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Kultur „Der Silbersee“ feiert am Schauspiel Hannover Premiere
Nachrichten Kultur „Der Silbersee“ feiert am Schauspiel Hannover Premiere
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01:16 21.03.2011
Von Stefan Arndt
Trübe Tassen: Die Aussichten für die Bewohner am „Silbersee“ sind finster.
Trübe Tassen: Die Aussichten für die Bewohner am „Silbersee“ sind finster. Quelle: Katrin Ribbe
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Die Farben der Politik erinnern daran, wie alt dieses Stück schon ist. Die Eisenbahn transportiere einen jeden unabhängig von seinen Überzeugungen, sagt ein Polizist in „Der Silbersee“. Den Roten, den Schwarzen, den Braunen. „Und wenn es Grüne gäbe“, so der Ordnungshüter, „würde sie auch Grüne befördern.“ Im Schauspiel Hannover, wo die 1933 uraufgeführte Schauspieloper in der Regie des Hausherrn Lars-Ole Walburg Premiere hatte, gibt es an dieser Stelle erste Lacher im Zuschauerraum: die überraschende Spätzündung eines 78 Jahre alten Witzes.

Es gibt noch manche Überraschung in diesem vergessenen Stück, das ein Meisterwerk ist: Seine Autoren sind schließlich Georg Kaiser, der expressionistische Erfolgsautor der zwanziger Jahre, und der Komponist Kurt Weill, dessen Bedeutung für die Musik des 20. Jahrhunderts man heute kaum überschätzen kann.

Bekannt ist Weill vor allem für seine Songs aus der „Dreigroschenoper“. Dass er sogar noch mehr kann, ist im fünf Jahre jüngeren „Silbersee“ gut zu hören: Von der lichten Strenge eines barocken Kirchenmusikers bis zu parfümierten Lehár-Walzern oder massig-schwungvollen Arbeiterliedern gebietet Weill hier noch einmal über ein riesiges musikalisches Vokabular, mit dem er eine eigene Sprache formuliert. Es sollte sein letztes in Deutschland geschriebenes Werk werden: Kaum auf der Bühne, wurde das Stück schon wieder verboten, nach Hitlers endgültiger Machtübernahme verließ sein Komponist das Land.

„Der Silbersee“ weist einen andereren Weg in die Moderne, als die europäische Avantgarde und sogar Weill selbst (der in Amerika dem Musical den Boden bereitete) ihn beschreiten sollten. Der produktive Eklektizismus, aus dem die „Silbersee“-Musik ihre Anziehungskraft bezieht, prägte erst ein halbes Jahrhundert später wieder viele zeitgenössische Kompositionen.

In Hannover, wo das leistungsstarke, aber klein besetzte Orchester im Treppenhaus das von Weill vorgesehene große Sinfonieorchester ersetzen muss, entfaltet sich dieser musikalische Kosmos etwas eingeschränkt: Zu oft rückt die Musik in die Nähe des „Dreigroschen“-Tingel-Tangel. Statt Klangzauber, den es hier durchaus zu entfalten gilt, gibt es dann historisierende Nachtklubsounds. Die große Qualität der Partitur bleibt aber selbst dann immer zu erahnen. Unter der Leitung des Dirigenten Thomas Posth leisten zudem die Schauspieler als Sänger Beachtliches: Martin Vischer bewältigt selbst die kompliziertesten Melodien, und auch Andreas Schlager, Sachiko Hara, Beatrice Frey und der Rest des Ensembles geben sich keine Blöße.

Obwohl das, was nach beherzten Strichen von Kaisers Drama übrig ist, sich nicht hinter Brecht-Versen zu verstecken braucht, hat Regisseur Walburg das Stück auf die Musik konzentriert und den ironischen Charakter des im Untertitel verhießenen „Wintermärchens“ sogar noch verschärft. Dabei passt der „Silbersee“ mit seinen Unterschichtlern, die aus Hunger zu Dieben werden, gefährlich gut zu den ernsthaften politischen Diskussionen, die das hannoversche Schauspiel stets anzustoßen bemüht ist. Aber das merkt man ja auch ohne offensichtliche Bilder einer gegenwärtigen Not. So bleibt das Theater hier leicht, lustig und ein bisschen frech. In Reinhild Blaschkes Bühnenbild mit den Videos von Bert Zander darf der röhrende Hirsch im Hintergrund zwischendurch grasen gehen, und die Kostüme von Anne Buffetrille können genauso grell überzeichnet sein, wie es in der Vorlage die Figuren selbst sind.

Am ärgsten trifft es noch die arme Verwandte, die unter den Zumutungen ihrer Gönner zu leiden hat: Statt Klassenkampf gibt es Karikatur. Am Ende sieht der ganze kunstvoll arrangierte Abend so aus, als hätte Tim Burton einen Stummfilm gedreht. Das bedeutet vor allem: Er sieht sehr gut aus. Die politische Sprengkraft, die der „Silbersee“ mit seinem Aufruf zum Tyrannenmord 1933 gehabt haben mag, ist dabei nicht mehr zu erkennen. Aber wie es mit Meisterwerken eben so ist: Das macht nichts.

Wieder am 25. März sowie am 8., 13. und 19. April, Kartentelefon: (05 11) 99 99 11 11.