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Kultur „Sinn. Ich frag nach Sinn.“
Nachrichten Kultur „Sinn. Ich frag nach Sinn.“
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12:22 06.08.2013
Hannover

Herr Gloor, Sie haben ein einsilbiges Wörterbuch geschrieben. Eigentlich wollte ich zu diesem Anlass mit Ihnen ein einsilbiges Interview führen. Das wollen Sie aber nicht. Warum?
Ich glaube nicht, dass ein einsilbiges Gespräch eine gute Idee ist. Denn die Reduktion auf Einsilber macht die Sprache grob und nimmt ihr alle Sinnlichkeit. Es ist – wie immer – der Wechsel, der den Rhythmus, den Klang, den Drive gibt.

Schade. Denn ich hätte da gerade eine einsilbige Frage.

Nämlich?

Was soll das?

Ich frag mal rück: Was vom Buch steht in Frag? Sinn? Form? Was drin steht?

Sinn. Ich frag nach Sinn.
Da muss ich wieder mehrsilbig werden. Wenn man die beiden Begleitbände links und rechts des Hauptbands stellt, wird gleich klar, wie schmal der ist, wie wenig von den Möglichkeiten der Sprache wir brauchen – schon nur bei den Einsilbern. Nicht einmal ein halbes Prozent aller Einsilber trägt eine Bedeutung. Die Sprache ist noch gar nicht fertig.

Und Sie arbeiten daran, dass Sie fertig wird?
Ja – aber nicht so ganz im Ernst. Man kann das einsilbige Wörterbuch als Aufruf zur Schöpfung lesen. Im Internet habe ich eine Maschine installiert (www.be-deuts.ch), mit der man Silben erzeugen und ihnen Bedeutung verleihen kann. Dann muss man die Sprachgemeinschaft natürlich noch dazu bringen, dieses Wort auch zu verwenden. Das ist natürlich hoffnungslos. In diesem Sinn hat das Projekt eine starke utopische Komponente.

Was fasziniert Sie eigentlich so an Einsilbern?
Jede Silbe ruft einen Eindruck, eine Empfindung und eine Ahnung hervor, was sie bedeuten könnte. Umgekehrt gibt es Dinge, Eigenarten, Gefühle und Eindrücke, die noch keine Benennung haben. Tucholsky fragte: Wie heißt das, was die Blätter der Linde tun, wenn der Wind mit ihnen spielt? Er ist gestorben, ohne es nennen zu können.

Vielleicht ist es auch ganz gut, dass es nicht für alles ein Wort gibt. Was soll denn dieser Vollständigkeitszwang, alles zu benennen?
Ich empfinde es nicht als Zwang zur Vollständigkeit, sondern als Notwendigkeit beim Ausdruck. Beim Schreiben suchen wir ab und zu nach dem richtigen Wort. Wir sind überzeugt, dass es dieses eine Wort einfach geben muss, eins, das genau das ausdrückt, was wir meinen. Manchmal aber gibt es das Wort tatsächlich nicht, auf der ganzen großen Sprachwiese ist es nicht zu finden. Und das am nächsten liegende Wort passt einfach nicht. Warum ist genau an dieser Stelle kein Wort gewachsen? Und wenn eines gewachsen wäre, wie würde es lauten? Und wenn es sie gäbe, all die fehlenden Wörter – welche Geschichten würden sich mit ihnen erzählen lassen?

Nun ja, viele Dichter haben auch mit den bestehenden Wörtern schon ganz gute Geschichten erzählt.
Andere aber haben auch das Neue gesucht. In „Finnegans Wake“ von James Joyce finden sich auf 600 Seiten über 50 000 Wörter, die in keinem Wörterbuch verzeichnet sind. Ziel war nicht die Bereicherung der Sprache, sondern der ideale Ausdruck für Traumhaftes, Verschwimmendes, Überlagertes. Auf die Frage, ob die Wörter der unglaublich reichen englischen Sprache nicht genügt hätten, sagte Joyce, es seien nicht die richtigen gewesen.

Und Sie versuchen jetzt der deutschen Sprache die richtigen Wörter zu geben?
Das einsilbige Wörterbuch versteht sich als Sammlung des Bestehenden und als Inspirationsquelle für das Finden oder Erfinden von Namen oder neuen Wörtern. Ich halte die Silben für das Erbgut der deutschen Sprache. Diese Bezeichnung verweist auf ihr lebendiges, selbstreproduzierendes Wesen und deutet an, dass auch Kombinationen und Mutationen möglich sind, deren Sinn wir nicht gleich auf Anhieb einsehen.

Was sind Ihre drei Lieblingseinsilber?
Das ist einmal zwirsch. Das beschreibt eine verzwickte Lage, man kann auch sagen: Ich bin ziemlich im Zwirsch. Und natürlich gnyt. Das ist etwas, das man unbedingt haben will, obwohl man es gar nicht brauchen kann. Schön ist auch stäph, oder stäf: Wein, der langsam etwas alt schmeckt; nicht so, dass man ihn nicht mehr trinken, aber doch so, dass man ihn nicht mehr jemandem mitbringen kann.

Darf ich wieder einsilbig werden?
Ja.

Wer kauft das?
Das fragt sich der Gloor auch. Aber der wart jetzt erst mal, bis es auf den Markt kommt. Das dürft so gen Mitt Augst der Fall sein.

Dank und Lob. Klappt ja doch!

Interview: Ronald Meyer-Arlt

Zur Person

Beat Gloor,  geboren 1959, hat als Programmierer und Pianist gearbeitet, bevor er sich mit Lektorat, Stil, Schreiben und Namensfindung beschäftigte. Seit 1989 leitet er das Schweizer Unternehmen Text Control. Beat Gloor hat ein „Schreibklavier“ und eine „Schimpfmaschine“ erfunden. Mitte August erscheint sein dreibändiges Lexikon „deuts“, das nicht nur bestehende Einsibler der deutschen Sprache verzeichnet, sondern auch mögliche. Im Internet (www.be-deuts.ch) betreibt Beat Gloor auch eine Einsilberkombinationsmaschine. Hier entstehen neue Wörter, die die Besucher der Seite mit Bedeutung füllen können.

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