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Kultur Der Schöne ist das Biest
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20:06 19.10.2011
Von Stefan Stosch
Der Schöpfer und sein Geschöpf: Dr. Robert Ledgard (Antonio Banderas) beschaut sich das Ergebnis seiner Arbeit – und das schaut zurück.
Der Schöpfer und sein Geschöpf: Dr. Robert Ledgard (Antonio Banderas) beschaut sich das Ergebnis seiner Arbeit – und das schaut zurück. Quelle: Tobis
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Den Schöpfer verbindet mehr als kühles professionelles Interesse mit seiner Schöpfung: Vera ist die Frau seiner Träume – vielleicht aber auch seiner Albträume.

Ledgard hat Vera (Elena Anaya) nach dem Antlitz seiner gestorbenen Frau geschaffen. Sie ist die einzige Patientin auf seinem abgelegenen Landsitz, einer todschick eingerichteten Villa mit angeschlossenem Labor für Menschenversuche. Gerne sitzt Ledgard (Antonio Banderas) nach harten Arbeitstagen da und beobachtet über fest installierte Kameras die von ihm geschaffene Kreatur auf seinem riesigen Plasmabildschirm.

So wird Ledgard zum Voyeur in seinem eigenen Haus: Hingestreckt wie auf einem Gemälde liegt Vera auf ihrem Bett, gekleidet in einen fleischfarbenen Ganzkörperanzug, der ihre Figur noch besser zur Geltung bringt. Manchmal vertreibt sie sich die Zeit in ihrem luxuriösen Gefängnis auch mit Yogaübungen. Der Chirurg hat das von ihm geschaffene Wesen vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen, nur seine Haushälterin Marilia (Marisa Paredes) hat Zugang. Vera ist eine Gefangene – auch in ihrer eigenen Haut.

Ledgard ist besessen von Vera. Was kein Wunder ist: Wir befinden uns in ­einem Film des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar, und der hat sich schon immer gern in extreme zwischenmenschliche Beziehungen hineingesteigert, egal ob die Filme „Das Gesetz der Begierde“ (1987), „Fessle mich!“ (1990), „Sprich mit ihr“ (2002) oder zuletzt „Zerrissene Umarmungen“ (2009) hießen. Bei Almodóvar gingen die Menschen stets weiter als üblich, um ihre Sehnsucht nach Liebe zu stillen.

So viel kriminelle Energie wie Ledgard brachten jedoch die wenigsten Almodóvar-Figuren mit. Der Chirurg hat allerdings auch besonders harte Schicksalsschläge erlitten. Seine Frau konnte er nach einem Unfall, der sie fürchterlich entstellte, nicht retten. Deshalb züchtete er eine menschliche Haut, die gegen Verbrennungen und andere Verletzungen unempfindlich ist. Dann wurde seine Tochter Opfer einer Vergewaltigung – zumindest musste der Arzt das annehmen.

Man darf nicht zu viel verraten – und sollte sich auch schon deshalb vor einer allein auf Fakten konzentrierten Zusammenfassung hüten, weil diese womöglich schnell lächerlich klingen würde. Nur so viel: Die weggesperrte Schönheit ist gleichzeitig das Produkt seiner Liebe wie auch seiner Rache.

„Die Haut, in der ich wohne“ ist als Psychothriller deklariert. Es finden sich darin echte Horrormomente – aber nur ganz wenige. Dies ist alles andere als ein reißerischer Schocker und auch keine Science-Fiction. Momentweise fühlt man sich an Hitchcocks „Vertigo“ erinnert, da bastelte James Stewart ja auch am Idealbild einer Frau.

Und doch handelt es sich bei „Die Haut, in der ich wohne“ um einen echten Almodóvar: Ziemlich bald in diesem extravaganten Werk bricht das Melodram durch, für das der 62-jährige Regisseur Experte ist – nicht zuletzt geht es auch wieder ums Transsexuelle.

Das Drehbuch sollte man besser nicht allzu sehr auf Plausibilität abklopfen, aber wie Almodóvar Tränen beim Publikum herauskitzeln will, das ist schon herrlich unverfroren. Wirklich erfolgreich ist er am Ende allerdings nicht. Dafür kommen die Figuren dem Betrachter bei den vielen verschachtelten Rückblenden nicht nahe genug. Der komplizierte Plot fordert seinen Tribut, dieser Film wirkt vergleichsweise kühl für Almodóvars Verhältnisse.

Dafür erleben wir die Wiederbegegnung eines Regisseurs mit seiner eigenen Entdeckung: Almodóvar hat Banderas mit seinen frühen Filmen populär gemacht, bevor dieser nach Hollywood abwanderte und dort Karriere als Latin Lover machte. So gesehen ist Banderas auch Almodóvars Schöpfung. Der mittlerweile 51-jährige Hauptdarsteller spielt hier ausgesprochen kontrolliert und verzieht kaum eine Miene. Mit der Haut, in der er wohnt, kann er aber immer noch sehr zufrieden sein.

Halb Thriller, halb Melodram, aber nicht das große Ganze. Hochhaus.