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08:48 22.08.2013
Von Daniel Alexander Schacht
Zum Kultobjekt erhoben: der vergoldete Einkaufswagen von Sylvie Fleurys in der Kestnergesellschaft Hannover. Quelle: Christian Behrens
Hannover

Wenn Spiegel sich in Spiegeln spiegeln, scheinen sie einander ins Unendliche zu vervielfältigen. Wie trügerisch ein solcher Schein ist, darüber liefert die Kestnergesellschaft mit ihrer neuen Ausstellung schon in der Claussen-Halle gleich hinter der Lobby reichlich Reflexionsstoff. Da hängen 14 riesige, goldgerahmte Spiegel - und verzerren alles dazwischen mit jeder Spiegelung mehr. Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild? Ach was. Die ebenso raumgreifende wie aufmerksamkeitsheischende Performance-Installation von Michelangelo Pistoletto führt vor Augen, wie nahe Selbstbespiegelung und Selbsttäuschung sein können - und wie wenig die Oberfläche der Dinge über diese selbst aussagt.

„Der Schein. Glanz, Glamour, Illusion“, heißt die Ausstellung - und der Titel hat den Kuratoren auch das Auswahlkriterium für die dabei präsentierten Kunstwerke geliefert: Es geht nicht nur um hell leuchtende oder spiegelnd glatte Oberflächen. Es geht auch um ihr Täuschungsvermögen, das es erschwert, Schein und Sein, Illusion und Realität, Original und Kopie zu unterscheiden. Klingt vielleicht abstrakt. Wird hier aber ganz konkret vor Augen geführt.

Wie spiegelnde Oberflächen die Wirklichkeit verzerren, zeigt „Narzissus Garden“ (1966), Yayoi Kusamas Installation aus 700 polierten Stahlkugeln, ebenso wie John Armleders „Spark. Spark. Spark“ (2004), eine wandgroße Installation aus 98 konvexen Plexiglasspiegeln. Die bunten Neonröhren davor - ebenfalls von Armleder - wirken da nur noch wie schmale Lichtstreifen. Um Selbstbespiegelung und Selbsttäuschung geht es in mehreren Videoinstallationen. In „Chewing Gum“ (2008) schlüpft der US-Performancekünstler Kalup Linzy in alle Rollen einer trashigen Clipabfolge, tritt mal als Dragqueen, mal als cooler Rapper auf - und offenbart damit eher seine Sehnsucht nach Glanz und Glamour als seine Identität. Aber was ist in einer Welt unendlicher Vervielfältigung schon das Original? Der Österreicher Oliver Laric lässt in seinem Video „Versions“ (2009-2012) Vor- und Abbilder Revue passieren, zeigt den Weg von Fotos zu Zeichnungen, von der Vorlage zur Kopie.

Goldglanz vermag sogar Objekte zum Kunstfetisch zu machen, die ursprünglich alles andere als Kunst sind oder sogar einst eine Kampfansage ans tradierte Kunstverständnis waren. Sylvie Fleury vergoldet einen Einkaufswagen, stellt ihn auf einen rotierenden Spiegelsockel und erklärt damit ein Konsumentenwerkzeug zum Kultobjekt. Sherrie Levine hat die Konturen von Marcel Duchamps „Fountaine“, seinem 1917 als Readymade zum Kunstgegenstand erklärten Pissoir, präzise in Bronze nachgearbeitet und „Fountain (Buddha)“ (1996) genannt. Und Mark Leckey spiegelt im Video „Made in Heaven“ (2004) einen Ausstellungsraum in Jeff Koons glänzendem Stahlhasen. Ist mehr an Kunstreflexion - in wörtlichem wie übertragenem Sinne - denkbar?

Goldener Schein kann aber auch für ironische Kommentare zur Ignoranz gegenüber dem Leid der Welt genutzt werden: Damien Hirsts Goldtapete, für teure 200 Pfund je Rolle käuflich zu erwerben, zeigt lauter Diamanten - wer um die skandalösen Arbeitsbedingungen in Afrikas Diamantminen weiß, versteht, warum diese Arbeit von 2011 „Tears of Joy“ heißt. Und ein von Felix Gonzales-Torres aufgehäufter 544 Kilogramm schwerer Berg von Bonbons in goldfarbener Folie heißt „Placebo-Landscape“, um daran zu erinnern, dass einst wirkungslose Medikamente, eben Placebos, illusionäre Hoffnungen bei Aidskranken schürten.

Goldglanz als Trostspender - das hat schon lange Tradition: Bereits die Oberfläche des bronzenen Fischbecker Sakralkopfes aus dem 12. Jahrhundert ist mit Silber und Gold belegt, aber immerhin mit echtem. Und 1420 wurde für den Klappaltar eines unbekannten niedersächsischen Meisters zwar Gold eingesetzt, das aber bescheidener, als es den Anschein hat. „Die goldenen Reliefs suggerieren hier eine Goldschmiedearbeit“, erläutert Heinrich Dietz, Kurator der Kestnergesellschaft. „Tatsächlich wurde nur Blattgold eingesetzt.“

Der schöne Schein, nur Lug und Trug? Tatsächlich zählen der Fischbecker Kopf und das Altarbild zu den wertvollsten Objekten des Kestner-Museums beziehungsweise des Landesmuseums. Dass beide jetzt in der Kestnergesellschaft zu sehen sind, zeugt von einer engen Kooperation der Häuser, die sich auch in Führungen von Experten aus dem Landes- und dem Kestner-Museum niederschlägt. Mit dem Landesmuseum ist die Verbindung bei dieser Ausstellung sogar noch enger. „Impuls für die Schein-Ausstellung waren für uns die Pläne des Landesmuseums, den Goldschatz von Gessel zu präsentieren“, sagt Veit Görner. Die Schau „Im goldenen Schnitt“ wird gleichfalls heute im Landesmuseum eröffnet, bei einem Besuch beider Ausstellungen verbilligen sich die Tickets.

Schon heute zur Eröffnung sollte kommen, wer Pistolettos Spiegel-Kunstwerk bei dessen Vollendung sehen will. Denn die besteht in der Zerstörung aller Spiegel bis auf einen. Eben deshalb heißt das Werk ja „14 minus 1“. Vollzogen wird das Happening dieser Vollendung übrigens von einem, der sich auf dramatische Inszenierungen versteht: Schauspielintendant Lars-Ole Walburg soll den Holzhammer schwingen.

„Der Schein. Glanz, Glamour, Illusion“, bis 3. November in der Kestnergesellschaft. Am 28. September findet von 11 Uhr an bei freiem Eintritt das Sommerfest der Kestnergesellschaft mit Führungen, Kinderprogramm, Grill- und Tanzparty statt.

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