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Kultur Der Mond macht mobil
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19:53 18.07.2009
Quelle: zur Nieden
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Das Stück trägt den eigentlich wenig poetischen Titel „Brain Damage“. Es erzählt von einem Verrückten, der erst nur auf dem Rasen einer inneren Traumwelt nachhängt. Aber drei Strophen weiter ist er schon im Kopf des Erzählers, und dann tauchen scharfe Klingen auf, verschlossene Türen, berstende Wolken. Man kann schreien, aber niemand hört es. Die Band spielt seltsame Melodien: „Ich sehe dich auf der dunklen Seite des Mondes.“

„The Dark Side of the Moon“ war das erste Konzeptalbum von Pink Floyd, 1973 erschienen, und es gilt als das erfolgreichste Werk der Rock- und Popgeschichte nach Michael Jacksons „Thriller“. Es geht auf der Scheibe um das Verrücktsein und wie man verrückt wird - durch Geld, Krieg, seelische Verletzungen. Die Musiker von Pink Floyd kannten sich damit aus. Syd Barrett, Gründungsmitglied der Band, vereinigte Genie und Wahnsinn in sich, nahm Drogen, was nicht gerade dämpfend wirkte, und 1968 flog er raus. Er starb, schwer psychotisch, 2006. Übrigens: Der Verrückte, der da durch das Lied zieht, heißt im englischen Original „lunatic“.

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Ob es nun die helle oder die dunkle Seite des Mondes ist, sein Zu- oder Abnehmen, sein bleiches Gesicht, seine Entfernung von der Erde oder seine mitunter unheimliche Nähe - der Mond hat die Menschen fasziniert, seit es Menschen gibt. Er ist ein viereinhalb Milliarden Jahre altes Rätsel, das uns mit einem Abstand von etwa 400 000 Kilometern verlässlich durch die dunkle, dunkle Nacht begleitet, ein wenig traurig auf uns herabschaut und eine dankbare Projektionsfläche für Mythen, Träume und Märchen ist. Oder auch für jede Form der Seelenpein. Und damit ist der Mond naturgemäß auch eines der Lieblingsmotive von Dichtern und Songschreibern.

„Füllest wieder Busch und Tal / Still mit Nebelglanz, / Lösest endlich auch einmal / Meine Seele ganz“, dichtete Johann Wolfgang von Goethe in seinen „Schriften“ von 1789. „An den Mond“ hat er den Text genannt. Als ob er ihn anheulen wollte. Da nagt etwas am Innern des Sprechenden, ein nicht näher bezeichneter Verlust. Und den spürt man vor allem nachts. Die Zeit, in der der Mond scheint, ist die Zeit des Schlafs oder des unruhigen Wachens, in jedem Fall: des Unbewussten. „Was von Menschen nicht gewusst / Oder nicht bedacht“, schrieb Goethe in der letzten Strophe, „Durch das Labyrinth der Brust / Wandelt in der Nacht.“

Ein wenig zuvor, 1771, hatte Matthias Claudius sein „Abendlied“ im Vossischen Musenalmanach veröffentlicht: „Der Mond ist aufgegangen / Die goldnen Sternlein prangen / Am Himmel hell und klar; / Der Wald steht schwarz und schweiget / Und aus den Wiesen steiget / Der weiße Nebel wunderbar.“ Claudius nutzte das Gedicht „Nun ruhen alle Wälder“ von Paul Gerhardt als Vorlage, und eigentlich geht es auch bei ihm, wie bei Goethe, gar nicht wirklich um den Himmelskörper, sondern um das, was in ihn und die Nacht hineinprojiziert wird. Bei Claudius ist das eigentliche Thema die Überheblichkeit und Eitelkeit der Menschen, die sich lieber wieder auf die Frömmigkeit besinnen und Gott um einen sanften Tod bitten sollten.

Charles Baudelaire hatte in den „Blumen des Bösen“ ganz anderes im Sinn. Bei ihm ist die „Traurige Luna“ wie eine Frau, die sich kurz vor dem Einschlafen noch einmal mit den Fingern über die Brüste fährt und dann im Traum bisweilen eine Träne fallen lässt, die ein schlafloser Dichter mit der hohlen Hand auffängt. Und Heinrich Heine wünschte sich in seinem Gedicht „Auf den Wolken ruht der Mond“ sogar den Liebestod herbei: Sein lyrisches Ich, nachts am Strand wandelnd, ruft die Nixen, in deren Schoß es seinen Kopf betten will. Und sagt dann: „Singt mich tot und herzt mich tot, / Küsst mir aus der Brust das Leben.“

Er hat eben was Eigentümliches, dieser fahle Geselle, der nicht einmal von selbst leuchtet. Wobei er in den meisten alten Kulturen, bei den Griechen, den Römern, den Chinesen, das Weibliche symbolisierte (und in anderen Sprachen, im Französischen, im Spanischen etwa, ist er auch weiblich). Daher steht der Mond gleichfalls für das Mütterliche und damit für die Ernährung, außerdem für das Unterbewusstsein und die Gefühle. Und er hat seltsame Kräfte. Er leitet die Zugvögel, er bestimmt über Ebbe und Flut. Er lockt Schlafwandler. Es gibt Mondkalender, die ihren Nutzern nahelegen, bei welchem Mondstand sie sich am besten die Haare schneiden lassen oder die Wohnung lüften sollten.

Das kann man belächeln. Aber: Die Bauern säen ihr Getreide bei zunehmendem und ernten es bei abnehmendem Mond, weil es zum einen besser anwächst und zum anderen haltbarer bleibt. Und Bauholz, das in den ersten acht Tagen nach dem Dezember-Neumond geschlagen wird, verzieht sich nicht. Es muss also irgendwas dran sein an dem Einfluss des Erdtrabanten.

Auch bei den Schattenseiten dieses Einflusses. „Mondkälber“ sind Missgeburten (nur bei H. G. Wells gab es in seinem Roman „Die ersten Menschen auf dem Mond“ von 1901 beinahe echte Mondkälber), und die Landbevölkerung kennt ebenso den Begriff „Mondkind“. Die Dramatikerin Vera Kissel hat vor ein paar Jahren ein Stück gleichen Namens verfasst, in dem alle Figuren am Rand der Gesellschaft stehen, als Behinderte, als Alte, als Habenichtse.

Es gibt natürlich auch Literatur, die sich mit dem Mond nur als Mond auseinandersetzt, Science Fiction, und die schönsten Beispiele sind immer noch Jules Vernes Roman „Von der Erde zum Mond“ von 1865 und die fünf Jahre später erschienene Fortsetzung „Reise um den Mond“: Die Astronauten werden mit einer Kanone in einem großen Projektil ins All geschossen. Allerdings erreichen sie den Mond nicht, sondern fliegen drumherum. Außer Neil Armstrong und seinen Kollegen hat es also nur Münchhausen geschafft, dort hinzukommen. Oder noch Peterchen, Anneliese und der seines sechsten Beins verlustig gegangene Maikäfer Herr Sumsemann („Peterchens Mondfahrt“ von Gerdt von Bassewitz).

Doch meistens dient der Mond im Roman, im Gedicht oder bei dessen kleinster Schwester, dem Popsong, als runder oder sichelförmiger, schimmernder Spiegel für etwas ganz anderes. „Blue Moon“, schmachtete Elvis Presley, „you saw me standing alone, / without a dream in my heart, / without a love of my own“. Wobei das Alleinsein seinerzeit offenbar eine Seltenheit im Leben des „King“ war - denn „Blue Moon“ bezeichnet das nicht allzu häufige Phänomen eines zweiten Vollmonds innerhalb eines einzigen Monats.

In Martin Mosebachs Roman „Der Mond und das Mädchen“ geht es weder um einen Mond noch um ein Mädchen, sondern um ein junges Paar, das nach Frankfurt am Main zieht und sich mehr und mehr im Desaster seiner Beziehung verliert. Na, kein Wunder. Wer zieht schon freiwillig nach Frankfurt? Sting besang den „Moon over Bourbon Street“, aber da gibt es mehr düstere Andeutungen über ein Biest, das seine Augen versteckt und nur lieben kann, was es zerstört, und zerstört, was es liebt, als Bemerkungen über den Mond. Und selbst in dem alten Volkslied „Guter Mond“ („du geeehest sohoo stiiihille“) ist der Mond wieder nur Mittel zum Zweck. Er soll einer Frau ein paar beinahe anzügliche Botschaften übermitteln.
Armer Mond also. Alle führen ihn im Munde, keiner meint ihn.

Nur die Brüder Grimm hatten seinen eigenen Wert im Sinn, als sie das Märchen „Der Mond“ aufschrieben. Der hängt in einer Eiche und verbreitet nachts sein sanftes Licht, wenn man regelmäßig Öl nachgießt und den Docht putzt. Aber dann gibt es auch wieder völlig unmondmäßige Verwicklungen, der Mond wird geklaut und gevierteilt, und am Ende muss sogar Petrus höchstselbst einschreiten.

Nur der Vollständigkeit halber: Warum der „Moonwalk“ ebenso heißt, weiß niemand. Und der bereits erwähnte, jüngst verschiedene Michael Jackson hat ihn nicht erfunden. Die ein Vorwärtslaufen vortäuschende Rückwärtsbewegung war schon in dem Film „Kinder des Olymp“ (1945) zu sehen, und der französische Pantomime Jean-Gaspard Deburau konnte dergleichen bereits im 19. Jahrhundert vorführen.

Gute Nacht.

von Bert Strebe

17.07.2009
Martina Sulner 16.07.2009