie, bei der alle wunderbar im Gleichklang sind. Nach einem so virtuos wie furios gespielten dritten Satz, holt das begeisterte Publikum die Pianistin immer wieder auf die Bühne. Eine Zugabe gibt sie - nach diesem Kraftakt ist das kein Wunder - dennoch nicht.

Dafür gibt es im zweiten Teil Strawinskys „Sacre du Printemps“, jenes Stück, das bei seiner Uraufführung 1913 für einen der größten Skandale der Musikgeschichte sorgte. Von Chaos, von Brutalität, von primitiven Rhythmen und harschen Klängen ist es geprägt, dabei ist es hochkomplex und in der Klangsprache ungeheuer modern konstruiert. Wie klangschön und differenziert die Bläser der Radiophilharmonie spielen können, zeigen sie schon in einer atemberaubenden Introduktion. Geradezu soghaft wirken später die so archaischen Rhythmen, trotzdem hat der gesamte Sacre eine große Transparenz. Gullberg Jensen, der künftig frei arbeiten will, wirkt auffallend gelöst, dirigiert wie befreit und dennoch hochkonzentriert, genau auf den Punkt. Was für ein gelungener Abschiedsabend!

Open Air ist Gullberg Jensen am Sonnabend, 19. Juli, um 21 Uhr noch mit „Tosca“ zu hören. Das Konzert ist ausverkauft.

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