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„Der König der Löwen“ – So ist das Remake des erfolgreichsten Zeichentrickfilms aller Zeiten

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12:51 17.07.2019
Der kleine Prinz wird nicht gern belehrt: Simba hält den Wesir Zazu für einen notorischen Verhinderer toller Abenteuer. Quelle: Foto: Disneyl
Hannover

Abba hatten Besseres zu tun, Benny Andersson sagte eine Beteiligung an „König der Löwen“ ab, sonst hätte die Pause der vier Popschweden nur elf Jahre gedauert statt ein halbes Leben. Und auch in Disneys Geschäfts- und Kreativetagen war man nicht überzeugt von dem Stoff: Brudermord, Verstoßung eines Kindes, die schlechte Nachricht, dass der edle König der Tiere bei Hungergefühlen schonmal – „circle of life“ – seine Untertanen frisst. Düster, viel zu düster!

So mussten die Regisseure Roger Allers und Rob Minkoff im Haus der Maus geradezu um Animatoren betteln. Man hätte auf Warzenschwein Pumbaa und Erdmännchen Timon hören sollen, die als Bud Spencer und Terence Hill in Tiergestalt für die Lacher im Film sorgten. Deren Song „Hakuna Matata“, eine Art Update zu „Dschungelbuch“-Bär Balus „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“, hieß übersetzt „Keine Sorge“. Warum auch? Sprechende Tiere zogen immer bei Disney und so war es natürlich auch beim „König der Löwen“.

Der König der Löwen – Das Original sah jeder im Advent 1994

Der ist mit fast einer Milliarde Dollar Einnahmen der bis heute erfolgreichste Zeichentrickfilm aller Zeiten und begründete das Zeitalter der Trickfilm-Blockbuster. Jeder sah ihn damals, als Deutsche in der Adventszeit noch in den Weihnachts-Disneyfilm zu gehen pflegten, und er ist einem noch so frisch in Erinnerung, dass man kaum glauben mag, dass ein Vierteljahrhundert seit seiner Premiere vergangen ist.

Jede Szene könnte man nachspielen, jeden Dialogsatz mitsprechen. Wieso eine Neuverfilmung, wenn das Original von der ersten Sekunde bis zur letzten so unnachahmlich, so einmalig gelungen war?

Weil den mächtigen Disneys neben der Beballerung der Leinwände mit zu vielen „Star Wars“-Filmen eine weitere lukrative Idee gekommen ist: Einfach die supercharmanten zweidimensionalen Filmklassiker aus den eigenen Archiven – von „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (1937) bis „Bärenbrüder“ (2003) – als Computertrick-Realfilme zu remaken. Alle paar Monate einen. Angefangen hat das schon 1996 mit „101 Dalmatiner“. Die heutige Inflation dieser Streifen passt zum Nummer-Sicher-Boom, der Hollywoods Output derzeit so megalangweilig macht: Aufs Vertraute setzen, alles Neue versetzen, den schnellen Dollar machen.

Der König der Löwen – Rafiki salbt den Prinzen diesmal nicht mit Obst

Der Vorspann des Updates ist denn auch bis ins letzte Bild so, als hätte man ihn mit copy und paste in Computertrick übertragen: Nashorn und Gepard machen sich auf den Weg, die Blattschneiderameisen tragen ihre grünen Schnipsel über einen Ast des Baobab, während unter ihnen die Zebraherde dahinzieht und die Elefanten im Dunst des Kilimandscharo wanken.

Am Ende hält Rafiki, der Löwenaffe und Schamane, den Völkern der Savanne den neugeborenen Thronerben vor, das Löwenbaby Simba, König Mufasas Sohn – eine ikonische Szene die ähnlich oft parodiert und persifliert wurde wie Leonardos und Kates Ozeanumarmungsszene in „Titanic“. Dass der Mandrill den Prinz diesmal nicht mit Obstsaft, sondern mit rotem Wurzelstaub salbt, ist so ziemlich der einzige Unterschied.

Und so geht es weiter wie bekannt: Der kleine Prinz ist erstmal ein fürchterlicher Angeber, wie ein Oligarchensohn, der in der Privatschule damit angibt, dass er auch mit drei Fünfen im Zeugnis versetzt werde, da brauche sein Vater nur ein paar eigentlich unfinanzierbare Schulprojekte zu sponsern. Die Aussicht, ein Reich zu erben, macht Sima altklug und hoffärtig. So begeht er den Fehler, seinem bösen Onkel Scar mitzuteilen, dass er eines Tages auch ihn herumkommandieren werde.

Der König der Löwen – Bösewicht Scar ist richtig furchterregend

Scar, ein wirklich übel zerzauster Leu, der seine vielen Narben offenbar einem früheren unstatthaften Griff nach Bruder Mufasas Macht über die grünen Lande verdankt, schickt Simba zum verbotenen Elefantenfriedhof, wo er auf den Hunger der dort residierenden Hyänen hofft (deren schwarze Gesichter an die Orks aus Peter JacksonsHerr der Ringe“-Filmen erinnern). Scar tötet seinen Bruder, schiebt die Schuld auf Simba, schickt ihn in die Wüste.

Und übernimmt das Löwenrudel. Die Hyänen dürfen jetzt Antilopen morden wie es ihnen beliebt, der unerkannte Mörder macht seiner Schwägerin Avancen und das Paradies wird zur Hölle. Düster, noch viel düsterer als 1994 dräut hier die Endzeit. Und freigegeben ist das alles ab sechs Jahren, was echt freigiebig ist von der Freiwilligen Selbstkontrolle.

„Great“ werde seine Regentschaft, verkündet Scar den entsetzten Löwinnen und diese Vokabel kommt einem bekannt vor, hier wird die Kopie ein Film im eigenen Recht, deren Story besser in unsere Zeiten passt als in die Clinton-Ära. Ein Lump, der sich mit Lumpengesindel umgibt, erhebt die Lüge zur Wahrheit und diffamiert die Wahrheit als Lüge.

Der König der Löwen – Vieles erinnert an Naturfilmaufnahmen

Scar verspricht ein „glorreiches Zeitalter“, aber seine Politik führt direkt in ein soziales und ökologisches Desaster. Die Herrschaft der Verdorbenen erinnert an das Weiße Haus von heute, dessen Chef sich ja wie jüngst per Twitter in die Welt ging, auch als monarchisch auf Lebenszeit Regierender gefiele. Man hätte Scar das Wort „Deal“ aus den Fängen rutschen lassen können, wenn er die Hyänen als Garanten seines Regimes rekrutiert.

Alles hier sieht bis ins Detail nach Afrika aus, man erliegt der Illusion recht schnell, und viele Szenen wirken wie National-Geographic-Dokumentationen mit besonders gelungenen Schnappschüsse aus Mutter Natur. Daran, dass Simba und seine Kindheitsfreundin Nala sprechen können, gewöhnt man sich auch rasch.

Wenn der einem echten Löwenjungen bis aufs Haar gleichende digitale Simba aber „I just can’t wait to be King“ singt (gezeigt wurde bei den Pressevorführungen die englischsprachige Originalversion), wird man – anders als beim gezeichneten Vorgänger – doch kurz aus der Illusion geworfen. Mögen echte Löwen sprechen, aber echte Löwen singen nicht. Sie kriegen die Lippenbewegungen auch nicht hundertprozentig hin. Erst als Warzenschwein Pumbaa wie ein Bierkellerpavarotti grölt, ist man mit dem animalischen (Pseudo-)Belcanto versöhnt.

Der König der Löwen – Disneys Realfilme sind nicht immer geküsst

Disneys Real-Life-Remakes waren nicht immer geküsst: Robert Strombergs „Maleficent“ (2014) war cool, weil der Film das Märchen „Dornröschen“ mal aus Sicht der bösen Fee (Angelina Jolie) erzählte, und Favreaus „The Jungle Book“ (2016) machte den Partyurwald des lustigsten aller Disneyfilme zu einer Welt auf Leben und Tod.

Aber Tim Burtons Versuch über den fliegenden Elefanten „Dumbo“ (2019) wies im Frühjahr mehr Dekorationsfreude als Liebe zur Geschichte auf, und hätte man neulich beim Dschinn von Guy Ritchies „Aladdin“ einen Wunsch freigehabt, man hätte sich nach zwei Dritteln aus 1001 Nacht nach Hause gewünscht aufs Sofa, um ein wenig zu netflixen.

Der neue König der Löwen ist allerbeste Unterhaltung

Der neue „König der Löwen“ jedoch hat Majestät, hat fotorealistische CGI-Tiere, die zu glaubwürdigen Charakteren werden, was wirklich an Zauberei grenzt. Und wo das nur 88-minütige Original etwas zu schnell an sein Happy End gelangte, bringt Jon Favreaus Zweistünder dramatische Extensions beim Showdown der Könige. Ob das ein Erfolg wird? Hakuna Matata!

Abba hat auch Favreau nicht gekriegt, die planen derzeit ihr eigenes Comeback als Avatare. Aber Beyoncé singt zum Niederknien schön.

Gut gebrüllt, Löwe!

„Der König der Löwen“, Regie: Jon Favreau, 119 Minuten, FSK 6

Von Matthias Halbig/RND

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