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10:27 05.02.2014
Von Martina Sulner
Der südafrikanische Multimedia-Künstler William Kentridge und eine afrikanische Sängerin stehen am 30.01.2014 bei einer Fotoprobe des Theaterstücks „Drawing Lessons / Refuse the Hour“ im Schauspielhaus in Hamburg auf der Bühne. Vom 31.01.2014 bis zum 02.02.2014 werden die Theaterstücke „Drawing Lessons“ Teil 1-5 und „Refuse the Hour“ im Schauspielhaus aufgeführt. Foto: Malte Christians/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
Der südafrikanische Multimedia-Künstler William Kentridge und eine afrikanische Sängerin stehen am 30.01.2014 bei einer Fotoprobe des Theaterstücks „Drawing Lessons / Refuse the Hour“ im Schauspielhaus in Hamburg auf der Bühne. Vom 31.01.2014 bis zum 02.02.2014 werden die Theaterstücke „Drawing Lessons“ Teil 1-5 und „Refuse the Hour“ im Schauspielhaus aufgeführt. Foto: Malte Christians/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: Malte Christians
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Hamburg

Es beginnt ganz unspektakulär: Ein Mann steht am Bühnenrand und liest einen Text. Es ist eine Geschichte darüber, wie er als Achtjähriger das erste Mal die griechische Sage von Perseus gehört hat. Der, wie es das Orakel vorausgesagt hatte, tötet seinen Großvater - durch einen Diskuswurf bei einem Wettkampf. Warum nur, fragt sich der Achtjährige verzweifelt, hat der Großvater bei dem Wettkampf ausgerechnet dort gesessen, wo er saß? Warum nur hat er nicht einen Moment später in der Arena Platz genommen? Dann hätte er dem Diskus doch entgehen können.

Der Mann, der die Geschichte im Hamburger Schauspielhaus vorliest, ist William Kentridge. Ausgehend von der Kinderfrage nach den schicksalsträchtigen Zufällen, hat der südafrikanische Künstler gemeinsam mit dem Komponisten Philip Miller eine Oper entwickelt: „Refuse the Hour“ (auf deutsch etwa: „Ablehnung der Stunde“).

Unspektakulär ist nur der Beginn der Multimedia-Oper: Kaum hat der Künstler die Geschichte zu Ende gelesen, beginnt auf der Bühne ein großes Spektakel. Rund 90 Minuten erleben die Zuschauer eine Inszenierung, bei der man oft nicht weiß, wohin man eigentlich schauen, worauf man sich konzentrieren sollte. Im Bühnenhintergrund sind etwa riesengroße, altertümliche Metronome zu sehen, die den Takt erst gemächlich schlagen und dann rasend schnell werden. Dazu wirbelt Tänzerin Dada Masilo herum, immer schneller, immer schneller. Da fühlt man sich schon allein vom Zuschauen etwas gehetzt.

Um dieses Gefühl von Gehetzt-Sein und vom Immer-hinterherrennen-Müssen geht es Kentridge - und darum, wie man sich dem möglicherweise entziehen kann. „Refuse the Hour“, das auf Kentridges Documenta-Installation „The Refusal of Time“ fußt, hat dabei keine durchgehende Handlung. Es ist vielmehr eine Ansammlung von witzigen, traurigen, ernsten Szenen, zu denen Miller ziemlich schräge Töne komponiert hat. Tänzerin Masilo verrenkt sich, drei Sängerinnen stimmen, verstärkt und verzerrt durch Flüstertüten, Lieder über die Vergänglichkeit des Lebens an, Kentridge liest Anekdoten, historische Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse vor. Im Hintergrund sind dazu Videos zu sehen, die die Reflektionen über die Zeit illustrieren und manchmal auch ironisieren. Mehrmals läuft da ein Video, das den Südafrikaner in seinem Atelier zeigt: Runde um Runde dreht er dort, auf der Suche nach Ideen. Wann wird nur die Zeit für einen guten Einfall kommen? Und: Kommt sie überhaupt?

Der Abend macht auch deutlich, wie vielfältig William Kentridge arbeitet. Der 58-Jährige zeichnet und macht Animationsfilme; mehrmals war er Gast der Kasseler Documenta, und im Jahr 2003 hat er den Goslaer Kaiserring erhalten. Auch mit der südafrikanischen Handspring Puppet Company, die auch schon in Hannover gastierte, hat er mehrmals zusammengearbeitet.

Im September wird man wieder eine Kentridge-Arbeit in Niedersachsen erleben können. Zu Franz Schuberts 24-teiligem Liederzyklus „Winterreise“ dreht der Südafrikaner 24 Kurzfilme, die nahezu komplett animiert sind. Der Abend mit Bariton Matthias Goerne, Pianist Markus Hinterhäuser und den Filmen ist am 19. September bei den Kunstfestspielen Herrenhausen und zwei Tage später bei den Niedersächsischen Musiktagen in Göttingen zu erleben. Außerdem, so Musiktage-Intendantin Katrin Zagrosek, seien weitere Partner wie die Wiener Festwochen und das Festival Aix-en-Provence an dem Projekt beteiligt. Das sei extrem aufwendig, sagt Zagrosek, da Kentridge, der sich stark mit den Liedern auseinandersetze, alle Vorlagen für die Filme per Hand zeichne.

Natürlich sei Schuberts „Winterreise“ auch ohne Begleitfilme ein wunderbarer Liederzyklus, meint Katrin Zagrosek, doch „Kentridges Arbeit ermöglicht es, einen anderen Weg, zu der Musik zu finden“.

Die Kunstfestspiele Herrenhausen laufen vom 6. Juni bis 1. Juli sowie vom 19. bis 28. September. Die Niedersächsischen Musiktage - Motto: „Glück“ - beginnen am 6. September und enden am 5. Oktober. Die Programme werden im Frühling bekannt gegeben.

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