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Kultur Der Traum vom Luftholen
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13:26 01.04.2010
Felix Landerer
Will Hannover zum Tanzen bringen: Felix Landerer. Quelle: Herzog
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Es gibt viele Vorurteile über männliche Tänzer. Sie seien extrovertiert, reden nur über das Tanzen, posen selbst beim Bestellen von Kaffee und wechseln dauernd ihren Wohnsitz. Der Choreograf, Tänzer und gebürtige Hannoveraner Felix Landerer widerlegt diese Vorurteile innerhalb von Sekunden.

Im Café liegt er fast auf dem Tisch, so entspannt bestellt er ganz leger im Kapuzenpulli seinen Kaffee. Er konzentriert sich bei jeder noch so abseitigen Frage, lächelt viel, und seine Augen wandern, wenn ihm eine Antwort besonders wichtig erscheint. Posen muss Landerer auch nicht. Seine Stücke sprechen für sich. So schnell weggehen wird er ebenso wenig. Der 34-Jährige hat eine Vision: Er möchte aus Hannover eine Tanzstadt machen. Oder zumindest eine kleine Oase in der Tanzwüste. „Zum Luftholen“, wie er sagt.

Fünf Jahre lang hat Landerer im Ensemble der Staatsoper Hannover unter der Ägide von Stephan Thoss gearbeitet. Er kannte Thoss aus der gemeinsamen Zeit in Kiel, wo Landerer nach Stationen in Bielefeld, Nordhausen und der Ausbildung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main und am Gymnasium Essen-Werden tanzte. Dann löste sich das hannoversche Ensemble auf. Die meisten Tänzer suchten anderswo ihren beruflichen Erfolg. Landerer blieb – und verwirklichte sich einen Traum.

„In großen Theatern folgt man strengen Strukturen“, sagt er. Man diene Choreografen als Werkzeug ihrer Vorstellungen. Die Ideen der Darsteller spielten kaum eine Rolle. „Natürlich lernt man unglaublich viel, ist Teil eines kreativen Prozesses“, sagt Landerer. Doch nun hat er sich entschieden, selbst Choreograf zu werden. „Es war ein Bruch, der für mich unglaublich wichtig war – es war der Schritt aus dem warmen Nest heraus“, sagt Landerer mit entschlossenem Gesichtsausdruck. Bei solch klarer Mimik fragt man sich schon, warum er noch den Tanz als Ausdruck braucht.

Seit seinem Schritt in die Selbstständigkeit hat der 34-Jährige mit befreundeten Tänzern hochgelobte Tanzabende und Performances gestaltet. Drei Jahre wollte er sich ursprünglich Zeit geben, um Erfolg zu haben. Anderenfalls wollte er in ein großes Ensemble zurückkehren oder etwas ganz anderes machen. Vielleicht Saxofonspieler werden, der zweite Berufswunsch aus Kindertagen – neben Tänzer.

Eine hannoversche Tanztheaterinstitution verhalf ihm sehr bald schon zum Erfolg: Wolfgang Piontek vom Künstlerensemble Commedia Futura unterstützte Landerer. 2006 zeigte Landerer in der Eisfabrik in der Südstadt seine Werkschau „Alien in my Kitchen“. Die Zuschauerzahlen entwickelten sich gut, die Kritiker waren verzückt. Weitere Projekte mit der Commedia Futura wie etwa „up to 70 cm“ und „Vom Enden der Dinge“ folgten.

Derzeit probt Landerer für einen Tanztheaterabend, der am 1. Mai Premiere feiern soll. Unter dem Titel „Hotel many welcome“ hat er eine Choreografie und ein Stück (Dramaturgie: Peter Piontek) über das Verreisen entwickelt, wo es um die Konfrontation mit sich selbst in einem fremden Umfeld gehen soll.

Auch beim „24. Internationalen Choreographenwettbewerb“, der an diesem Wochenende bei den Ostertanztagen in Hannover stattfindet, ist Landerer dabei. Unter 180 Bewerbern setzte er sich mit 14 anderen Teilnehmern durch. Er ist einer von nur zwei Deutschen, die es in den Wettbewerb geschafft haben.

Ein bestimmtes Erfolgsrezept verfolgt Landerer bei seiner Arbeit nicht: „Es sind mehrere Aspekte, die zusammenwirken“, sagt der 34-Jährige. Auf der einen Seite setzt er auf kleine Teams aus befreundeten Tänzern. „Das bringt eine sehr persönliche Beziehung mit sich, wir können viel besser kommunizieren und diskutieren als in großen Ensembles“, sagt Landerer. Zudem kann er viele Bewegungen vortanzen. Und außerdem bearbeitet er Themen, die dem Tanz besonders nah sind. In seinen Stücken geht es zum Beispiel um menschliche Bindungen und die Frage, warum der Mensch überhaupt Beziehungen zulässt. Oder Landerer fragt nach der individuellen Wahrheit und setzt philosophische Fragestellungen in Tanz um. Er möchte mit seiner Arbeit Fenster öffnen: „Es geht darum, im Team eine Choreografensprache zu entwickeln“, sagt Landerer. Ist diese gefunden und auch vom Publikum angenommen, könnte sich der Standort Hannover noch stärker als Tanzstadt profilieren. Derzeit gebe es lediglich das „Tanztheater International“, das in diesem Jahr 25-jähriges Bestehen in Hannover feiert – oder auch Höhepunkte wie die Ostertanztage. Im Alltag existiere aber nur eine kleine freie Szene, wenig Aufmerksamkeit habe der Tanz als Kunst. Eben kaum Luft. Der Choreograf Landerer will das ändern.

Landerer startet beim Wettbewerb in der ersten Vorrunde am Sonnabend um 14.30 Uhr in der Staatsoper. Der Eintritt kostet 11 bis 18 Euro. Das Finale kostet 17 bis 41 Euro und beginnt am Sonntag um 19 Uhr.

Termine und Anfahrt

Jan Sedelies